Polizeiruf 110: Sie haben Namen
SONNTAG, 1. NOVEMBER 2026 · 20.15 UHR · DAS ERSTE
AB FREITAG, 30. OKTOBER · ARD MEDIATHEK
Der NDR „Polizeiruf 110: Sie haben Namen“ auch als Audio-Podcast in ARD Sounds!
Begleitend zum Krimi gibt es die neue „Polizeiruf 110“-Folge auch als Hörfassung – z. B. für unterwegs. Mit den Original-Stimmen aller Schauspielerinnen und Schauspieler sowie einer Erzählstimme, die durch die Handlung der Geschichte führt, wird aus dem Fernsehkrimi auch ein Hörgenuss. Die 90-minutige Hörfilmfassung steht begleitend zur Erstausstrahlung im Fernsehen ab dem 1. November 2026 in ARD Sounds zum Streaming und Download bereit.
INHALT
Vor den Toren der Stadt findet eine Anglerin die Leiche einer vermutlich minderjährigen Prostituierten aus Osteuropa. Die namenlose junge Frau wurde vor ihrer Ermordung gefoltert. Tatort soll eine Feriensiedlung gewesen sein, die dem ehemaligen Kampfsportler, Zuhälter und Unternehmer Heiko Mischke gehört. Um die Identität der Namenlosen zu klären und die Verantwortlichen für ihre Ermordung zu finden, tauchen die beiden Kommissarinnen König und Böwe tief in das System der Ausbeutung in deutschen Bordellen ein. Die Ermittlerinnen kämpfen darum, Gerechtigkeit für das Opfer zu erlangen, und stoßen im Laufe der Ermittlungen auch auf Natasha. König und Böwe müssen feststellen, dass die junge Frau tief drinsteckt in dem Verbrechen um die namenlose Tote...
BESETZUNG
Katrin König
Anneke Kim Sarnau
Melly Böwe
Lina Beckmann
Henning Röder
Uwe Preuss
Anton Pöschel
Andreas Guenther
Volker Thiesler
Josef Heynert
Natasha
Anastasiia Mazhara
Günther Wernecke
Wolfgang Michael
Jan Jürgens
Thorsten Merten
Bastian Hoyer
Christian Erdmann
Heiko Mischke
Sönke Möhring
u. v. m.
STAB
Regie
Franziska Schlotterer
Buch
Florian Oeller
Kamera
Hanno Lentz
Schnitt
Simone „Mona“ Bräuer
Kostüm
Katja E. Waffenschmied
Maske
Jeanette Kellermann, Alexandra Lebedynski, Nicole Rohner-Allert und Karsten Drews
Casting
Mai Seck
Szenenbild
Sonja Strömer
Musik
Johannes Lehniger
Ton
Thorsten Schröder
Produktionsleitung
Jörn Kasbohm, Daniel Buresch (NDR)
Produzentin
Iris Kiefer
Ausführende Produzentin
Nikola Bock
Redaktion
Philine Rosenberg
Drehzeit
2.9.2024 – 1.10.2024
Länge
88:22 Minuten
Drehorte
Rostock, Dobin am See, Güster, Hamburg und Umgebung
„Polizeiruf 110: Sie haben Namen“ ist eine Produktion der Filmpool fiction GmbH im Auftrag
des Norddeutschen Rundfunks für Das Erste.
Anneke Kim Sarnau spielt
KATRIN KÖNIG
Zuletzt hat Katrin König sich an den Gedanken gewöhnt, dass ihr Vater Günther Wernecke allmählich in ihr Leben zurückkehrt. Doch irgendwie erscheint ihr das alles zu schön, um wahr zu sein. Während der Ermittlungen im Fall einer jungen Unbekannten fordert sie im Stasi-Archiv Werneckes Opferakte an - sie will mehr wissen. Melly Böwe braucht derweil dringend ihre moralische Unterstützung, denn sie erfährt, dass ausgerechnet der korrupte Staatsanwalt Jan Jürgens der Vater ihrer Tochter ist. Jürgens versucht auch jetzt wieder, die Arbeit des Rostocker Kommissariats zu behindern – und einen der Hauptverdächtigen, den Bordellbetreiber Mischke, zu schützen. Als Katrin kurz darauf die Info bekommt, dass ihr Vater keine Opfer-, sondern eine Täterakte hat, ist für sie eines klar: Wenn die Männerwelt sich selbst diskreditiert, müssen die Frauen zusammenhalten.
