Wie sicher sind Deutschlands Küsten?

So bereitet sich der Norden auf den steigenden Meeresspiegel vor

Die deutschen Küstenregionen richten sich darauf ein, dass der Meeresspiegel bis 2100 um rund einen Meter steigen wird. Wie gut sind die Küsten an Nord- und Ostsee jetzt schon geschützt, und sind immer höhere Deiche wirklich die beste Lösung?

In Gummistiefeln stapft Inga Prüter über einen matschigen Pfad Richtung Watt. Dabei erklärt die Umweltingenieurin, wie hier auf Spiekeroog das Land ins Meer übergeht.

Forscherin Inga Prüter auf einer Salzwiese auf Spiekeroog
Queller-Pflanzen auf einer Salzwiese auf Spiekeroog
Forscherin Inga Prüter auf einer Salzwiese auf Spiekeroog

Zweimal am Tag kommt das Wasser, doch jetzt ist Ebbe.

Die Wissenschaftlerin deutet auf das, was links und rechts des Weges und direkt unter ihren Stiefeln wächst: Salz-Schlickgras, Kriech-Quecke und Queller - ein Wildgemüse, das auch "Spargel der Nordsee" genannt wird.

Mit Studierenden der TU Braunschweig untersucht Prüter, welche Pflanzen hier wachsen, wann sie von der Flut überspült werden und wie stark sie die Kraft der Wellen bremsen.

Ökosystemstärkender Küstenschutz nennt sich das, was Prüter hier erforscht. Die Idee: Küstenschutz kann mehr sein als ein Deich, der in die Natur gebaut wird. Ergänzend lassen sich naturnahe Effekte wie die der Salzwiesen nutzen.

Salzwiesen bremsen die Wellen aus

"Wenn es eine Sturmflut gibt, macht es einen Unterschied, ob das Wasser über die glatte Oberfläche des Watts geht oder ob da Vegetation ist", erklärt Prüter. Die Pflanzen auf der Salzwiese nehmen den Wellen einen Teil ihrer Energie.

Die bewachsenen Flächen haben noch weitere Vorteile. Sie schlucken pro Quadratmeter zum Beispiel deutlich mehr CO2 als ein Wald und bei einem Deichbruch mindern sie die zu erwartenden Schäden. Trotzdem wird ihre Rolle im Küstenschutz häufig als eher gering eingeschätzt.

So funktioniere ihre wellenbremsende Wirkung nur bei geringen und mittleren Sturmfluten, sagt zum Beispiel Jacobus Hofstede, wissenschaftlicher Direktor am Umweltministerium des Landes Schleswig-Holstein. Und vom Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern heißt es, solche Maßnahmen könnten "maximal einen verschwindend geringen Beitrag" beim Küstenschutz leisten.

Karte: Klimaanpassung in den Kreisen

Und so spielen Salzwiesen trotz ihrer günstigen Effekte bislang eine Nebenrolle. Das zeigt auch eine aktuelle Recherche von NDR, WDR, BR und CORRECTIV zu den Klimaanpassungsmaßnahmen der Landkreise und kreisfreien Städte. Nur rund ein Viertel der Küstenanrainer - also jener Regionen, die ans Meer angrenzen - gibt an, beim Küstenschutz auch auf Salzwiesen zu setzen. Dazu zählen Friesland, Wilhelmshaven, Wesermarsch, Dithmarschen oder Schleswig-Flensburg. Welche Maßnahmen im Einzelnen umgesetzt wurden, zeigt ein Klick auf die jeweilige Region.

Wenn in der Karte keine Maßnahmen angegeben sind, muss das nicht unbedingt heißen, dass vor Ort nichts passiert. Einige Landkreise geben an, dass sie keine genaue Kenntnis über die Vorgänge in den Gemeinden haben. Einige sehen sich auch nicht zuständig für eine Auskunft, da Küstenschutz Ländersache ist.

