„Eine solche Rolle spielt man nicht jeden Tag“
Andreas Lust über seine Rolle als Kommissar, der an Demenz erkrankt ist
Sie spielen einen Kommissar mit Demenz. Haben Sie eine besondere Verantwortung gegenüber den Menschen gespürt, die davon betroffen sind?
Es war in jedem Fall eine besondere Aufgabe und natürlich mit der Angst verbunden, ins Klischee zu gehen oder etwas zu erzeugen, was nicht der Realität entspricht. Deswegen war eine größere thematische Beschäftigung vonnöten als bei anderen Rollen, die ich emphatisch schneller nachvollziehen kann oder die mir mehr entsprechen. Zum Glück stand uns Stefanie Klinowski von der Hamburger Alzheimer Gesellschaft als Beraterin zur Seite. Sie hat das Drehbuch gelesen und uns beim Spielen auf die Finger geschaut. Wir haben im Vorfeld mit Teilnehmern ihrer Selbsthilfegruppe Junge Demenz sprechen können, wie sich die Erkrankung kognitiv und körperlich auswirkt und wie sie ihren Alltag meistern. Sind sie noch in der Lage, Auto zu fahren oder ihren Computer zu bedienen? Was tun, wenn die Fähigkeiten verloren gehen? Dieses Treffen war enorm wichtig, um das sichere Gefühl zu haben: Es ist alles wahr, was wir erzählen.
Wie spricht ein Mann, der seine Sprache verliert?
Das kann ich persönlich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Es passiert mir ja manchmal selbst in Gesprächen, dass mir für eine Sache partout das richtige Wort nicht einfällt. Dann bin ich halt am Suchen und stottere herum. Das Beste ist dann, ganz schnell ein Ersatzwort zu finden. Am Anfang, wenn die Demenz noch nicht so weit fortgeschritten ist, können dabei lustige Sätze zustandekommen. Aber da ist noch etwas, was mich beim Kommissar total rührt. Weil er sich nicht mehr auf seine alte Sprache verlassen kann, muss er kreativ sein und neue Ausdrücke erfinden, um die Dinge zu benennen. Das ist noch die witzige Seite an der Geschichte. Gegen Ende hin wird es leider nicht so bleiben.
Haben Sie sich die Motorik eines Menschen mit Demenz angeeignet?
Auf jeden Fall. Menschen mit Demenz sind ja wesentlich tattriger und fahriger als ich das bin. Manchmal befinden sie sich in einer Art inneren Blase. Sie haben auch so suchende Augen, ab ob sie immer den Faden suchen. Manchmal suchen sie auch den Faden im Gegenüber, in der Hoffnung, dass der andere ihnen das Stichwort gibt, um ins Gespräch zurückzufinden. Diese Suche nach dem Faden war das Schlagwort, das ich beim Spielen in vielen Szenen im Kopf hatte.
Der Kommissar sagt: „Ich hasse Demente. Dieser dumme Blick, diese Arschlochmotorik.“ Nimmt er seinen eigenen Verfall bewusst wahr?
Wie viele Menschen mit Demenz ist auch der Kommissar von einem gewissen Selbsthass erfüllt. Weil er wehrlos mitansehen muss, wie er nach und nach verfällt, immer schwächer wird, zu immer weniger imstande ist. Er ist Zeuge seiner langsamen Auslöschung. Das ist furchtbar. Er ist ja kein alter Mensch, sondern stand bis vor Kurzem noch mitten im Leben und leitete ein Team beim LKA. Aus dieser Verzweiflung heraus belegt er sich selbst mit solchen Kraftausdrücken. In der Hamburger Selbsthilfegruppe haben wir mit Personen gesprochen, die zum Beispiel in der IT-Branche in verantwortungsvollen Positionen tätig waren und dann relativ jung Demenz diagnostiziert bekamen. Das war ein ziemlicher Schlag. Sie kamen sich plötzlich so nutzlos vor.
Im „Tatort“ ermittelt der Kommissar gemeinsam mit seiner Kollegin Charlotte Lindholm. Sie werden zu Freunden. Wie war das Zusammenspiel mit Maria Furtwängler?
Es war toll, mit ihr zu spielen. Maria bleibt so bei sich im positiven Sinne. Sie kann nicht lügen. Sie gaukelt nichts vor. Es gibt ja Schauspieler, die bereiten eine Szene vor und haben ein Bild von dieser Szene im Kopf. Und von diesem Bild rücken sie beim Drehen auch nicht ab. Sie bleiben ein bisschen steif. Bei Maria ist es anders. Da gehst du in eine besprochene Szene rein, aber du weißt in dem Moment nicht, was dich noch an Emotionalität erwartet. Also, sie hat mich teils zum Weinen gebracht, einfach nur, indem wir uns angeschaut haben. Weil du in diesem Moment in diesen Augen den nackten Menschen siehst. Da zerreißt es dich.
In Deutschland leben derzeit fast zwei Millionen Menschen mit Demenz, Tendenz steigend. Die Mehrzahl der Familien sind direkt oder indirekt betroffen. Haben Sie im Filmteam darüber gesprochen?
Ja, es gab Teammitglieder mit Angehörigen, die Demenz hatten und sogar verstorben waren. Von ihnen kam während der Arbeit immer ein direktes Feedback. Bei einem Krimi sind die Leute um dich herum normalerweise nicht so emotional beteiligt. Aber in diesem Fall sah ich Tränen, Rührung und Freude am Set. Ich meine, wenn diese Profis mal gerührt sind, dann ist es das größte Kompliment, das du als Schauspieler bekommen kannst. Ich muss ehrlich sagen, dieser ganze Dreh ist mir noch immer stark in Erinnerung, auch wenn ich schon in anderen Projekten stecke. Von den Filmarbeiten, die ich bisher gemacht habe, ist das sicher eine, die mir bleiben wird. Ein solche Rolle spielt man nicht jeden Tag.