Lina Beckmann spielt
MELLY BÖWE
Melly Böwe macht sich mit Entschlossenheit für das Gute stark. Doch momentan hilft ihr der Grundoptimismus nicht weiter. Ihre Tochter Rose hat mit ihr gebrochen, weil Melly über die Umstände von Roses Zeugung schweigt. Und nun stellt sich heraus, dass Roses Vater – Mellys Vergewaltiger – auf der dunklen Seite der Macht steht: Jan Jürgens versucht als korrupter Staatsanwalt aktiv, die Arbeit des Rostocker Kommissariats zu hintertreiben. Der neue Fall um die mysteriöse Tote am See bietet in seiner Brutalität schon allein genug Stoff für Albträume. Ermittelt wird im Rostocker Rotlichtmilieu. Gut, dass Katrin König in dieser Situation sich Melly zuwendet und ihr so Kraft gibt, sich gegen all die Zumutungen der Männerwelt zu stemmen.
Anastasiia Mazhara spielt
NATASHA
Die junge Ukrainerin Natasha ist früh in die Fänge von Menschenhändlern geraten und hat bereits eine Odyssee durch verschiedene europäische Bordelle hinter sich, ehe sie im Rostocker Etablissement von Heiko Mischke gelandet ist. Sie verbirgt ihre Angst hinter einer professionellen Maske und hält der Grausamkeit der Männer stand. Fest entschlossen, ihr Martyrium zu überleben, ergreift sie die Gelegenheit, ihre eigene Situation zu verbessern – auch um den Preis, selbst Schuld auf sich zu laden. Als Mischkes Anwalt Bastian Hoyer ihr die Freiheit verspricht, wenn sie sich als eiskalter Engel in einer gefährlichen Intrige zu seinem Mordwerkzeug machen lässt, ergreift sie den Strohhalm. Doch sie ahnt längst, dass der charmante Hoyer vor allem darauf aus ist, sich selbst zu retten ...
„Niemand interessiert sich für ihr Schicksal, niemand bietet ihr Schutz. Natasha muss für sich selbst sorgen, wenn sie überleben will.“
Ein Gespräch mit Anastasiia Mazhara (Natasha)
Sie spielen Natasha, die Episodenhauptrolle. Wie kam es dazu?
Ich war achtzehn, als der Krieg in der Ukraine ausbrach. Da hatte ich gerade zwei Monate lang Schauspielkurse besucht. Ich bin dann von dort weg. Freunde von mir haben eine Unterkunft in Berlin organisiert, in der wir drei Monate geblieben sind, aber eigentlich wollten wir zurück in die Ukraine. Weil das nicht ging, habe ich angefangen, E-Mails zu verschicken. Ich wollte weiter Kurse besuchen. So habe ich die Hochschule Konrad Wolf in Babelsberg gefunden und konnte anfangen zu studieren.
Von meinem Professor, Oliver Haffner, bekam ich die Nachricht von dem Rollenangebot. Ich hatte keine Lust mehr auf Filme, in denen ich vor allem wegen meines Akzents besetzt wurde. Weil dieses Angebot aber spannend klang, habe ich angefangen das Drehbuch zu lesen, und stellte schnell fest, dass Natasha die Rolle war, von der ich geträumt hatte. Endlich eine Figur, die ich gestalten und von innen heraus zeigen konnte, nicht nur mit klischeehaften Mitteln. Die Figur und die Geschichte haben einen hohen Wahrheitsgehalt, das ist nichts, was einfach nur ausgedacht ist.
Natasha ist noch sehr jung, hat aber bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Und sie hat es geschafft, sich im System ihres Zuhälters hochzuarbeiten. Wie würden Sie ihren Charakter beschreiben?
Natasha handelt aus einem Gefühl der Notwendigkeit. Sie hat diesen Überlebensinstinkt, sie ist sehr klug und kämpft für ihre Freiheit. Unter manchen Umständen müssen wir brutale Entscheidungen treffen, weil wir keine andere Wahl haben. Sie tut, was sie tun muss, und hat keine Schuldgefühle. Denn sie weiß die ganze Zeit, dass sie vollkommen auf sich gestellt ist. Niemand interessiert sich für ihr Schicksal, niemand bietet ihr Schutz. Natasha muss für sich selbst sorgen, wenn sie überleben will.
Wie sind Sie an die Rolle herangegangen?
Ich weiß nicht wieso, aber ich wusste gleich, dass ich Natasha spielen will und wie ich sie spielen muss. Das war mein erstes großes Filmprojekt, und ich war beim Dreh erst 21 Jahre alt. Ich hatte keine Probleme damit, dass es Sexszenen gab, aber ich wollte keine Nacktszenen.