Deiche: Küstenschutzmaßnahme Nummer eins

Auch wenn die Angaben nicht lückenlos sind: Es wird deutlich, dass Deiche bislang die Hauptrolle im Küstenschutz spielen. 56 Prozent der teilnehmenden Meeresanrainer-Regionen haben angegeben, dass sie sich durch den Ausbau von Deichen auf den ansteigenden Meeresspiegel und künftige Sturmfluten vorbereiten. Keine andere Maßnahme zum Küstenschutz wurde häufiger genannt.

Hinter Deichen

Das Nordsee-Festland

Deiche gehören fast genauso zur Nordsee wie das Meer. Schafe grasen auf ihnen, Wanderwege führen auf ihnen entlang.

Schafe auf einem Deich in Neuharlingersiel.

Schafe auf einem Deich in Neuharlingersiel.

Schafe auf einem Deich in Neuharlingersiel.

Sie schützen die Menschen, die dahinter leben, vor Sturmfluten und Überschwemmungen.

Landkarte mit Deichen an der Nordseeküste
Landkarte mit vor der Tide zu schützenden Flächen an der Nordsee
Landkarte mit vor Sturmflut zu schützenden Flächen an der Nordsee

Gut 1.000 Kilometer Deiche sind es allein an der Nordsee.

Ohne die Deiche und sonstige Küstenschutzmaßnahmen wäre die grün eingefärbte Fläche zweimal täglich vom normalen Tide-Hochwasser überflutet. Das zeigen Daten des norddeutschen Küsten- und Klimabüros am Helmholtz-Zentrum Hereon.

Bei einer schweren Sturmflut wie der im Jahr 1962, bei der mehr als 300 Menschen starben, ist das zu schützende Gebiet entsprechend größer. Laut Küsten- und Klimabüro wurde seit damals viel für den Küstenschutz getan und die fraglichen Flächen sind heute sicher vor vergleichbaren Fluten.

Die Küstenbewohner sind also aktuell sicher. Aber wie lange noch? Im ungünstigsten Fall soll der Meeresspiegel laut aktuellem Bericht des Weltklimarates (IPCC) bis 2100 um etwa einen Meter ansteigen.

Simulation: Sturmflut im Jahr 2100

Die Forschenden vom Klima- und Küstenbüro haben berechnet, welche Effekte eine Sturmflut hätte, die 1,1 Meter höher aufläuft als jene von 1962. Ein Szenario, das ihres Erachtens durch den Meeresspiegelanstieg und ein verändertes Windklima eintreten könnte.

Landkarte mit vor Sturmflut im Jahr 2100 zu schützenden Flächen an der Nordsee
Landkarte mit Flächen, die bis zum Jahr 2100 noch vor Sturmflut geschützt werden müssen
Landkarte mit Flächen, die bis 2100 noch vor Sturmflut geschützt werden müssen.

Ohne Deiche wäre bei einer solchen Sturmflut Ende des Jahrhunderts die dunkelblaue Fläche von Überflutungen betroffen.

Im Abgleich mit dem bestehenden Küstenschutz zeigt sich: Ein großer Teil des Gebiets wird bereits geschützt.

Lediglich einige dunkelblaue Bereiche sind zu sehen, die es bis Ende des Jahrhunderts zusätzlich zu schützen gilt.

Um für den künftig höheren Meeresspiegel gewappnet zu sein, verstärken Bund und Länder die Deiche an der gesamten Küste. Pro Jahr will alleine Schleswig-Holstein vier Kilometer seiner Landesschutzdeiche verstärken. Ein Großprojekt. Oder wie Küstenforscher Hofstede es formuliert: "Ein Generationenauftrag".

Die Deiche sollen zu sogenannten Klimadeichen ausgebaut werden. Diese sind nicht nur höher, sondern auch flacher und breiter. Das Idealmodell des Klimadeiches hat eine Breite von 130 Metern bei einer Höhe von 8 bis 9 Metern und soll bei Sturmflut die Schäden durch den Aufprall der Wellen verringern.

