Tatort: Unter Freunden / Unter Feinden

11. OKTOBER 2026 · 20.15 UHR · DAS ERSTE | 18. OKTOBER 2026 · 20.15 UHR · DAS ERSTE

Frank Beckmann, NDR-Programmdirektor

Frank Beckmann, NDR-Programmdirektor

Der Neustart in Kiel - Deep Dive in das Verbrechen

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

der Kieler „Tatort“ steht für spannende Kriminalfälle, starke Figuren und eine besondere Nähe zu den Menschen, die im Mittelpunkt unserer Geschichten stehen. Seit 2018 ist Almila Bagriacik als Kommissarin Mila Sahin ein prägendes Gesicht dieses „Tatorts“. Mit großer Energie, Klugheit und Empathie hat sie diese Figur zu einer festen Größe im Ermittlerteam gemacht. Nun beginnt für den Kieler „Tatort“ ein neues Kapitel – und wir freuen uns sehr, Ihnen eine außergewöhnliche neue Figur an Milas Seite vorstellen zu dürfen.

Zum ersten Mal ist Karoline Schuch als Polizeipsychologin Elli Krieger zu sehen. Sie übernimmt damit eine zentrale Position im Kieler Team und bringt eine ganz eigene Perspektive in die Ermittlungen ein. Elli Krieger schaut genau hin, hört aufmerksam zu und interessiert sich nicht nur dafür, was geschehen ist, sondern auch dafür, warum Menschen handeln, wie sie handeln. Ihre Arbeit führt uns mitten hinein in die psychologische Dimension von Kriminalfällen – in Motive, Abgründe, Verletzungen und in die oft widersprüchliche Natur des Menschen.

Bei der Neugestaltung des beliebten Kieler „Tatorts“ haben wir uns bewusst dafür entschieden, an die Seite einer Kommissarin eine Psychologin zu stellen. Polizeiarbeit besteht heute längst nicht mehr allein aus Spurensicherung, Vernehmungen und klassischer Ermittlungsarbeit. Gerade die psychologische Einordnung von Taten, Tätern und Täterinnen gewinnt immer größere Bedeutung. Um die Geschichten so authentisch wie möglich erzählen zu können, wird die Arbeit an den neuen Tatorten durch die Hamburger Kriminalpsychologin Claudia Brockmann begleitet. Frau Brockmann ist eine ausgewiesene Expertin, die Fälle Reemtsma oder Dagobert und die Suche nach dem Heidemörder Thomas Holst wurden auch durch Ihre Mithilfe als operative Fallanalytikerin aufgeklärt.

Mit Elli Krieger können wir diesen wichtigen Aspekt sichtbar machen und zugleich neue erzählerische Möglichkeiten eröffnen. Wir sind ausgesprochen stolz darauf, Karoline Schuch beim NDR „Tatort“ begrüßen zu dürfen. Sie ist eine der beeindruckendsten deutschen Schauspielerin, die Elli Krieger mit großer Präsenz, feinem Gespür und einer bemerkenswerten Mischung aus Klarheit und Empathie verkörpert. Gemeinsam mit Amilia Bagriacik entsteht ein Team, das unterschiedliche Erfahrungen und Arbeitsweisen verbindet – und gerade deshalb besonders spannend ist. Wir freuen uns sehr auf das neue Team Sahin/Krieger und auf viele intensive, überraschende und hoffentlich auch bewegende Fälle aus Kiel.

Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, wünschen wir viel Freude und Spannung mit diesem neuen „Tatort“.

Frank Beckmann
NDR-Programmdirektor

INHALT
UNTER FREUNDEN

Der Neuanfang in Kiel ist jung und weiblich: Kommissarin Mila Şahin hat sich auf die Nachfolge von Kriminalrat Schladitz beworben, ihre neue Kollegin, Kommissarin Anna Nowak, kennt sie aus gemeinsamen Polizeischultagen in Berlin. Die Wiedersehensfreude ist riesengroß, besonders bei der aufgedreht wirkenden Anna Novak. Während die beiden an ihrem ersten gemeinsamen Fall arbeiten, muss sich Mila Şahin einer psychologischen Begutachtung durch Polizeipsychologin Elli Krieger unterziehen. Mila fühlt sich von der rational auftretenden Krieger unangenehm durchleuchtet. Sie verweigert zunächst die Kooperation. Bei der toten jungen Frau an der Förde deutet alles auf ein Wirtschaftsverbrechen hin. Francesca Polidoro fühlte sich von ihrem Arbeitgeber, der Prometheus AG, einer Firma für Teleskoptechnik, unter Druck gesetzt. Sie hat heimlich Akten und Bilanzen verschwinden lassen. Die weiteren Ermittlungen verweisen auf eine Beziehungstat: Francescas Freund, der Sanitäter Nicky, hat offenbar ein Gewaltproblem. Mila fordert Unterstützung aus dem LKA an. Im Wirtschaftsdezernat trifft sie auf den betont freundlichen Robert Iwersen, der sich ebenfalls auf Schladitz‘ Stelle beworben hat, und seinen Kollege Jan Kuper. Kuper scheint sich mehr für die attraktive Kommissarin Anna Novak zu interessieren als für den Fall. Als Francescas Freund Nicky Suizid begeht, scheint der Fall abgeschlossen zu sein. Doch Mila beschleicht das Gefühl, dass ihr Kollege Kuper ihre Arbeit blockiert und mehr über die Prometheus AG weiß, als er zugibt. Mila steht vor einem Dilemma: Soll sie gegen Kuper eine interne Ermittlung anstoßen oder sich lieber auf ihr Karriereziel konzentrieren - wie Kriminalrat Schladitz ihr rät. Mit Anna Nowak gerät sie darüber in Streit. Anna ist enttäuscht von Mila. Sie fühlt sich einsam in Kiel. Psychologin Elli Krieger empfiehlt Mila ihrem Instinkt zu vertrauen..

