„Demenz gehört zu unserer Gesellschaft dazu“
Interview mit Stefanie Klinowski von der Alzheimer Gesellschaft Hamburg e.V.. Sie leitet das Projekt Ankerpunkt Junge Demenz und hat das Filmteam beraten
Den Machern und Mitwirkenden des „Tatorts“ war es sehr wichtig, Demenz so wahrhaftig wie möglich darzustellen. Sind Sie diesem Anspruch gerecht geworden?
Im Vorweg habe ich mich mehrmals mit den Produzenten, dem Autor und Regisseur, der Regieassistentin und dem Kameramann getroffen. Sie hatten sich intensiv in die Thematik eingearbeitet, um Demenz in Sprache, Gestik und Mimik bestmöglich darzustellen. Ich habe das Team dann zu unserer Gesprächsgruppe für Menschen mit beginnender Demenz eingeladen. In dieser Runde war auch der Schauspieler Andreas Lust mit dabei, der sich sehr interessiert zeigte und eine Menge Fragen stellte: Wie fühlt sich eine Demenz an? Welche Gedanken gehen einem durch den Kopf? Wie regelt man bestimmte Situationen? Er hat natürlich genau beobachtet, wie die Leute sprechen und sich bewegen, und daraus sicherlich viel für seine Rolle mitgenommen. Ich finde es toll, dass der „Tatort“ eine so große Tür für das Thema aufmacht.
Demenz ist ein sehr relevantes, gesellschaftliches Thema und damit auch ideal für Film und Fernsehen.. Was hebt diesen „Tatort“ heraus?
Menschen mit Demenz sind in Filmen häufig nur Randfiguren. Im „Tatort“ aber steht einer im Mittelpunkt. Und anders als üblich gibt es im Hintergrund eine große Vielfalt an betroffenen Personen, die in einem Demenzdorf leben. Dadurch wird deutlich, wie unterschiedlich sich Demenz bei den Menschen zeigt. Das Zweite, was mich an der Geschichte berührt hat, ist die Beziehung der Kommissarin zu ihrem Kollegen. Anfangs begegnet sie dem Mann mit Distanz und Verwunderung: Was erzählt er da eigentlich, wie tritt er überhaupt auf? Das ist ein ganz typisches Verhalten. Aber dann geht die Kommissarin auf ihn zu, sie setzt sich mit seiner Erkrankung auseinander und betrachtet ihn auf Augenhöhe. Es entwickelt sich eine Art Freundschaft zwischen den beiden, was ich sehr ergreifend finde.
Haben Sie Alexander Adolph beim Vollenden des Drehbuchs beraten?
Wir sind schon intensiv in den Austausch gegangen, damit im Buch keine Stigmata und keine Klischees benutzt werden. Ich habe auch bei der Requisite, der Ausstattung und den Kostümen beraten. Wie ist eine Wohnung im Demenzdorf eingerichtet? Wie sieht die Kleidung der Bewohner aus? Letztendlich war ich mehrere Male am Drehort und schaute mir die Umsetzung an. Wenn Alexander Adolph am Set das Gefühl hatte, eine Szene sitzt noch nicht so richtig, dann fragte er mich direkt: Wie ist dein Eindruck, sind die Dialoge realistisch, passen die Gesten dazu?
Auf welche Klischees treffen Sie häufig in Ihrem Alltag?
Ich höre zum Beispiel oft den Satz: Die Person leidet an Demenz. Im Drehbuch gab es anfangs eine ähnliche Formulierung, die wir geändert haben. Denn es ist ja nicht der Fall, dass derjenige, der eine Demenz bekommt, per se darunter leidet. Ich betreue viele junge Erkrankte, die definitiv ein gutes Leben führen und sich überhaupt nicht immer krank fühlen. Es ist keine Erkrankung, die einen zwingend körperlich beeinträchtigt und Schmerzen verursacht. Was ich außerdem stigmatisierend empfinde, sind Begriffe wie „der Demente“: Es sind ja immer noch Menschen, die mit einer Erkrankung leben und nicht über ihre Demenz definiert werden möchten, sondern über ihre Ressourcen und das, was sie ausmacht.
Im Film hat der Kommissar wegen seiner Demenz einen Selbsthass entwickelt. Sind erkrankte Menschen total verzweifelt, weil sie feststellen, dass sie plötzlich nicht mehr alles können?