Grafik zur Funktionsweise eines Klimadeichs.
Grafik zur Funktionsweise eines Klimadeichs.
Grafik zur Funktionsweise eines Klimadeichs.

Bei einem herkömmlichen Deich ist die Krone in der Regel 2,5 Meter breit.

Bei einem Klimadeich hingegen ist sie mit fünf Metern besonders breit.

Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, kann der Deich eine Kappe bekommen und wird erneut verstärkt.

Schleswig-Holstein ist aktuell dabei, den Eiderdamm in Nordfriesland zu verstärken. Was beim Eiderdamm bis 2026 geschehen soll, hat Büsum bereits hinter sich. Im Jahr 2015 wurde der Klimadeich hier eingeweiht.

Spaziergänger am Deich von Büsum.

Spaziergänger am Deich von Büsum.

Spaziergänger am Deich von Büsum.

"Das ist ein gutes Beispiel, an dem man erkennen kann, wie flach die Außenböschung eines Klimadeiches ist", erklärt Hofstede. "In diesem beliebten Badeort sind touristische Belange besonders zu berücksichtigen. Aus unserer Sicht ist das sehr gut gelungen", so der Küstenforscher.

Ein Kilometer Deichverstärkung kostet im Schnitt etwa fünf Millionen Euro - finanziert von Land, Bund und EU. "Wenn wir damit fertig sind, haben wir unsere Deiche so verstärkt, dass sie auch standhalten, wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt - das passt genau zu den IPCC-Projektionen", sagt Hofstede.

Küstenschutz ist für Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein eines der dringlichsten Projekte, wenn es um die Anpassung an das Klima geht, wie die Länder auf Nachfrage mitteilen. Verständlich. Immerhin leben rund 4,5 Millionen Menschen in den Meeresanrainer-Kreisen. Viele von ihnen sind darauf angewiesen, dass die Deiche halten.

Auf der Hallig

Land unter im Wattenmeer

Vom steigenden Meeresspiegel noch unmittelbarer bedroht als das Festland sind die Halligen. Einige Marschinseln vor der Küste haben im Winter "bis zu 15 Mal Land unter", sagt Michael Kleyer, Landschaftsökologe an der Uni Oldenburg.

Insgesamt zehn Halligen liegen vor der Nordseeküste Schleswig-Holsteins im Wattenmeer. Nur sieben von ihnen sind ganzjährig bewohnt.

Dazu zählen zum Beispiel die Halligen Hooge,

Langeneß

und Gröde.

Laut Kleyer sind die Halligen ein gutes Beispiel, wie Klimaanpassung mit dem Meer anstatt gegen das Meer aussehen kann. Jede Sturmflut bringt Sand- und Tonablagerungen mit sich, die dazu führen, dass das Land sich erhöht. Die Halligen wachsen etwa zwei Millimeter pro Jahr.

Das reicht jedoch nicht aus: Der Meeresspiegel steigt aktuell mehr als vier Millimeter pro Jahr. "Aber immerhin gibt es die Chance zum Aufwuchs, während das von Deichen geschützte Land nicht wachsen kann", so der Professor aus Oldenburg.

Zehn Millionen Euro pro Warft

Damit die Menschen weiter auf den Halligen leben können, hat die schleswig-holsteinische Landesregierung ein Warftverstärkungsprogramm aufgesetzt. Die Verstärkung eines aus Erde aufgeschütteten Hügels, auf dem Häuser erhöht stehen und somit vor Sturmfluten gesichert sind, kostet laut Jacobus Hofstede vom Umweltministerium in Schleswig-Holstein etwa zehn Millionen Euro. "Nirgends auf der Welt ist der Kampf mit dem blanken Hans in der Landschaft deutlich sichtbarer als auf den Halligen", sagt Hofstede und meint damit das Ringen mit der tobenden Nordsee. "Für die Bewohner geht es darum, dass sie dort langfristig wohnen können. Darum lohnt sich die Investition."