INHALT
UNTER FEINDEN

Nach dem Tod ihrer Kollegin und besten Freundin Anna Nowak glaubt Kommissarin Mila Şahin nicht an einen Drogenunfall. Die Kieler Kommissarin will die Wahrheit um Annas Todesumstände
ans Licht bringen – koste es, was es wolle. Mila lässt sich krankschreiben. Gegen den Widerstand ihres neuen Vorgesetzten Robert Iwersen verfolgt sie ihre Ermittlungen gegen Kuper aus dem
Wirtschaftsdezernat heimlich weiter. Sie glaubt fest an ein Netzwerk aus Korruption, organisierter Kriminalität und Geldwäsche. Im Vorzeigeunternehmen Prometheus deutet sich ein tiefer Riss an zwischen Oscar Berger und Viola Berger. Viola fürchte Luca Pelosis Rache. Oscar gibt Viola die Schuld daran, dass sie unter Druck geraten sind, weil sie schmutziges Geld angenommen haben.
Der italienische Mafia-Boss Luca Pelosi reist derweil persönlich nach Kiel, weil die Ermittlungen und die Morde seine Millioneninvestitionen bedrohen. Sicherheitschef Franco Steiner versucht, die Situation zu entschärfen. Mila, die in Kuper die Schlüsselfigur der Korruptionszelle vermutet, will ihn konfrontieren und sucht dabei die Unterstützung von Polizeipsychologin Elli Krieger. Ohne jemanden zu informieren, suchen sie Kuper in seiner Wohnung auf, der hat scheinbar schon auf sie gewartet..

BESETZUNG

Mila Şahin
Almila Bagriacik

Elli Krieger
Karoline Schuch

Anna Nowak
Lilith Stangenberg

Iwersen
Yorck Dippe

Roland Schladitz (nur im ersten Teil)
Thomas Kügel

Jan Kuper
Sven Schelker

Franco Steiner
Sascha Geršak

Paula Rinck (nur im ersten Teil)
Thea Ehre

Oskar Berger
Pascal Houdus

Viola Berger
Sarah Hostettler

u. v. a.

STAB

Buch und Regie
Lars Kraume

Buch (Unter Freunden)
Katharina Adler, Rudi Gaul

Kamera
Jens Harant

Schnitt
Julia Kovalenko, Barbara Gies

Kostümbild
Karin Lohr

Maskenbild
Lena Brendle, Barbara Schlensag, Tanja Adams

Casting
Nessie Nesslauer

Szenenbild
Pouya Mirzaei

Ton
Detlef Fiebig

Musik
Christoph M. Kaiser, Julian Maas

Produktionsleitung
Pascal Biermann, Daniel Buresch (NDR)

Produzentinnnen
Kerstin Ramcke, Sabine Timmermann

Redaktion
Sabine Holtgreve

UNTER FREUNDEN

Drehzeit
15.10.24 – 13.12.2024

Länge
86:10 Minuten

Drehorte
Kiel, Hamburg und Umgebung

„Tatort: Unter Freunden“ und „Tatort: Unter Feinden“ sind Produktionen der Nordfilm GmbH, gefördert mit Mitteln der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks für Das Erste.

UNTER FEINDEN

Drehzeit
15.10.24 – 13.12.2024

Länge
87:20 Minuten

Drehorte
Kiel, Hamburg und Umgebung

Almila Bagriacik spielt

Mila Şahin

Nun steht Mila Şahin also im Rampenlicht. Sie muss sich die Bühne nicht mehr mit Borowski teilen, mit dessen Alleingängen sie immer ein bisschen zu kämpfen hatte. Vielleicht geht es sogar einen Schritt weiter: Mila Şahin hat sich auf die Dienststellenleitung in Kiel beworben. Den Führungsstil alter Schule will sie in den Ruhestand verabschieden. Als Frau mit Migrationshintergrund hat sie Frauen- und Fremdenfeindlichkeit schon viel zu oft erlebt, aber auch Korpsgeist und Korruption. Deshalb hat sie sich ein Wort auf die Fahne geschrieben: Vertrauen. Von der Polizei sollen alle sich wieder Hilfe und Schutz erwarten können.

In den frischen Wind der Zukunft mischt sich ein Hauch Vergangenheit. Anna Nowak ist in Kiel gelandet, Anna, mit der zusammen Mila damals die Polizeischule besucht hat. Anna, mit der sie gefeiert, gelacht, gesungen und getanzt hat. Jetzt sind sie wieder Kolleginnen. Vorerst. Vielleicht ist Mila bald Annas Chefin. Vielleicht auch nicht. Muss Mila dann überhaupt darüber sprechen? Wo die Freundin so offensichtlich angeschlagen ist. Aus Berlin ist Anna geradezu geflohen, aber warum, darüber mag sie nicht so richtig sprechen. Irgendwas mit einer Beziehung. Mila beschleicht das Gefühl, dass sie mehr auf Anna wird aufpassen müssen, als ihr lieb ist.

Konflikte hatte Mila bisher schon genug. Dass der Neustart einen Sack voll neuer Probleme im Gepäck hat, hatte sie nicht erwartet. Ein Mord in einem Vorzeigeunternehmen, also bitte nicht zu streng ermitteln, weil das politisch brisant sein könnte, Wirtschaftsstandort und so weiter. Ob sie als Dienststellenleiterin auch diesen vorauseilenden Gehorsam an den Tag legen wird? Aber über ihre Vorstellungen muss sie sowieso Auskunft geben. Ein Gespräch mit der Polizeipsychologin Elli Krieger ist Teil des Bewerbungsprozesses. Befragt werden und in Frage gestellt werden liegen für Mila nahe beisammen. Was will diese Psychologin? Soll sie Mila Şahin verunsichern? Sollten zwei junge Frauen in so einem männerdominierten Verein nicht zusammenhalten? Und hätte Mila doch bloß nichts von ihrem Korruptionsverdacht gegen einen LKA-Kollegen gesprochen. Denn unvoreingenommenes Ermitteln kann auch schnell als Nestbeschmutzung ausgelegt werden. Oder Untätigkeit als Korpsgeist.

„Ich liebe den selbstverständlichen Umgang mit Şahins Migrationsgeschichte“

Interview mit Almila Bagriacik

Nach Borowskis Pensionierung rückt mit dieser Doppelfolge Mila Şahin ins Zentrum des Kieler Tatorts, und wir bekommen die spannende Gelegenheit, sie besser denn je kennenzulernen. Wie haben Sie die Phase der Weiterentwicklung der Figur erlebt? Hat Mila Şahin Sie neu überraschen können?
2017 habe ich mit Axel meinen ersten Kieler Tatort gedreht. Eine Rolle fast zehn Jahre verkörpern zu dürfen ist wirklich etwas Besonderes. Ich wurde in die Weiterentwicklung viel einbezogen, und uns war allen klar, dass keiner Borowski ersetzen oder an seine Stelle treten kann. Ich bin sehr gespannt, wie unsere Zuschauer:innen auf unsere intensive Doppelfolge reagieren werden.
Şahin kam mit dem Wunsch nach Kiel, sich neu zu erfinden, und durfte feststellen, dass sie ihr Weg in die Ehrlichkeit und Entschlossenheit führt. Sie ist zur Hauptkommissarin aufgestiegen. Das war zu erwarten. Doch Şahins Bewerbung auf die Position der Dienststellenleitung des LKA Kiel hat mich überrascht und gleichzeitig inspiriert. Dieser Drang, mehr bewirken zu wollen und dafür die Komfortzone zu verlassen, hat mich durchaus inspiriert.