Ich bin wirklich froh, dass ich Natasha spielen konnte. Ich habe zwar nicht ihren Leidensweg durchgemacht, aber irgendwie wusste ich, wie ich das zeigen kann. In ihr steckt viel von dem Kampfgeist, den wir heute in der Ukraine brauchen. Meine Großmütter wohnen in einer kleinen Stadt nahe der Grenze zu Belarus und erleben sehr viel Schreckliches. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, wir haben diese Kraft in uns, weil wir wissen, dass wir es verdienen, frei zu sein.
Umgekehrt war es auch so, dass Natasha mir Kraft gegeben hat. Nach den Dreharbeiten hatte ich noch eine Zeit lang das Gefühl, dass die Rolle mich begleitet, dass ich etwas so mache, wie Natasha es gemacht hätte, oder mich hingesetzt habe, wie Natasha sitzen würde. Sie ist so jung und hat so viel durchgemacht, aber sie weiß, warum sie tut, was sie tut, sie hat immer ein klares Ziel vor Augen.
Wie haben Sie die Arbeit mit Franziska Schlotterer und den Dreh erlebt?
Franziska ist wahnsinnig nett. Sie war immer besorgt, dass sie mich zu etwas drängt, und hat sich wie eine Mutter um mich gekümmert. Es war toll für mich, bei einem so großen Projekt dabei zu sein, bei dem alles sehr professionell war, bis hin zu Maske und Kostüm. Das waren alles Menschen, die ihre Arbeit lieben und genau wissen, was sie tun und warum. Eine sehr schöne Erfahrung für mich, an die ich mich gern erinnere.
Der Umstand, dass immer für alles gesorgt war, erlaubte es mir auch, mich zu entspannen und mich ganz auf meine Rolle zu konzentrieren. Es war wunderbar, dass ich mich komplett dieser Arbeit hingeben konnte. Alle haben mir ein gutes Gefühl gegeben. In der Szene am Anfang, wo man mich unter der Dusche sieht, hatten alle Sorge, dass ich mich vielleicht nicht wohlfühle, da sie mir so nahekommen. Insbesondere der Kameramann, Hanno Lentz, war supernett. Er hat mich ermutigt und bestärkt und sich sehr bemüht, eine für mich angenehme Atmosphäre zu schaffen.
Leben Sie heute wieder in der Ukraine?
Ich hatte ein Freisemester, weil ich lange krank war, werde mein Studium aber jetzt fortsetzen. Es hat mir nicht gutgetan, so lange alleine von zu Hause weg zu sein und zu wissen, dass meine Familie in der Ukraine ist, wo täglich sehr schlimme Dinge passieren. Darum bin ich eine Weile zurückgegangen und habe in der Zeit auch in einem ukrainischen Film mitgespielt. Aber jetzt komme ich wieder nach Berlin und beende meine Ausbildung.
„Anstelle der Fassade, die dieses Milieu gern um sich herum aufbaut, zeigen wir die hässliche Fratze.“
Ein Gespräch mit Franziska Schlotterer (Regie) und Florian Oeller (Buch)
Der Fund einer toten jungen Prostituierten führt zu Ermittlungen im Rotlichtmilieu Rostocks. Was war der Anlass, so ein Thema anzugehen?
Florian Oeller: Der Anlass war eine von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geförderte Studie, die ich kaum glauben konnte: Vier Prozent aller Männer zwischen 18 und 75 Jahren zahlten innerhalb eines Jahres für Sex. Auf die Bevölkerungsgröße heruntergerechnet sind das knapp 1,4 Millionen Männer pro Jahr. Mich hat überrascht, wie alltäglich der Bordellbesuch für die Vertreter meines Geschlechts offenbar ist – und das in einer Zeit, in der wir öffentlich eine Debatte über sexuellen Missbrauch führen, die genau diese Zahl konterkariert. Sexueller Missbrauch gehört zum Alltag vieler deutscher Männer. Das war für mich der Anlass, in dieses Milieu abzutauchen und zu sehen, wie die Mechanismen funktionieren, die der Branche ein sauberes Image geben. Denn sauber ist sie nicht. Eine kleine Gruppe von Frauen mag selbstbestimmte Sexarbeit für sich erschlossen haben und dafür werben. Aber der riesige Graubereich dahinter ist durchzogen von Zwangsprostitution. Man sieht nur die Fassade. Dahinter liegt ein alltägliches Grauen, das unsere Gesellschaft beharrlich ausblendet.
Sie sind mit Filmen bekannt geworden, die schwierige Frauenschicksale zum Thema haben, Frau Schlotterer. Hat Sie dieses Buch deshalb gleich angesprochen?