Am Ostseestrand

Hochwasserschutz ohne Gezeiten

An der Ostsee sticht der Küstenschutz nicht direkt ins Auge - gut so, finden die Küstenbewohner, denn viele von ihnen leben vom Tourismus. Das Landschaftsbild hier ist nicht dominiert von riesigen Deichen wie an der Nordsee, stattdessen gibt es an der Küste Sandstrand, der die Touristen anlockt. 

Durch die fehlende Tide sind die natürlichen Bedingungen hier andere, auch gibt es deutlich weniger Sturmfluten als an der Nordsee. Doch sie kommen vor. Schwere Ostseesturmfluten hat es zum Beispiel im Januar 2017 und Januar 2019 gegeben. Besonders verheerend war die Jahrtausendflut von 1872.

Historisches Foto der Sturmflut von 1872.

Ellerbeker Fördeufer in Kiel nach der Sturmflut von 1872.

Ellerbeker Fördeufer in Kiel nach der Sturmflut von 1872.

Laut Insa Meinke vom Küsten- und Klimabüro kann eine solche Sturmflut im Prinzip jederzeit wieder auftreten. Auch wenn sie statistisch gesehen nur alle 3.400 Jahre vorkommt.

Landkarte mit den vor Sturmflut zu schützenden Gebieten an der deutschen Ostseeküste.
Landkarte mit bis 2100 vor Sturmflut zu schützenden Gebieten an der deutschen Ostseeküste.
Landkarte mit Gebieten an der deutschen Ostseeküste, die bis 2100 zusätzlich vor Sturmflut zu schützen sind.
Landkarte mit Gebieten an der deutschen Ostseeküste, die bis 2100 zusätzlich vor Sturmflut zu schützen sind.

Nach den Berechnungen von Meinke und ihren Kollegen müssten bei einer solch extremen Ostsee-Flut die hellblauen Gebiete geschützt werden.

Falls der Spiegel der Ostsee wie prognostiziert bis Ende des Jahrhunderts um rund 80 Zentimeter steigt, würde eine solche Jahrtausendflut sogar noch einige weitere Gebiete betreffen.

Hier zu sehen zum Beispiel an den kleinen dunkelblauen Rändern an der östlichen Küste in MV ...

oder auf Fehmarn.

Seit 2007, so erklärt Meinke, müssen die Küstenschutzanlagen jedoch nur noch vor einem Hochwasser schützen, wie es statistisch alle 200 Jahre auftritt. "Das heutige Schutzniveau liegt also unter der potenziell möglichen Sturmflut von 1872", so die Wissenschaftlerin. Und vom Umweltministerium in MV heißt es dazu: "Sicherheit ist also relativ und nur bis zum jeweiligen Bemessungsereignis der örtlich vorhandenen Küstenschutzanlage gegeben."

Wo die Bevölkerung besonders betroffen ist

Sogenannte Hochwasserrisikokarten der Länder zeigen: Selbst im Fall einer Jahrhundertflut, die also eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit hat als das Ereignis von 1872, wären an der Ostsee etliche Menschen betroffen. Wichtig zu wissen: Niedersachsen und Bremen veröffentlichten für dieses Szenario keine Daten, da sie sich hinter den Deichen vor dieser Art von Ereignissen gut geschützt sehen.

Dabei wurde nach der Sturmflut von 1872 der Küstenschutz an der Ostseeküste erheblich verstärkt.

Küstenschutzmaßnahmen auf der Halbinsel Zingst.
Küstenschutzmaßnahmen auf der Halbinsel Zingst.
Küstenschutzmaßnahmen auf der Halbinsel Zingst.
Küstenschutzmaßnahmen auf der Halbinsel Zingst.
Küstenschutzmaßnahmen auf der Halbinsel Zingst.
Küstenschutzmaßnahmen auf der Halbinsel Zingst.