Zwei neue Kolleginnen begegnen Mila Şahin: mit Anna Nowak eine alte Freundin und mit Elli Krieger die diensthabende Kriminalpsychologin. Beide lösen ganz unterschiedliche Reaktionen bei Mila Şahin aus. Welche sind das?
Anna Nowak ist Şahins engste Freundin aus der Polizeischule in Berlin. Nowak löst in Sahin nostalgische Gefühle aus, die sich warm und vertraut anfühlen. Aber wenn man so vertraut ist miteinander, kennt man auch die Schattenseiten des jeweils Anderen, die ihre Beziehung im Laufe des Film auch deutlich belasten. Krieger hingehen löst in Şahin Unruhe und Kampfgeist aus. Spannend wird der Umgang mit solch unterschiedlichen Temperaturen.

Von Momenten enormer emotionaler Verletzlichkeit bis zu Augenblicken großer Härte und Konsequenz: Şahins mitreißende Tiefe verleiht dem Kieler Tatort eine ganz andere Atmosphäre. Wie ist das gelungen?
Ich hatte das Privileg, außerhalb des Tatorts in Filmen und Serien außergewöhnliche Figuren zu verkörpern, die Wandlungsfähigkeit verlangten und Wachstum in mir auslösten, sei es menschlich oder beruflich. Ich fand es manchmal schade, meine Bandbreite als Schauspielerin für Sahin nicht einsetzen zu können. Und dann kam Lars, Lars Kraume. Wir haben 2023 gemeinsam den letzten Tatort mit Axel Milberg gedreht, „Borowski und das Haupt der Medusa“. Die Zusammenarbeit war unglaublich bereichernd und sehr angenehm. Weshalb ich mich umso mehr gefreut hatte, als ich erfuhr, dass wir auch das nächste Kapitel gemeinsam beginnen werden. Lars hat nicht nur Regie geführt er hat auch unsere Drehbücher für die Doppelfolge geschrieben. Und wir hatten alle eine gewisse Form von Leistungsdruck, da diese Doppelfolge unser erster Aufschlag werden sollte nach Borowskis Abschied. Nachdem ich die Bücher gelesen hatte, konnte ich den Beginn der Dreharbeiten kaum abwarten. Und endlich dürfen wir mit unseren neuen Folgen in die Öffentlichkeit und haben bewusst darauf verzichtet, die Tatorte „Sahin und …“ zu nennen, um für den Kieler Tatort eine neue Ära einzuläuten.

Im Zuge der Neufindung des Teams werden deutlich patriarchale Strukturen im Kieler Polizeiapparat offenbar, auch Racial Profiling und Korruption werden in beiden
Filmen thematisiert. Ist es Ihnen wichtig, auch kritische Themen wie diese mitzuerzählen?

Das war mir schon immer wichtig und einer Gründe, weshalb ich mit 26 Jahren dem Tatort sofort zugesagt habe. Und ich betone immer wieder gerne, wie viel Verantwortung wir beim Tatort mit unserem Millionenpublikum haben und dass ich es sehr wichtig finde, in unseren Filmen sozialkritische Themen zu behandeln.

Wir erleben Mila Şahin als aktiven Teil der türkischen Community in Kiel, zweisprachig lebend und selbstbewusst ihre Migrationsgeschichte verkörpernd. Was bedeutet Ihnen diese Seite der Figur, die nun stärker betont scheint?
Ich liebe den selbstverständlichen Umgang mit Şahins Migrationsgeschichte. Die türkische Community und das gegenseitige Aufhelfen – der Zusammenhalt ist Şahin sehr wichtig, und trotzdem wird es nicht aus einer sonderbaren Perspektive erzählt, sondern ganz pur und natürlich aus ihrer.

Drei „neue Gesichter“, dazu Ihre Figur mit neuen Ansätzen: Waren die wegen der Doppelfolge langen Dreharbeiten auch gut dafür, um sich hinter der Kamera als neues Team zu finden?
Auf jeden Fall. Wir konnten gemeinsam einen langen Bogen ziehen und einander besonders auch in herausfordernden Situationen kennenlernen. Wobei ich meine Kollegin Karoline Schuch ja bereits kannte. Wir drehten damals meinen ersten Kieler Tatort „Das Haus der Geister“ von Elmar Fischer zusammen, und somit schließt sich für mich ein Kreis, und etwas Neues beginnt. Und gleichzeitig sind wir wahnsinnig große Fans von unserem neuen Kollegen Yorck Dippe. Wir haben schon sehr früh in den Drehbuchbesprechungen begeistert von ihm erzählt und uns mehr Szenen mit ihm gewünscht, während meine Kollegin Thea Ehre mich schon länger begleitet und unser Team versiegelt. Und Lilith Stangenberg in der Rolle der Anna Nowak kam wie ein Geschenk in mein Leben, was man auch in unseren Filmen an unserer Spielfreude und Dynamik deutlich erkennen kann. Wie es mit Anna Nowak weitergeht, wird sich dann in den Filmen zeigen.

Karoline Schuch spielt

Elli Krieger

Elli Krieger, geboren 1981 in Brandenburg, arbeitet zunächst im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie. Sie sitzt – als einzige Frau - im Bewerbungsausschuss für die Kriminalratsstelle in der Mordkommission und trifft hier auf Mila Sahin. Elli Kriegers Aufgabe ist es, Mila Sahin als Bewerberin psychologisch zu begutachten. Sie wird die nach außen selbstbewusst auftretenden Kollegen dazu bringen, Vertrauliches preiszugeben. Auch Milas neue Kollegin Anna Novak vertraut sich ihr an. Dass Annas Geheimnis – ihre Labilität und ihre Anfälligkeit für Drogen – dazu führen wird, dass die Kollegin sich tief verstrickt in eine Beziehung mit einem Verdächtigen, ahnt Elli nicht.