Franziska Schlotterer: Ja, genau. Ich finde dieses Thema auch sehr wichtig, und die Direktheit, mit der Florian es erzählt, hat mich sofort eingenommen. Ich mache gern Filme mit relevanten Themen, und das hat sich in diesem Drehbuch sofort gefunden. Außerdem ist es sehr gut geschrieben, und mir gefiel, dass es von Seiten der Produktion und Redaktion nicht den Wunsch gab, das Rotlichtmilieu irgendwie zu stilisieren und pittoresk zu zeigen, sondern genau das Gegenteil angestrebt war. Unser Ansatz war, diese Branche in ihrer vollen Härte zu zeigen. Auch visuell haben wir das so umgesetzt, dass es nicht geschönt ist und nichts Glitzerndes hat. Anstelle der Fassade, die dieses Milieu gern um sich herum aufbaut, zeigen wir die hässliche Fratze.
Sie haben sich detailliert mit den Arbeitsbedingungen von Prostituierten in Deutschland auseinandergesetzt., Herr Oeller. Wie sind Sie vorgegangen? Wie haben Sie recherchiert?
F.O.: Diese Welt ist für mich als Autor erst einmal ziemlich verschlossen. Um mit echten Schicksalen in Kontakt zu kommen und daraus ein fiktionales Werk zu gestalten, war die Fachberatung von Frau Prof. Dr. Julia Wege entscheidend. Diese äußerst couragierte Person hat in Städten im Südwesten gegen starke gesellschaftliche Widerstände Aussteigerprogramme für Zwangsprostituierte aufgebaut. Frau Wege hat uns über den gesamten Prozess hinweg beraten – wir wollten keinen fantasievollen Mist erzählen, sondern so nah wie möglich an diese Frauenschicksale herankommen. Ich bin sehr froh über die glänzende Passung mit der Regie: Franziska hat es verstanden, diese Geschichte so direkt und nüchtern und zugleich so sensibel zu erzählen.
Mit welchen Strategien vermeiden Sie es, einen voyeuristischen Blick auf dieses Milieu zu richten?
F.S.: Zunächst einmal haben wir ja einen sehr harten Anfang gewählt. Den hatte Florian schon so geschrieben, und ich fand diesen Einstieg sehr gut und wichtig, weil er den Ton für die ganze Geschichte setzt. Durch diese Exposition wissen wir gleich, wo Natasha, unsere Episodenhauptrolle, herkommt, welchen Horror sie durchlebt hat und in welchen Zwängen sie steckt. Zudem haben wir – vor allem in der Kameraarbeit mit Hanno Lentz, aber auch mit der Szenenbildnerin Sonja Strömer – gesagt, dass wir einen rauen Look wollen, der nichts Glamouröses hat. Uns war wichtig zu zeigen, wo und wie die Prostituierten untergebracht sind, nämlich in völlig würdelosen Zuständen. Und natürlich wollten wir auch unser Hauptmotiv, das echte Bordell, in dem wir gedreht haben, so nüchtern wie möglich darstellen. Wir sind auf der Motivsuche in mehrere solcher Etablissements gegangen, und wenn man die Zimmer sieht, wo jede Stunde ein neuer Freier durchgeht, hat das was extrem Ernüchterndes.
F.O.: Weil das Stichwort Voyeurismus fiel: Eine zentrale Sequenz, die Franziska fantastisch umgesetzt hat, ist für mich die, in der wir die Blickrichtung umkehren – und einmal nicht auf die Frauen schauen, sondern auf die Freier. Die versteckte Kamera am Schluss offenbart die Haltung der Männer den Frauen gegenüber. Es ist der erzählerische Versuch, das Ganze umzudrehen und zu fragen: Wer sitzt in diesen Zimmern? Wer begegnet diesen Frauen? Was sind das für Typen? Es sind, wie gesagt, vier Prozent der Männer in Deutschland. Wir schauen durchs Schlüsselloch auf die Freier. Das war die große Ambition dieses Stoffes.
Sind die Selbstaussagen der Freier in diesem Video authentisch?
F.O.: Das sind – natürlich dramaturgisch bearbeitete – O-Töne aus Internetforen, in denen sich Freier wie in Bewertungsportalen über die Dienstleistungen austauschen, die an ihnen vollzogen wurden. Auch zu ihren Motiven äußern sie sich dort – sie diskutieren tatsächlich, warum sie eigentlich hingehen. Ihr Verhalten können sie durchaus reflektieren.
Die Blickumkehr und das Vermeiden verharmlosender Ausschmückungen sind wichtige Merkmale Ihrer Erzählweise. Wie sieht es mit dem Blick auf die Frauen selbst aus? Beim Fund der Leiche fällt beispielsweise auf, dass die Kamera weniger von der Toten einfängt als von den Umstehenden.