Der klassische Hochwasserschutz in den flachen Küstengebieten Mecklenburg-Vorpommerns ist zum Beispiel auf der Halbinsel Zingst zu sehen. Dazu gehören ...

Buhnen in der Ostsee.

Buhnen im Wasser, ...

Strand, ...

Düne, ...

Wald ...

und Deich.

Ein Ziel des Küstenschutzes an der Außenküste: Durchbrüche in die inneren Küstengewässer bei Sturmfluten verhindern.

Zum klassischen Küstenschutzmodell kommen weitere Maßnahmen hinzu - je nachdem, was die Infrastruktur an der Küste erfordert.

In Greifswald schützt ein Sperrwerk vor Überflutung.
Eine Sturmflutschutzwand schützt Warnemünde.

Ein Sperrwerk schützt beispielsweise die Stadt Greifswald vor Sturmhochwasser. Laut zuständigem Ministerium ist es das größte technische Küstenschutzbauwerk an der deutschen Ostseeküste.

Warnemünde wird durch eine Sturmflutschutzwand geschützt. Diese kann laut Ministerium mit dem Meeresspiegelanstieg schrittweise erhöht werden.

Doch an Teilen der Ostseeküste bedeutet Küstenschutz noch weit mehr als das Verhindern von Überflutungen.

Wo die Küste schwindet

Die Ostsee nagt am Land

Ein großes Problem für die Region, in der Tourismus einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt, ist das Verschwinden der Sandstrände und die Veränderung der natürlichen Küstenlinie. Noch erhalten aufwendige Sandaufschüttungen die Strände.

Außerdem sollen Wellenbrecher und Buhnen den erosionsbedingten Rückgang der Küste verlangsamen. Gleichzeitig wird durch Buhnen jedoch der natürliche Transport von Sediment unterbunden, sodass an anderen Küstenabschnitten der Nachschub ausbleibt.

Steilküsten nur in Ausnahmefällen sichern

Die wichtigsten natürlichen Sedimentlieferanten für die Ostseeküste sind abbrechende Steilküsten. Die Küstenschutzpläne sehen daher vor, Steilufer nur in Ausnahmefällen zu sichern - und zwar dann, wenn Häuser betroffen sind.

Steilküstenabbruch in Travemünde in Schleswig-Holstein.

Auch an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste - wie hier bei Travemünde - sind abbrechende Steilküsten Problem und Sedimentlieferant zugleich.

Auch an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste - wie hier bei Travemünde - sind abbrechende Steilküsten Problem und Sedimentlieferant zugleich.

Trotzdem reicht die natürliche Versorgung mit Sediment nicht aus. In Mecklenburg-Vorpommern wird daher Sediment künstlich hinzugefügt. Im zuständigen Ministerium in Mecklenburg-Vorpommern geht man davon aus, dass der Küstenrückgang sich durch den Klimawandel noch beschleunigt. Dazu kann der steigende Meeresspiegel beitragen, aber auch häufigere und heftigere Stürme.

Und nach 2100?

KI-generiertes Bild eines Zukunftsszenarios mit Überflutung in Norddeutschland

Sieht so die Zukunft aus? Bild erzeugt mit der KI Midjourney.

Sieht so die Zukunft aus? Bild erzeugt mit der KI Midjourney.

Prognosen für den Anstieg des Meeresspiegels beziehen sich oft auf Berechnungen, die bis zum Jahr 2100 reichen. Was zunächst nach weit entfernter Zukunft klingt, ist nicht wirklich fern. Kinder, die jetzt geboren werden, haben gute Chancen, den Jahrhundertwechsel mitzuerleben. Wie kann gewährleistet werden, dass auch die Kinder von heute und deren Kinder sicher sind?