Elli Krieger wuchs in der DDR auf, ohne Vater, mit einem Stiefvater mit mehreren Halbgeschwistern. Nach ihrer Ausbildung als Sozialarbeiterin und dem Studium, war es ihr aus finanziellen Gründen nicht möglich, eine Praxis als Psychotherapeutin zu eröffnen, und so landete sie bei der Polizei und ist selbst überrascht, wie interessant sie dieses Umfeld für sich beruflich findet. Privat fühlt sie sich ihrer Familie verbunden, hält jedoch wenig Kontakt. Vielleicht weil sie unbewusst ein schlechtes Gewissen hat, dass sie sich durch ihre berufliche Laufbahn so weit von ihrer Herkunftsfamilie entfernt hat.

Kriegers Kernkompetenz als Kriminalpsychologin wird die Analyse der Zielperson. Die Frage, warum jemand etwas getan hat, führt zu dem/der, die es getan hat. Krieger sucht die Beziehungsgeschichte zwischen Tatpersonen und Opfern. Dazu schaut sie in die Biografien von Gewaltverbrechern, reflektiert Vor- und Beziehungsgeschichten auf einem Zeitstrahl, um über Verhaltensbrüche Erkenntnisse über die zur Fahndung ausgeschriebene Person zu gewinnen.

Elli Krieger tritt leise auf und wirkt kontrolliert. Was bei der temperamentvollen Kollegin widersprüchliche Emotionen hervorruft. Sie fragt, wartet ab und bewertet ihr Gegenüber nicht. Sie betrachtet die Menschen nicht nur an der Oberfläche, sondern interessiert sich für ihr Inneres. Sie ist der induzierte Zweifel in einer Organisation, die es gewohnt ist, schnelle Entscheidungen zu treffen und nach absoluter Sicherheit strebt. Am Ende des Tatortes „Unter Feinden“ deutet sich an, dass Elli in die Mordkommission wechseln wird als Kriminalpsychologin. Die Zusatzqualifikationen dafür bringt sie mit. Ein Feld, das für sie neu und aufregend ist, auch wenn sie versucht, das nicht zu zeigen. Ihrem Arbeitgeber gegenüber fühlt sich Elli loyal verbunden, sieht sich jedoch nicht als Teil der Befehlskette, da sie jederzeit zurückkehren könnte in ihren alten Job.

In Elli schlummert das Potenzial für viele weitere Erzählungen

Interview mit Karoline Schuch

Die Doppelfolge „Unter Freunden“/“Unter Feinden“ markiert Ihren ersten Fall als feste Ermittlerin des Kiel-Tatorts. Teil eines Tatort-Ensembles zu sein, ist für Sie aber dennoch nichts Neues…
Das stimmt. Zwischen 2001 und 2010 habe ich in sechs Folgen des Köln-Tatorts die Tochter von Freddy Schenk gespielt. Als er hörte, dass ich nun in Kiel einsteige, hat mich der Schenk-Schauspieler Dietmar Bär übrigens sehr beglückwünscht. Für mich war diese Zeit mit der Rolle im Köln-Tatort sehr prägend, und ich habe das damals mit meinen 19 Jahren irgendwie auch als große Ehre empfunden. Ich habe früher oft und gerne Tatort geschaut, gerne mit mehreren Leuten bei einem guten Abendessen, als Abschluss des Wochenendes.

Ihre Figur Elli Krieger ist schon deswegen eine ungewöhnliche Ermittlerin, weil sie Kriminalpsychologin ist. Sie selbst, Frau Schuch, sind Diplompsychologin – wie kam es, dass Sie und Elli Krieger sich gefunden haben?
Weiß nicht, manche Dinge passieren einfach. Hätte man mir eine klassische Kommissarin angeboten, wäre das für mich nicht so interessant gewesen. Jetzt hat mir aber mein Studium keine Carte Blanche beschert, ich musste zum Casting gehen wie sonst auch. Aber vielleicht war das Studium zumindest hilfreich dabei, mich in dem ganzen Kosmos leichter zurechtzufinden. Aber eine Psychologin zu spielen, die die Möglichkeit mitbringt, eine ganz andere Farbe in die Ermittlungsarbeit zu bringen, hat mich total gereizt. Es ist uns als Team ein großes Anliegen, durch diesen psychologischen Ansatz vielleicht ein gewisses Alleinstellungsmerkmal in der Landschaft der vielen Kriminalfilme zu schaffen.

Wie verändert sich denn die Ermittlungsarbeit, wenn eine Psychologin Teil davon ist?
Die Psychologie sammelt zuerst Daten und Informationen, bevor sie mit Erkenntnissen voranschreitet – das kostet Zeit. Ermittlerinnen und Ermittler in Krimis aber zeichnen sich ja oft dadurch aus, dass sie auch intuitiv arbeiten, eine sehr gute Nase haben und ihrem Gespür folgen. Zum anderen glaube ich, dass die Möglichkeit besteht, viel auf Beziehungsebene zu erzählen und auch nicht immer diese Gefälle zwischen Verdächtigen und Ermittelnden zu schaffen. Jedenfalls gibt es da Potenzial für Reibungen, weil die eine Kraft sehr schnell voranschreiten möchte und die andere Kraft sagt: Jetzt warte doch mal.

Im zweiten Film fragt Mila Şahin einmal Elli Krieger, ob sie denn gar keine Möglichkeit hat herauszufinden, ob der Verdächtige lügt. Worauf sie sagt: „Nein.“. Ein Psychologiestudium ist leider keine Superkraft?
Nein, und das ist sicher auch ganz gut so. Aber auch privat haben Menschen nach meinem Studium gedacht, ich wüsste jetzt sofort, was sie denken und hätte für jedes Problem eine Lösung parat. Das ist natürlich überhaupt nicht so. Zwar gibt es sogenannte Realkennzeichen für mögliches Lügen, aber die sind wissenschaftlich kaum fundiert, es müssen immer noch weitere Daten herangezogen werden.

Die erfahrene Polizeipsychologin Claudia Brockmann ist Fachberaterin des Projekts. Inwiefern hat sie Sie unterstützen können?
Ich kenne Claudia Brockmann schon aus der Arbeit von „Das Geheimnis des Totenwaldes“, wo sie praktisch Vorbild für meine dortige Rolle war. Ich schätze die Arbeit mit ihr sehr, weil sie sich in filmisches Erzählen reindenken kann und trotzdem sehr stark für ihren Berufsstand kämpft. Sie ist sehr daran interessiert, dass die Polizeipsychologie auch so dargestellt wird, wie sie wirklich ist. Gleichzeitig weiß sie aber auch, dass ein Krimi natürlich Fiktion ist. Und dieser fiktionale Raum soll auch ausgelotet werden, ohne sich in jedem Detail an der Realität zu messen. Realistisch gestaltet ist zum Beispiel Ellis Art zu fragen. Es sind immer offene Fragen und keine mit Ja oder Nein zu beantwortende. Das kann für Drehbuchautor:innen relativ nervig sein, aber es ist ein spannendes Prinzip und ganz anders, als ein klassischer Krimi geschrieben und erzählt wird.