F.S.: Wir haben uns ganz bewusst entschieden, die Leiche nur partiell zu zeigen. Ihre Brüste sehen wir nicht und auch nicht ihre Scham, sondern nur einzelne Ausschnitte, ihre Verletzungen und Blutergüsse. Und wir haben diese Szene sehr intuitiv aufgelöst. Wir standen da an dem See und sind mit den Emotionen der Ermittlerinnen mitgegangen. Eine Totale mit der Leiche gibt es eigentlich nur eine, aber da ist sie ziemlich weit weg. Man sieht nur, dass da jemand liegt. Sonst sind wir sehr nah bei den Ermittlerinnen, ihren Reaktionen und den Schlüssen, die sie ziehen.
F.O.: Andernfalls wäre der Film völlig inkonsequent gewesen. Es gibt ja diese standardisierten Shots in Filmen des Krimigenres, bei denen eine bis zur Brust entblößte weibliche Leiche rücklings daliegt und die Kamera deren Nacktheit instrumentalisiert. Genau das zu vermeiden, war eine zentrale Entscheidung gleich am Anfang: nicht auch noch einen toten Körper zu prostituieren, sondern über die Emotionen der Betrachterinnen zu gehen.
Die zentrale Figur, an der die Geschichte aufgehängt ist, ist die junge Prostituierte Natasha. Was war Ihnen bei der Gestaltung dieser Rolle und der Arbeit mit der Darstellerin wichtig?
F.S.: Wir haben eine sehr junge Frau aus der Ukraine gesucht, die Deutsch spricht und richtig spielen kann. Und ich war unglaublich dankbar, als unsere Casterin Mai Seck Anastasiia Mazhara gefunden hat. Anastasiia hat an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf studiert, und ich habe mich öfter mit ihr getroffen, um die Hintergründe der Figur mit ihr zu besprechen, ihre Ängste. Anastasiia konnte sich sehr gut in diese Figur einfühlen und hat sehr kluge Fragen gestellt. Ihr war auch wichtig, dass sie nicht entblößt wird in ihrer Rolle als Prostituierte. Darauf haben wir gern Rücksicht genommen und wenig von ihr gezeigt. Natasha tritt ja als sehr souveräne Prostituierte auf, aber dieses Auftreten ist aus einer Erfahrung der Angst gespeist, und diesen Kontrast zu zeigen, war uns sehr wichtig. Ich finde Anastasiia hat das sehr schön umgesetzt und ist sehr mutig gewesen in dieser Rolle.
Natasha hat sich im ausbeuterischen System ihres Zuhälters hochgearbeitet. Um sich das Leben erträglicher zu machen, wird sie auch selbst zur Täterin …
F.O.: Das war eine Erkenntnis aus den langen Gesprächen mit Frau Prof. Wege: Diese Zuhältersysteme funktionieren auch deshalb so gut, weil die Frauen gegeneinander ausgespielt werden. Irgendwann wird die besondere Eignung einer Frau festgestellt, herauszustechen und andere Zwangsprostituierte anzuleiten – das geht mit Erleichterungen einher. So bekommen diese Frauen in ihrer Machtlosigkeit scheinbar ein Stück Macht zurück – nur eben nicht über das eigene Leben, sondern über junge Frauen, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst. Eine besondere, passive Form von Machtmissbrauch. Ich wollte erzählen, dass Natasha sich nur retten kann, indem sie sich selbst schuldig macht: Sie muss ihren Charakter formen, in gewisser Weise moralisch degenerieren, um überhaupt zu überleben. Eine Wahl hat sie nicht – weder am Anfang, als sie im Schrank sitzt und zum ersten Mal Machtlosigkeit erlebt, noch am Ende, als der einzige Weg aus dem Martyrium mit purer Gewalt einhergeht. Natürlich greift sie zu, als sich diese Chance bietet. Mich interessieren Menschen, die sich in ihrer Ausweglosigkeit für die Gewalt entscheiden. Empathie muss ich dafür nicht zwangsläufig empfinden. Wenn es gelingt, hervorragend. Aber die oberste Aufgabe ist, die Tat nachvollziehbar zu machen.
Im Team der Ermittelnden gibt es weiterhin Spannungen. Während König und Böwe sich annähern, klagt Thiesler über mangelnde Anerkennung. Wie haben Sie die Arbeit mit dieser Gruppe erlebt, Frau Schlotterer?