Die Experten sind sich uneins. Die berechneten Zukunftsszenarien für die Zeit nach 2100 seien mit "sehr hohen Unsicherheiten behaftet", heißt es vom Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern. Küstenschutzbauwerke seien grundsätzlich nur für eine Lebensdauer von 100 Jahren angelegt. Daher müssten "kommende Generationen über weitere Maßnahmen entscheiden".

Küstenforscherin Insa Meinke hält es für wichtig, auch hinter den Deichen die Infrastruktur sturmflutsicher zu machen, indem man zum Beispiel Straßen höher baut, sodass sie im Fall einer Flut passierbar bleiben. "Der Meeresspiegel ist auch bei uns bereits deutlich angestiegen und Nordseesturmfluten laufen höher auf und kommen häufiger vor", so Meinke. "Diese Entwicklung wird sich künftig weiter fortsetzen."

Der Biologe Michael Kleyer zeichnet ein düsteres Zukunftsbild:

"Ich frage mich, wie viel weitere Besiedlung wir noch in eine alte Kulturlandschaft stecken wollen, die vielleicht in 200 Jahren aufgegeben werden muss? Werden wir folgenden Generationen eine dystopische Landschaft hinterlassen, in der Brücken und Häuser als Ruinen im Wasser stehen?“
Michael Kleyer, Agrarbiologe

Er plädiert dafür, dem Meer in den nächsten Jahren mehr Land zurückzugeben.

"Die Sorge, dass man irgendwann mit den technischen Möglichkeiten bei der Verstärkung von Deichen am Ende ist, teile ich nicht", sagt Jacobus Hofstede vom Land Schleswig-Holstein. "Technisch und auch finanziell wäre das langfristig machbar", so der Küstenforscher. "In diesem Zusammenhang weise ich gerne darauf hin, dass unsere Deiche an der Nordseeküste etwa acht bis neun Meter hoch sind. Am Mississippi gibt es Deiche, die 13, 14 Meter hoch sind und auch in den Niederlanden erreichen sie an der Nordseeküste 12, 13 Meter."

Salzwiesen, Dünen, Austernriffe mitnutzen

Umweltingenieurin Prüter, die auf Spiekeroog die Salzwiesen erforscht, plädiert für einen langfristigen und ganzheitlichen Ansatz: "Es kann im Zuge des Klimawandels Mechanismen geben, die wir jetzt noch gar nicht abschätzen können. Deshalb ist es sinnvoll, sich nicht nur an diesen einen Meter Deicherhöhung zu klammern. Stattdessen sollten wir alle möglichen Elemente aus der Natur - seien es Salzwiesen oder Dünen oder Austernriffe – für den Menschen mitnutzen und in den Küstenschutz einplanen."

Das Team:

  • Text: Katharina Preuth
  • Hintergrundrecherche und Datenaufbereitung: Michael Hörz
  • Recherche Bildmaterial: Serafin Arhelger
  • Recherche Spiekeroog: Ines Bellinger
  • Konzept und Realisation: Anna Behrend
  • Videoschnitt: Christin Woyczik
  • Redaktion: Sabine Klein und Anna Behrend

    Dank an Isabel Lerch und Claus Hesseling.

Bildnachweise:

  • Statische Landkarten: Norddeutsches Küsten- und Klimabüro, Helmholtz-Zentrum Hereon | Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (2023), Datenquellen
  • Luftbilder Zingst: Google Earth
  • Grafik Klimadeich: NDR/Stefanie Krause
  • Grafik Zukunftsvision: Das Bild wurde mit der Bild-KI Midjourney erzeugt.
  • Videos: NDR/mareTV
  • Fotos: NDR/Ines Bellinger, picture alliance/dpa (Christian Charisius),picture alliance/Zoonar (W. Wirth), picture alliance/dpa (Daniel Bockwoldt), picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild (Bernd Wüstneck), picture alliance/SULUPRESS.DE (Dirk Pagels), Stadtarchiv Kiel/Wikimedia Commons, Bubo/Wikimedia Commons, picture alliance/Zoonar (Thorsten Schier)

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