Über diese Fragen an Mila Şahin lernen wir am Beginn Elli Krieger auch kennen. Sie wirkt dadurch für uns so ein bisschen zugeknöpft, auch sehr pflichtbewusst – was sich im Verlauf dann ja ändert. Wie sehen Sie die Figur Elli Krieger?
Ich halte sie für sehr verbunden mit ihrer Arbeit. Sie möchte gut darin sein und scheint alles, was ablenkt von dem, was gerade ansteht, auszublenden. Überhaupt ist sie keine, die mit ihrem Privatleben hausieren geht. Das war mir auch total wichtig, nicht sofort alles, was sie privat umtreibt, zu erzählen. Und trotzdem spürt man ja, gerade am Ende des zweiten Films, dass da etwas in ihr schlummert, das Potenzial für viele weitere Erzählungen birgt – eine gewisse Abgründigkeit und ein Fatalismus, der sich hoffentlich in den nächsten Fällen weiter abbilden kann.

Schön ist die Idee, den beiden Figuren beim ersten Aufeinandertreffen trotz Gruppensituation eine Verbindung zu geben. Mila muss vor einer Kommission alter weißer Männer auftreten, die sie erst einmal komplett ignorieren – bis sich Elli laut räuspert und damit die Situation löst.
Diese klassische Situation, in der die Typen miteinander reden und gar nicht merken, dass auch Frauen im Raum sind – da haben sowohl Almila als auch ich gesagt: ja, kennen wir. Das fanden wir eine super Szene, die beiden Figuren einen „Mental High Five“ beschert und uns vermittelt, dass sie mehr verbindet als trennt.

Trotzdem läuft’s ja erstmal nicht rund mit den beiden. Mila provoziert u.a. mit einer durchaus despektierlichen Art, Ellis ostdeutsche Geschichte anzusprechen. Was bedeutet Elli dieser Hintergrund?
Ja, das wissen wir noch nicht genau. Aber ich bin ja selbst eine Frau mit ostdeutschem Hintergrund und weiß, was es bedeutet, ursprünglich aus Ostdeutschland zu kommen und sich in westdeutschen Strukturen behaupten und zurechtfinden zu müssen. Mila mit ihrer Zuwanderungsgeschichte haut da einfach diesen Satz raus, der bei Elli irgendwie sitzt. Inwieweit und wo weiß man aber noch nicht, das lässt sich Elli natürlich wieder nicht anmerken. Tatsächlich lerne ich diese Figur aber auch erst kennen und weiß Vieles noch gar nicht.

Ein klassischer 90-Minüter ist ein abgeschlossener Film, da lässt sich eine Rolle von vorne bis hinten erarbeiten. Im Seriellen so eine Offenheit der Figur zu haben – wie unterscheidet sich das? Was ist das Reizvolle daran?
Ich habe ja meine berufliche Karriere bei einer Daily Soap begonnen. Also ich bin mit 18 Jahren, drei Tage nach dem Abi, direkt nach Köln gezogen und habe bei „Verbotene Liebe“ angefangen. Ein gutes Jahr lang habe ich das gemacht und mir danach geschworen, nie wieder ein serielles Format zu machen. Für mich war es damals schwierig, diese Unberechenbarkeit in Bezug auf Figur und Geschichte, aber auch dieser Druck und die Verpflichtung zur täglichen Arbeit, ohne viel freie Zeit. Heute kann ich sagen, dass es mir große Freude bereitet zu schauen, was Leute für Ideen zu mir entwickeln, zu meiner Figur – und ich kann da mittlerweile ja auch mitentscheiden. Ich kann diesem Ungewissen heute mehr abgewinnen als damals.

Lilith Stangenberg spielt

Anna Nowak

Hart war die Zeit in Berlin für Anna Nowak. Aber lag das wirklich an Berlin? Ist es nicht eigentlich immer hart gewesen, seit sie mit Mila zusammen die Polizeiausbildung abgeschlossen hat? Immer war da der Druck, immer auch diese perfekte und ehrgeizige Kollegin vor der Nase, mit der sie nicht wirklich hat Schritt halten können. Um überhaupt mal entspannen zu können, hat sie halt zu Hilfsmitteln gegriffen. Wenn man durch den Beruf schon zu den Guten gehört, kann doch der eine oder andere Griff zum Kokain nicht ganz so schlimm sein.

Nun ist Anna in Kiel gelandet. Sie braucht Mila doch mehr, als sie gedacht hat. Mila führt Anna nämlich nicht nur unabsichtlich ihre eigenen Mängel vor Augen, Mila bedeutet für Anna auch Stabilität. Hier in Kiel können sie endlich Kolleginnen sein, gemeinsam arbeiten und Erfolge teilen. Und dann das: Schon wieder ist Mila auf der Überholspur, kaum dass Anna dachte, endlich mal aufgeholt zu haben. Dienststellenleiterin will Mila werden, um dann Annas Chefin zu sein. Ein Albtraum.

Jetzt erst recht, denkt Anna sich. So ganz weiß sie selbst nicht, ob sie der Kollegin Mila oder der Freundin Mila ihre Fähigkeiten beweisen will, aber sie macht das, was sie schon immer gemacht hat: Sie lässt die Trennung zwischen privat und dienstlich sausen. Es ist eine Art verdeckte Ermittlung, die sie in Angriff nimmt – oder in die sie hineinstolpert? Wer weiß das schon, wenn der Kopf von Schnaps und Koks vernebelt ist.

Ich wollte diese Rolle eher wie einen Kerl spielen

Interview mit Lilith Stangenberg

Anna Nowak bringt als neue Kollegin aus Berlin Dynamik und Lebendigkeit nach Kiel. Wer ist diese Anna Nowak, wie würden Sie sie beschreiben?
Anna Nowak ist eine abgründige dissonante Figur. Einerseits ist sie eine engagierte und leidenschaftliche Kommissarin mit hohen idealistischen Werten, andererseits rennt sie vor einem desolaten Privatleben und ihren eigenen Schatten davon. Kiel und die Arbeit mit Mila Sahin ist für sie eine zuversichtliche Tür in einen neuen Anfang und der Versuch, ihre Sucht in den Griff zu bekommen.