F.S.: Jede Figur hat ja ihre eigene private Geschichte und ihre Schwierigkeiten, die sich aber auch wieder auf den Fall beziehen oder ihn in gewisser Weise spiegeln. All diese Geschichten unter einen Hut zu bekommen und in den Krimi einzubauen, war eine große Herausforderung. Für die Darsteller und Darstellerinnen ist es natürlich toll, wenn ihre Figuren so viel „Futter“ haben. Volker Thiesler z. B. leidet, weil er bei einem Einsatz schwer verletzt wurde, unter großen Schmerzen. Darum nimmt er Medikamente, die ihn aber auch psychisch beeinflussen. Und er fühlt sich verraten und allein. In einer Szene im Kommissariat bricht seine Wut aus ihm heraus, und die hatte beim Drehen eine ganz tolle Dynamik. Als Regisseurin hatte ich Respekt vor einer Szene mit so vielen Leuten auf einmal. Aber es war eine große Konzentration bei allen da. Die Darstellenden wissen alle genau, wo ihre Figuren gerade stehen und womit sie jeweils zu kämpfen haben. Es war eine große Freude, diese Dynamik im Team zu spüren und mit diesen tollen Schauspielern und Schauspielerinnen zu arbeiten.
Für Melly Böwe ist der Fall doppelt herausfordernd, denn erneut tritt Jan Jürgens auf den Plan. Er ist ihr Vergewaltiger und der Vater ihres Kindes, und er steht für alles, wogegen sie beruflich kämpft. Welchen Ausweg sehen Sie aus dieser Situation für sie, Herr Oeller?
F.O.: In „Sie haben Namen“ greifen beide Ebenen eng ineinander: die des aktuellen Falls – die Unterjochung von Frauen – und die Horizontale, die die Geschichten der Ermittelnden weitererzählt. Was die Männer betrifft, geht es auf beiden Ebenen um Flucht vor Verantwortung. Staatsanwalt Jürgens weiß in dem Moment, in dem er Melly Böwe gegenübertritt, durchaus, wen er vor sich hat. Aber er ist nicht bereit, seinen Sündenfall anzunehmen, und tritt die Flucht nach vorn an. Als empathieloses Monster orientiert er sich einzig an den eigenen Lebenszielen. Das doppelt sich in diesem Fall – und macht ihn so spannend: Denn eigentlich erzählen wir von Melly Böwe und ihrem Umgang mit ihrem Schicksal. Es gibt da draußen einen Täter, und es gibt die Tochter, die Melly über alles liebt. Jetzt kommt es zu dieser schicksalhaften Begegnung, in der sie das eine bearbeiten muss, ohne das andere zu beschädigen. Wir haben Melly in eine Hölle geschickt, und der einzige Fluchtpunkt, die einzige Methode, das Grauen zu besiegen, ist die sich weiter intensivierende Partnerschaft mit Katrin König. Das spüren wir als Zuschauer, und wir alle hoffen für Melly auf Erlösung.
„Der erste und wichtigste Schritt wäre, Prostitution zu verbieten.“
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Julia Wege (Fachberaterin)
Sie haben als langjährige Leiterin einer Beratungsstelle für Frauen in Prostitution und als Professorin an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der RWU Ravensburg-Weingarten umfassende Kenntnisse über die Prostitution in Deutschland. Was ist zu wenig über dieses Thema bekannt?
Zu wenig bekannt ist auf jeden Fall, dass die Frauen häufig nicht freiwillig, sondern aus ökonomischen oder sozialen Zwängen in die Prostitution einsteigen. Viele glauben, das sei ein Beruf wie jeder andere. Die Frauen würden ihm nachgehen, weil es ihnen Spaß mache oder weil sie das Abenteuer oder das schnelle Geld suchen. Das sind Mythen. Stattdessen gibt es bei Frauen in der Prostitution oft persönliche Notlagen, Verzweiflung, Perspektivlosigkeit, gerade bei denen, die aus dem Ausland stammen. Die Frauen kommen in der Regel aus dem Armutsbereich. Sie kennen sich mit dem deutschen Rechtssystem nicht aus und wissen nicht, wo sie hingehen können, wenn sie in Not sind. Sie werden eingeschüchtert und in ihrer Position extrem geschwächt. Sie finden hier in Deutschland in hohem Maße kriminelle Rahmenbedingungen vor, die sie sehr schnell in Abhängigkeitsverhältnisse rutschen lassen.
Sie haben die Entstehung von SIE HABEN NAMEN als Fachberaterin begleitet. Wie sah diese Beratung konkret aus?