Ja, vor allem vergleichsweise junge Betroffene wie der Kommissar im „Tatort“ sind phasenweise niedergeschlagen, wenn sie merken, dass sie sich verändern. Manchmal fallen die Veränderungen auch dem Umfeld als Erstes auf, zum Beispiel im Job, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, eine Sache nicht erledigt zu haben, weil man sie komplett vergessen hat. Die betroffenen Personen selbst bemerken es zum Beispiel, wenn sie vor einer Kaffeemaschine stehen und nicht mehr wissen, wie sie funktioniert. Oder wenn sie den Weg vom Arzt nach Hause nicht mehr finden. Aber ich bin immer wieder positiv überrascht, wie offen die Menschen damit umgehen und wie lösungsorientiert sie sind. Sie sagen, na gut, dann markiere ich meine Wege eben auf Google Maps, oder ich rufe meine Tochter an.
Was wichtig ist, ist dass Menschen und ihre Angehörigen sich direkt nach der Diagnose, an eine Beratungsstelle wie die Alzheimer Gesellschaften wenden und Unterstützung auf ihrem Weg erhalten. Dort kann ihnen ein „roter Faden“ und Orientierung, mitgegeben werden. Sie können die Erkrankung und die Symptome besser verstehen, einordnen und damit umgehen und ihre Sorgen und Zukunftsängste teilen. Wenn sie merken, dass sie in dieser Situation nicht allein sind und in Gesprächs- und Selbsthilfegruppen auf Verständnis stoßen, können sie mutig nach vorne schauen und den Blick auf das richten, was ihnen wichtig ist und was noch gut geht. Das macht einen riesigen Unterschied!
Im Film gibt es nicht nur dramatische oder spannende, sondern auch lustige Momente. Zum Beispiel wird Charlotte Lindholm von ihrem Kollegen „Karotte“ genannt. Führt die Krankheit oft zu komischen Situationen?
Humor ist eine wichtige Gabe und eine gemeinsame Sprache. Wenn man nicht über jemanden lacht, sondern mit jemandem, dann ist das immer sehr hilfreich und eine tolle Ressource, auch für die Angehörigen. Wenn sie bestimmte Situationen nicht mit einer Menge Humor betrachten würden, dann wäre die Zeit wohl noch schwerer für sie. In unserer Angehörigengruppe berichtete ein Teilnehmer einmal über die neue Vorliebe seines erkrankten Vaters für Döner. Diesem hochgebildeten Mann mit exzellenten Tischmanieren, wie sein Sohn meinte, würde es seit Kurzem eine große Freude bereiten, genussvoll in einen Döner zu beißen und beim Essen sein gesamtes Gesicht zu beschmieren. Wir haben köstlich gelacht, weil der Vater in seiner Demenz so ungewöhnliche neue Seiten zeigt und dabei so viel Freude empfindet.
Was heute Demenz heißt und in 200 verschiedenen Formen auftritt, nannte man vor Zeiten schlicht „Verkalkung“. Hat man das Altern an sich und auch Erkrankungen älterer Menschen früher gelassener gesehen?
Ich glaube, wir sind heute weiter als früher, weil das Thema Scham zum Glück immer weniger eine Rolle spielt. Immer mehr Menschen sind betroffen oder sie kennen jemanden in ihrem Umfeld, der an einer Demenz erkrankt ist oder war. Und diese Hemmschwelle, die Dinge zu benennen und über sie zu sprechen, wird zunehmend geringer, was so wichtig ist. Wir setzen uns dafür ein, dass eine Demenz in Zukunft nichts Besonderes mehr ist, sondern zu unserer Gesellschaft dazugehört, und dass die Betroffenen in die Gesellschaft integriert werden. Früher wurden die Menschen ja noch versteckt, um ihre Erkrankung geheim zu halten und zu vertuschen.
Schauplatz des Films ist ein Demenzdorf in Niedersachsen. Reproduziert das Pflegsystem soziale Ungleichheit, wie der „Tatort“ zeigt?
Derzeit ist das Problem, überhaupt einen Platz im Pflegeheim zu bekommen. Die zweite Hürde ist dann der hohe Eigenanteil, der innerhalb Deutschlands zwischen 3000 und 4500 Euro liegt. Die soziale Ungleichheit fängt also schon bei einer ganz normalen Einrichtung an. Wenn man dann in einer speziellen Demenz-WG leben möchte, steigt der Egenteil auf 5000 bis 8000 Euro, je nach Verlauf der Erkrankung. Wer kann sich das leisten? Erst wenn das Vermögen der Bewohner und der Angehörigen aufgebraucht ist, auf 10000 Euro pro Person, zahlt der Staat Hilfe zur Pflege. Unterm Strich bedeutet das: Entweder man ist sehr vermögend oder hat sehr wenig Geld oder pflegt sich möglichst lange selbst. Aansonsten ist die Pflege im Alter ein schwieriges Thema.