Anna Nowak ist eine alte Freundin von Mila Şahin. Was erhofft sie sich davon, nach Kiel zu wechseln?
Kiel ist für sie ein hoffnungsvoller Zufluchtsort, ein Exil aus dem turbulenten exzessiven Berlin und eine Flucht vor ihrer Vergangenheit und vor sich selbst. Sie erhofft sich dort, mit ihren Schatten, ihrer Sucht nach Drogen und stürmischen ungesunden Beziehungen und allem, was damit zu tun hat, abzuschließen. Und sie will sich leidenschaftlich und voll und ganz idealistisch in ihre kommissarische Arbeit mit Mila Şahin stürzen. Mila Şahin ist für die eine Art Wegweiser und eine Rettungsboje. Sie kennen sich schon aus der Polizeischule, und es verbindet sie eine verspielte, alte, buddymäßige Freundschaft.

Die Figur hat Sonnen- und heftige Schattenseiten und ist von Idealismus geprägt – wie sieht sie den Polizeiapparat?
Die Arbeit als Kommissarin ist für sie eine Möglichkeit gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, gegen Heuchelei und Doppelmoral anzukämpfen. Werte wie Geld, Karriere und Erfolg interessieren sie nicht so. Sie will sich nicht korrumpieren lassen und lehnt Heuchelei und Ausreden ab.

Anna Nowak zeigt eine enorme Physis und Präsenz. Mit welchen schauspielerischen Mitteln haben Sie sich die Nowak erarbeitet?
Ich wohne und bin aufgewachsen in einem sozialen Brennpunkt Berlins. Jeden Tag beobachte ich Kämpfe, Ausnahmezustände. Da konnte ich viel beobachten, was auch meine Rolle als Kommissarin beeinflusst hat. Ich habe auch wieder und wieder Gene Hackman in „French Connection“, Harvey Keitel in „Bad Lieutenant“ und Peter Falk als Colombo geschaut. Ich wollte diese Rolle eher wie einen Kerl spielen.

Wie haben Sie mit Lars Kraume gemeinsam die Figur entwickelt, was prägt die Zusammenarbeit mit ihm?
Es ist meine zweite Zusammenarbeit mit Lars Kraume, wir haben „Der Staat gegen Fritz Bauer“ zusammengedreht, was damals eine wichtige und herausfordernde Rolle für mich war. Lars ist verspielt und vertraut einem, lässt einem Freiraum, gleichzeitig arbeitet er aber ziemlich genau am Text und ist sehr gut darin, Spannung und Zeit zu erzeugen.

Yorck Dippe spielt

Robert Iwersen

Robert Iwersen weiß sehr genau, wie ein guter Polizist zu sein hat. Rein theoretisch. Praktisch tut er sich da etwas schwerer. Dafür hat er es aber schon weit gebracht: Abteilungsleiter beim Landeskriminalamt. Mit dem nächsten Karriereschritt in Aussicht: Leiter der Kieler Kriminalpolizei. Er schaut genau hin, wenn es um seinen eigenen Vorteil geht. Wenn es um Kriminalität geht, schaut er auch mal weg und das ein paar Mal zu oft. Jetzt hat er einen durch und durch korrupten Mitarbeiter im Team, der anfängt, die Bedingungen zu diktieren und mehr oder weniger subtile Drohungen gegen Iwersens Familie auszustoßen. Iwersen bekommt weiche Knie.

Umso wichtiger für Iwersen, dass der Wechsel an die Spitze einer anderen Behörde gelingt. Den schönen allgemeinen Begrüßungsworten lässt er ein paar hässliche persönliche gegen die gerade abgehängte Konkurrentin Mila Şahin folgen. Eben war sie noch auf Augenhöhe, ja, sie hatte sogar die Nase vorn. Jetzt versucht er, die neu gewonnene Autorität mit lautem Herumschnauzen zu untermauern. Ein schlechter Gewinner. Aber es steckt dann doch ein Polizist in dem Karrieristen Iwersen. Als Mila Şahin in Gefahr gerät, erinnert er sich daran, dass ein Polizeiapparat auch zur Verbrechensbekämpfung und nicht nur zur Egopflege eingesetzt werden kann.

Iwersen beginnt als männerbündlerischer Mansplainer, gerät in eine extreme private Drucksituation, kommt zur Besinnung und beginnt, sich zu verändern

Statement von Yorck Dippe

Dass Iwersen und ich uns gefunden haben, betrachte ich als großes Geschenk. Ich bin am Schauspielhaus Hamburg praktisch dauerbeschäftigt und drehe gar nicht so wahnsinnig viel. Eines Tages landete eine E-Mail von Lars Kraume in meinem Postfach. Ich kannte natürlich seine Filme, persönlich waren wir uns damals aber noch nie begegnet. Trotzdem schrieb er mir eine ganz herzliche E-Mail, dass er immer schon mal mit mir arbeiten wollte und dass es nun eine tolle Gelegenheit dafür gäbe, in einem Tatort, als Leiter der Mordkommission, also eine feste Rolle im Reihenensemble. Ich las das und dachte, ich träume. Und ich weiß bis heute nicht, was er von mir eigentlich gesehen hatte, das diese Vorschusslorbeeren rechtfertigen würde.

Aber das größte Geschenk hat Lars Kraume der gesamten Produktion mit diesen Drehbüchern gemacht. Großartig, wie sich eine Figur wie Mila Şahin entwickeln darf, aber eben auch meine Rolle des Kriminalrat Iwersen. Für mein Empfinden ist es im Fernsehen eher eine Seltenheit, dass sich eine Figur seine Sympathien so hart erarbeiten, dass sich eine Figur überhaupt derart stark entwickeln darf. Ich habe nicht oft eine Figur spielen dürfen, die so gegensätzliche Pole berührt: Iwersen beginnt als männerbündlerischer Mansplainer, gerät in eine extreme private Drucksituation, kommt zur Besinnung und beginnt, sich zu verändern. Sein Schwachpunkt ist seine Familie, für die ist er bereit, alles zu tun. Das Tolle an den Figuren ist, dass sie alle nicht unbefleckt bleiben, da hat jeder irgendwie etwas auf dem Kerbholz. Diese omnipräsente Ambivalenz ist großartig.