Florian Oeller hat Kontakt zu mir aufgenommen, weil er bei seinen Recherchen zum Thema Prostitution auf meine Publikationen und auch auf Fernsehdokumentationen gestoßen ist, an denen ich beteiligt war. Wir kamen schnell in einen intensiven Austausch, und ich konnte sein Drehbuch über verschiedene Stadien begleiten. Ich war nicht nur Leiterin der Beratungsstelle in Mannheim, sondern habe für meine Doktorarbeit auch in vielen anderen Rotlichtbezirken geforscht. Ich war zum Beispiel auch in Frankfurt, Berlin, Hamburg und Stuttgart und konnte über viele Kontakte auch Interviews mit Betreibern von bekannten Bordellbetrieben führen. Dadurch verfüge ich über sehr viel Hintergrund- und Umfeldwissen, das ich natürlich anonymisieren musste, das aber zum Teil in den Film eingeflossen ist.
Was sind zum Beispiel wichtige Punkte, die eingeflossen sind?
Der Autor fragte mich, was die wichtigste Essenz sei, die ich mitnehme, wenn ich ans Rotlichtmilieu denke. Und das ist für mich die Verstrickung dieses Milieus mit Gesellschaft und Politik. Ich fand es immer interessant zu sehen, wie die Verflechtungen aussehen in Bezug auf Personen des öffentlichen Lebens, die einen relativ großen Einfluss haben. Man fragt sich schon häufig, warum nicht ermittelt wird, warum es nicht mehr Kontrollen gibt, warum der Staat zu wenig macht. Welche Dimensionen das annehmen kann, wird in diesem Film sehr gut sichtbar, gerade in der Figur des Staatsanwalts. Aber es werden auch die Verbindungen in die vermeintlich besseren Teile der Gesellschaft deutlich. Jemand, der ein Bordell hat, besitzt häufig auch noch andere Unternehmenszweige und lässt sich dann feiern in der High Society. Erschreckend viele Männer fühlen sich vom Rotlicht angezogen. Nicht mal unbedingt als Kunden, aber sie finden die Typen, die dort erfolgreich sind, super und gehen mit ihnen aus und zeigen sich gern mit ihnen.
Dadurch, dass Prostitution in Deutschland legal ist, wird sie oft schöngeredet. Man sagt sich, eine legale Prostitution mit Schutzgesetzen und Bordellbetreibern, die Steuern bezahlen, ist doch eine saubere Sache. Was im Hintergrund alles abläuft, kann sich keiner vorstellen. Diese Facetten einmal aufzuzeigen, ist in SIE HABEN NAMEN wirklich sehr gut gelungen. Darüber hinaus sind meine Erkenntnisse zur Lebenswelt von Frauen in der Prostitution in die filmische Darstellung eingeflossen. Dadurch konnten zentrale Aspekte ihrer Lebensrealität differenziert und authentisch im Film berücksichtigt werden.
Im Film ist von der hohen Zahl ungelöster Fälle bei Tötungsdelikten gegen Prostituierte die Rede. Die Frauen erscheinen völlig schutzlos. Entspricht das der Realität?
Ja, auch das ist erschreckend. Es gibt ein paar Studien dazu, dass Frauen in der Prostitution im Vergleich zu Frauen in der Gesellschaft ein höheres Risiko haben, Gewalt zu erleben oder ermordet zu werden. Die Frauen sind oft nicht sichtbar in der Gesellschaft, wechseln häufig ihre Standorte. Wem sollte da auffallen, dass eine Frau plötzlich weg ist? Ich habe viele Frauen betreut, die jahrelang durch ganz Europa geschleust worden waren, von Bordell zu Bordell. Alle drei Wochen wurden sie an einen anderen Ort gebracht, manchmal sogar jede Woche. Das passiert, damit sie nicht Fuß fassen können und damit sie sich ihren Freiern nicht anvertrauen. Diese Netzwerke agieren sehr professionell, die Zuhälter wechseln in der Regel auch sehr oft. Und wenn eine Frau nicht mehr genug Leistung bringt oder nicht mehr jung genug ist, wird sie verkauft. Das wird im Film dadurch deutlich, dass die Zuhälter die Frauen mit Tattoos branden wie eine Ware.
In den Selbstaussagen der Freier im Film offenbart sich ein erschreckendes Frauenbild. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Frauen in der Gesellschaft immer noch so wenig Respekt entgegengebracht wird? Wo müsste man ansetzen?
Der erste und wichtigste Schritt wäre, Prostitution zu verbieten. Wir brauchen das nordische Modell. In Schweden gab es, bevor dort das Sexkaufverbot eingeführt wurde, eine große Studie 1986 zum Thema Gewalt und Gleichstellung der Geschlechter im Kontext von Prostitution.. Und die Schweden haben ganz klar gesagt, wir müssen Prostitution verbieten, weil sie nicht auf Augenhöhe stattfindet und wir dort Gewaltformen haben. Die werden noch begünstigt, wenn wir das legalisieren. Die Ergebnisse der Studie, in deren Rahmen Frauen in der Prostitution interviewt wurden, verdeutlichten, dass Gewalterfahrungen für viele Betroffene einen Bestandteil des Alltags darstellen. Die Erkenntnisse fanden Eingang in die gesetzgeberischen Entwicklungen im Kontext des Sexkaufverbots.