Das zu spielen macht viel Spaß, vor allem auch in der Zusammenarbeit mit Almila und Karoline. Auch das hat viel mit Lars Kraume zu tun, dem es gelungen ist, allen Lust aufeinander zu machen. Was könnte schöner sein, als mit einer solchen Stimmung am Set empfangen zu werden? Es herrscht zwischen uns eine warme Atmosphäre, die dazu führt, dass wir sehr gerne miteinander spielen – auch wenn unsere Figuren erstmal scheinbar so weit auseinander liegen. Es verspricht also noch ein spannender Weg zu werden, bis das Team wirklich als Einheit funktioniert. Und für diesen Weg haben wir schon jede Menge toller Ideen im Kopf.

Wir haben Kiel als große Stadt erzählt

Interview mit Lars Kraume

Immer wieder haben Sie innovative Krimiformate geprägt wie „KDD – Kriminaldauerdienst“ oder die „Dengler“-Reihe und moderne Ermittlerkonstellationen erfunden wie etwa den Frankfurt-Tatort um Nina Kunzendorf und Joachim Król. Als Regisseur des letzten Borowski-Films und nun der Doppelfolge mit dem neuen Team haben Sie den Übergang in eine neue Kieler Tatort-Ära gestaltet. Was reizt Sie an solchen Neuanfängen, und worauf kommt es an bei der Konzeption eines neuen Krimiformats?
Ich mag Krimis einfach. Ich schaue sie gerne, und ich drehe sie gerne. Mein zweiter Kurzfilm an der Filmhochschule war schon ein Krimi. Wenn man ein Format wie den Tatort neu aufsetzen will, ist das reizvoll, weil es eben schon so viele Versionen davon gibt. Deshalb braucht man eine neue Idee. Und wie immer ist der Schlüssel vor allem die Besetzung – und das neue Kieler Duo ist fantastisch.

Für den neuen Kiel-Tatort lag ein Konzept vom Autoren-Duo Katharina Adler und Rudi Gaul vor, das ein neues Duo aus Kommissarin und Kriminalpsychologin vorsah, gespielt von Almila Bagriacik und Karoline Schuch. Was hat Sie an dieser Konstellation gereizt und wie haben Sie sie weiterentwickelt?
Für mich war von Anfang an klar: Wenn wir ein neues Team um zwei jüngere Ermittlerinnen etablieren wollen, müssen wir auch eine ganz andere Welt erzählen. Denn diese Welt, in der Borowski ermittelte, war ja sehr geprägt von Axel Milbergs Idee dieser etwas exzentrischen, versponnenen Figur. Er hat diesem Borowski diese starke Aura gegeben, wodurch alles sehr auf ihn zugeschnitten war.

Wie hat sich durch diese andere Welt Mila Şahin verändert?
Almila Bagriacik ist eine wahnsinnig tolle Schauspielerin, es hat mir großen Spaß gemacht, mit ihr zusammen zu überlegen, wie wir der Figur mehr Kraft und Selbstbewusstsein und wirklich auch Strahlkraft geben können. Wer Almila kennenlernt, erkennt sehr schnell ihre enorme Kraft und das tolle Lachen. Sie hat eine große Herzlichkeit, aber auch Ernsthaftigkeit und Härte – es gibt eine Menge von Charaktereigenschaften, die zurückgenommen werden mussten, weil eben Borowski im Zentrum stand. Wir haben uns auch über das Kostüm Gedanken gemacht – wie zieht sich Mila eigentlich an? Bisher trug sie oft gedeckte Sachen, sehr zurückgenommen, schwarze Mäntel etc. Aber so ist sie gar nicht. Ich wollte, dass sie mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein und einer ganz anderen Lautstärke auftritt. Krimis mit Kommissarinnen, die sich nicht zurücknehmen, sondern präsent und selbstbewusst sind und Humor haben – das macht mir Spaß. Zusätzlich habe ich eine Fotocollage gebaut von starken, selbstbewussten, laut auftretenden Frauen in Almilas Alter – all das hat Almila sehr begeistert, weil das auch nah an ihr dran ist.

Anna Nowak, gespielt von Lilith Stangenberg, wirkt zusätzlich wie ein Schlüssel, um Mila nochmal ganz anders kennenzulernen.
Klar, dadurch, dass wir ihre beste Freundin und Kollegin aus der Vergangenheit einführen, können wir der Figur natürlich auch mehr biografischen Hintergrund geben. Das war meine zweite Zusammenarbeit mit Lilith Stangenberg, und ich bin total froh darüber, denn ihre besondere Energie trägt viel dazu bei, dass dieser Wechsel zum neuen Ton so gut funktioniert.

Was macht diesen anderen Ton im Kern aus?
Mir ging es darum, mit diesen jungen Kommissarinnen auch einen bewegteren, moderneren Look zu kreieren. Auch wollte ich Kiel wie eine lebendige Großstadt aussehen lassen, als Raum, in dem Mafia und Schwarzgeld glaubhaft erzählt werden können. Ich mag am liebsten Krimis, die eher „hard-boiled“ sind, um einen alten Hollywood-Begriff zu verwenden, Asphaltkrimis aus dem Großstadtdschungel, modern und schnell erzählt. Eine solche Bühne wollten wir den Polizistinnen geben und haben Kiel als große Stadt erzählt – sie wirkt jetzt vielleicht sogar ein bisschen größer, als sie sich vor Ort eigentlich präsentiert.

Mit welchen Mitteln haben Sie und Ihr Kameramann Jens Harant dieses visuelle Konzept umgesetzt?
Damit sich der Film möglichst authentisch anfühlt haben wir größtenteils aus der Hand fotografiert und relativ viele Achssprünge umgesetzt und dadurch kleine Desorientierungen im Raum provoziert. Rund um Mila haben wir außerdem mit kräftigen Farben gearbeitet und so diese Bilder nochmal verstärkt. Ein großes Vorbild war uns dabei einer der besten Crime-Regisseure der letzten 40 Jahre: Michael Mann, der Regisseur von „Miami Vice“. Er hat mit diesen kurzen Optiken gearbeitet, mit Achssprüngen, mit schnellen Wechseln in den Perspektiven, mit Sprüngen von kurzen zu langen Brennweiten und hat damit, wie wir finden, einen der spannendsten Krimi-Looks kreiert.