Dass Prostitution bei uns legal ist, verführt die Männer zu dem Irrglauben, es wäre okay, was sie tun. Sie fühlen sich oft auch überlegen und haben den Eindruck, ich habe die Frau ja bezahlt, dann darf ich auch alles mit ihr machen. Dabei kann eine Tausch- oder Geschäftsbeziehung gar nicht auf Augenhöhe vollzogen werden, wenn die Frau aufgrund von persönlichen und ökonomischen Notlagen gezwungen ist, ihren Körper herzugeben und die Wünsche des Freiers zu erfüllen.
Wo sehen Sie, über die Einführung des nordischen Modells hinaus, andere dringende Aufgaben der Politik?
Neben schärferen gesetzlichen Regelungen, die dafür sorgen, dass die Gewalt, die Frauen erleben, auch wirklich geahndet wird, haben wir meiner Beobachtung nach einen dringenden Beratungsbedarf zum Beispiel auch an Schulen. Denn ich habe ganz klar gemerkt, da verschiebt sich was, das Einstiegsalter wird immer jünger. Die fortschreitende Digitalisierung und Pornografisierung der Gesellschaft unterstreichen das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen sogar noch, und wenn auch schon die Jugendlichen gewohnt sind, Pornos zu gucken oder ins Bordell zu gehen, dann verfestigen sich derartige Rollenbilder umso mehr. Es braucht also Beratungsstellen und mehr Gelder für die Finanzierung derartiger Beratungsstellen.. Und natürlich braucht es auch eine gesellschaftliche Debatte.
Wo sehen Sie die Medien in der Pflicht?
Natürlich haben die Medien auch einen wichtigen Auftrag. Ich war immer wieder schockiert, wie Medien das Thema Prostitution darstellen. Wenn ich ein fachliches Interview gebe, erlebe ich sehr häufig, dass dann als Bild eine halbnackte Prostituierte dazukommt. Aber wird das den Frauen gerecht? Ich weiß, dass es natürlich ein Eyecatcher ist und dass Medien auch darauf angewiesen sind, dass die Artikel gelesen werden. Aber es ist schon die Frage, wie ich das Thema von Seiten des Journalismus überhaupt aufgreife.
In Talkshows ist es meist so, dass die Sender dort eine selbstbewusste Sexarbeiterin platzieren. Es werden Frauen eingeladen, die vielleicht sogar ein Studium haben, die sich sehr gut artikulieren können und vielleicht auch in einem Verband sind, um die Rechte von Frauen in der Prostitution zu stärken. Aber das ist nur ein sehr geringer Anteil der Frauen, die wirklich dort tätig sind. Die Gewalt, die Abhängigkeit, dieses Ausnutzen von wirklich jungen Frauen ist in den Medien oft gar nicht wahrnehmbar. Daher denken viele in der Gesellschaft eher an „Pretty Woman“, wenn es um Prostituierte geht, und nicht an Frauen, die keine Krankenversicherung haben, wohnungslos und in großer Not sind. Sie haben oft Kinder in ihrem Herkunftsland und sind gezwungen, wöchentlich Geld nach Hause zu schicken.
Neben dem Missbrauch erzählt der Film auch eine Liebesgeschichte. Ist das nur ein schönes Märchen oder verlieben sich Freier tatsächlich in Prostituierte?
Das kommt durchaus vor. Manchmal hatte ich Freier am Telefon, die sich verliebt und einer Frau viel Geld geliehen hatten, zum Beispiel für die Operation der Mutter. Und dann war die Frau plötzlich nicht mehr da, ohne dass man wissen konnte, ob sie in ihr Land zurückgekehrt ist oder nur woanders hingebracht wurde. Es gab auch Freier, die in der Beratungsstelle anriefen und sagten: Die Nina, bei der ich gestern war, hat Probleme, kann ich mal mit der vorbeikommen? In solchen Fällen waren die Freier wie Multiplikatoren von Beratungsstellen, weil sie wussten, es gibt Hilfe für die Frauen. Gleichzeitig betonten sie gern, sie hätten nur Sex mit Kondom und würden die Frauen gut behandeln und ihnen auch mehr Geld geben. Es war klar, dass sie doch irgendwie ein schlechtes Gewissen hatten und sich auf diese Weise moralisch freikaufen wollten.
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Redaktion:
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