Mit Elli Krieger bekommt Mila eine eher ungewöhnliche Kollegin an die Seite gestellt: eine Kriminalpsychologin. Inwiefern ändert eine solche Figur die Krimierzählung?
In einem klassischen Krimi müssen Ermittler aktiv sein, Leute verhören, an Orte gehen, Gespräche führen, sie müssen auch in Gefahr geraten, Verdächtige verfolgen, Zugriffe machen und so weiter. Eine Psychologin macht das alles nicht – sie ist ja nicht mal bewaffnet. Und deshalb braucht es eine andere Form der Ermittlung, die Wahrheit muss in den psychologischen Analysen, in all dem, was die Menschen einem nicht erzählen, gefunden werden. Das ist total spannend, aber auch eine Herausforderung.

Wie haben Sie mit Karoline Schuch diese Figur der Elli Krieger erarbeitet?
Das wichtigste Vorbild für die Figur Krieger ist die Hamburger Polizeipsychologin Claudia Brockmann. Sie hat uns beraten und in allen Begegnungen immer wieder beeindruckt. Von Anfang an hatte Karoline Schuch eine ganz klare Idee von ihrer Rolle, und das ist das Beste, was passieren kann. Von da aus muss man nur noch aufpassen, einer guten Schauspielerin nicht im Weg zu stehen.

Den Eindruck eines Neuanfangs weckt auch diese plötzlich sehr spürbare patriarchale Struktur in der Polizei, die sich auch gegen die drei Polizistinnen wendet.
Klar, das ist natürlich ein Thema. Ein Subplot dieser Geschichte findet sich im rotierenden Karrierekarussell. Und in diesen Hierarchiestrukturen suchen altgediente Männer die Autorität und verhakeln sich in diesen Ränkespielen. Für den Fan des Kiel-Tatorts gibt es eine ganze Menge an Bewegung in der Figurenkonstellation und eben auch in der Struktur dieser Polizeibehörde. All diese Neuerungen anzuschieben ist eine wahnsinnig dankbare Aufgabe, weil man einmal diese Spielwelt neu definieren kann, die Figuren neu zeichnen und Look und Tonalität setzen kann. Die Anfänge jetzt mit Elli Krieger, mit dem Janusköpfigen Iwersen als Chef, mit der frechen, auch durchaus aggressiven Mila im Zentrum – es wird wahnsinnig spannend sein zu sehen, wie sich diese Reihe fortsetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass vor allem ein junges Publikum an diesem neuen Tatort-Team großen Spaß hat.

„Elli Krieger ergänzt die Spurensuche durch einen empathisch geschulten Blick auf Opfer und deren Angehörige. Sie arbeitet mit einem anderen „Besteck“

Statement von Katharina Adler & Rudi Gaul

Mila Şahin ist seit langem eine beliebte Kommissarin im Tandem mit Borowski im Tatort Kiel. Bei der Fortsetzung ihrer Arbeit wollten wir ihre bereits angelegten Konturen vertiefen, z.B. ihre migrantische Herkunft und der damit einhergehende Erfahrungshorizont für ihre Polizeiarbeit.
In unserer Figurenkonzeption für das neue Ermittlerinnen-Team wollten wir Mila Şahin auch nicht „nur“ eine neue Partnerin an die Seite geben, sondern diese Neuaufstellung mit einer Geschichte und einem Fall verbinden, der Mila Şahin dazu zwingt, ihren Platz im Polizeiapparat grundlegend zu hinterfragen, und der bleibende Spuren hinterlässt, die den Zuschauer mit ihrer Kommissarin mitleiden lassen.

Unsere Grundidee zum ersten Fall UNTER FREUNDEN war folgende:
Mila Şahin strebt eigentlich eine höhere Position an. Sie bewirbt sich um die Nachfolge ihres langjährigen Vorgesetzten Roland Schladitz. Doch sich immer weiter zuspitzende Verwicklungen um ihre Kollegin und langjährige Freundin, Anna Nowak, stellt ihre Pläne in Frage. Mila Şahin fühlt sich für das Handeln Nowaks verantwortlich. Sie vermutet auch Korruption in den eigenen Reihen, insbesondere beim LKA-Mitarbeiter Robert Iwersen, der sich auch um die gleiche höhere Position bewirbt und einen besonderen Draht zu Schladitz zu haben scheint. Trauer, Schuld und Misstrauen bestimmen Şahins Handeln und das ruft die Polizeipsychologin Elli Krieger auf den Plan – die mit der Beurteilung von Mila Şahin beauftragt wird und schließlich die Ermittlungen an der Seite der Kommissarin übernimmt.

Die Expertise Elli Kriegers liefert in Ermittlungen noch einmal eine eigene Perspektive auf Mordfälle. Sie ergänzt die Spurensuche durch einen empathisch geschulten Blick auf Opfer und deren Angehörige. Sie arbeitet mit einem anderen „Besteck“ in den Ermittlungen, die komplementär zum faktisch kühlen Blick der kommissarischen Polizeiarbeit ist.
Indem aber Elli Krieger erst einmal Mila Şahin evaluieren muss, wollten wir beide Frauen in ein antagonistisches Spannungsverhältnis zueinander setzen. Wichtig war uns, dass diese Spannung professionell begründet ist und nichts mit persönlicher Antipathie zu tun hat.
Uns schwebte ein neues Tatort-Team vor, dass sich misstrauisch gegenübersteht und bei dem fraglich bleibt, ob sie zu einem harmonischen Team zusammenwachsen werden, obwohl beide die professionellen Stärken der jeweils anderen anerkennen. Ein Team, dessen Zusammenarbeit mit einem Schatten belegt ist, der sich nicht aus einer vergangenen Backstory begründet, sondern durch den Fall, der sie zusammengebracht hat.

Katharina Adler

Katharina Adler

Rudi Gaul

Rudi Gaul

UNTER FREUNDEN

UNTER FEINDEN

Impressum

Herausgegeben von Presse und Kommunikation / Unternehmenskommunikation

Redaktion:
Bettina Brinker, NDR/Presse und Kommunikation

Interviews und Statements:
Oliver Baumgarten

Rollenprofile:
Sven Sonne

Mitarbeit:
Nicola Sorgenfrey, NDR

Gestaltung:
Janis Röhlig, NDR/Presse und Kommunikation

Bildnachweis:
NDR/Anatol Kotte (Cover)
NDR/Ralf Pleßmann (Frank Beckmann)
NDR/Thorsten Jander (alle weiteren Sendungsfotos)
NDR/privat (Lars Kraume)
NDR/Christoph Adler (Katharina Adler)
NDR/Benoît Linder (Rudi Gaul)

Fotos:
www.ard-foto.de

Presseservice:
ARDTVAudio.de

Pressekontakt

Presse und Kommunikation / Unternehmenskommunikation

E-Mail:
presse@ndr.de

Web:
www.ndr.de/presse