Zerrwelt der Frauenhasser

Wie die "Incel"-Szene an Bedeutung gewinnt und wie gefährlich sie ist

Sie bezeichnen sich selbst als unfreiwillig im Zölibat Lebende: Sogenannte Incels haben unter den Frauenhassern im Netz in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Ihr Tonfall wird zunehmend rauer und menschenverachtender. Der Halle-Attentäter sympathisierte mit der Gedankenwelt der "Incels", weitere Attentate der letzten Jahre werden mit der Szene in Verbindung gebracht. Dennoch ist vieles über sie unbekannt, fühlen Behörden sich oft nicht zuständig.

Diese Worte schreibt ein Nutzer mit dem Pseudonym "Rurik" am 24. Oktober 2018 in das Online-Forum "incels.is".  Sie stehen symptomatisch für das Weltbild jener Gruppe von Männern, die sich selbst als "Incels" bezeichnen, als unfreiwillig im Zölibat Lebende – auf Englisch "involuntary celibates".

"Incels wollen geliebt werden und Liebe zurückgeben", heißt es in der Beschreibung eines großen "Incel"-Forums im Netz. Sie seien aber trotz größtmöglicher Anstrengungen nicht in der Lage, eine Partnerin für eine liebevolle Beziehung zu finden. Was zunächst nach einer Gruppe bemitleidenswerter Enttäuschter klingt, ist in Wahrheit weit mehr als das. Denn der Groll der "Incels" über ihr unerfülltes Liebesleben richtet sich nicht nur gegen sich selbst, sondern vor allem – und paradoxerweise – auch gegen die Frauen, die sie so dringend begehren.

Gewaltfantasien, Demütigung und Hass

Ihre Foren im Netz sind Echokammern frauen- und allgemein menschenverachtender, zerstörerischer Kommentare und Gewaltfantasien. Statt Unterstützung und Hilfe sind gegenseitige Demütigung und Ermunterung zum Suizid an der Tagesordnung.

Und über alles ergießt sich der Hass gegenüber den "Foids" oder "Femoids", wie Frauen hier bewusst entmenschlichend genannt werden – alternativ auch "Löcher" oder "Toiletten".

Mit Parolen wie "Go ER!" huldigen "Incels" einem ihrer größten Idole und fabulieren über bewaffnete Anschläge: Der 22-jährige US-Amerikaner Elliot Rodger (Initialen: E.R.) erschießt 2014 sechs Menschen und verletzt 14 weitere – seine Rache für sein unfreiwillig zölibatäres Leben. Vor seinem Anschlag in der Universität von Santa Barbara nimmt er ein Video auf, das bis heute im Internet geteilt wird.

Seine Botschaft "Wenn ich Euch nicht haben kann, Mädels, dann zerstöre ich Euch" hallt bis heute in den "Incel"-Foren nach.

Der Neonazi Stephan B., der am 9. Oktober 2019 ein Attentat auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle beging, stand der "Incel"-Ideologie zumindest ideell nahe. Das legen sowohl das von ihm während der Tat live gestreamte Video als auch sein "Manifest" nahe. Auch hörte B. während der Tat ein Lied, das einem anderen Idol der "Incel"-Szene gewidmet ist – dem Kanadier Alek Minassian, der 2018 mit einem Auto in eine Menschenmenge raste, dabei zehn Menschen tötete und vor seiner Tat auf Facebook postete:

"The Incel Rebellion has begun."
Facebook-Post des kanadischen Attentäters und "Incel"-Idols Alek Minassian

Unter anderem das ARD-Magazin Panorama hatte nach dem Halle-Attentat über die Nähe von Rechtsradikalismus und Frauenfeindlichkeit berichtet. Medien würden die "Incels" über einen Kamm scheren und ungerechtfertigterweise allesamt in die Schublade "gewalttätig" stecken, heißt es im "Incel"-Wiki, einer Art Nachschlagewerk der Szene. In der Tat gibt es inzwischen auch "Incel"-Foren, die im Tonfall deutlich milder sind. Doch durch den Glauben an ein Recht auf Sex legten auch sie letztlich ein patriarchales Anspruchsdenken an den Tag, schreibt die Autorin Veronika Kracher in ihrem 2020 erschienenen Buch über die "Incel"-Szene. Auch seien die weniger radikalen "Incels" mitnichten in der Mehrheit, so Kracher.

"Incels" gewinnen seit Jahren an Bedeutung

In Nordamerika, so schreibt die Autorin, würden die "Incels" inzwischen als Gefahr für die innere Sicherheit anerkannt. Insgesamt seien mehr als 50 Menschen in den USA und Kanada durch "Incel"-Attentate ums Leben gekommen. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass die "Incels" gegenüber anderen frauenfeindlichen Strömungen im Netz in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben und dass ihr Diskurs immer rauer, respektloser und frauenverachtender wird.

Auch Deutsche sind in den "Incel"-Foren aktiv. Deutsche Sicherheitsbehörden bestätigen gegenüber dem NDR, die Rhetorik der "Incel"-Szene sei "extremer" geworden, die Bewegung habe sich "politisch radikalisiert" und weise Überschneidungen zum Rechtsextremismus auf, wodurch eine "nicht zu unterschätzende Bedrohung" deutlich werde.

Wie ticken die "Incels" genau? Was unterscheidet sie von anderen Antifeministen im Netz? Und reagieren deutsche Sicherheitsbehörden angemessen auf den frauenfeindlichen Online-Kult?

Auf Vormarsch in der Manosphere

Die "Incels" sind mit ihrem Frauenhass nicht allein in der sogenannten Manosphere – jenem lose verwebten Gespinst von Webseiten und Online-Communities, in dem Männer sich als von Frauen unterdrückt und in verschiedenster Hinsicht benachteiligt sehen. Was "Incels" von anderen Strömungen dieses Kosmos jedoch abhebt, ist ihre starke Fokussierung auf ihr Aussehen und dessen vermeintlich zentrale Rolle bei der Suche nach einer Partnerin.

Für "Incels" ist klar: Sie sind einfach zu hässlich, um jemals eine Beziehung eingehen oder auch nur Sex haben zu können. Denn Frauen, so die Überzeugung der "Incels", haben ausschließlich Interesse an Männern mit bestimmten, als besonders männlich geltenden äußeren Merkmalen. Zu den Eigenschaften dieser "Chads", wie die idealisierten vermeintlichen Frauenhelden von den "Incels" genannt werden, zählen neben überdurchschnittlich großem und muskulösem Körperbau auch symmetrische Gesichtszüge, bestimmte Augenformen, ausgeprägte Wangenknochen oder ein breiter Unterkiefer.

Ein unter "Incels" häufig geteiltes Meme. Bild via knowyourmeme

Ein unter "Incels" häufig geteiltes Meme. Bild via knowyourmeme

"Incels" verzweifeln daran, diesem mutmaßlichen Idealbild nicht zu entsprechen.

Faktoren wie Persönlichkeit und Selbstvertrauen haben nach Überzeugung der "Incels" keinen Einfluss darauf, ob jemand attraktiv auf Frauen wirkt. Auch andere Strömungen der Manosphere haben ihre eigenen vermeintlichen Wahrheiten gefunden. Allen ist gemein, dass Männer auf die eine oder andere Weise benachteiligt werden.

"Men’s Rights Activists"

Da sind etwa die Aktivisten der Männerrechtsbewegung, auf Englisch "Men’s Rights Activists". Sie sehen Männer in verschiedenen sozialen und rechtlichen Bereichen benachteiligt, etwa beim Zuspruch des Sorgerechts oder bei der Schulbildung.

"Männer, die ihren eigenen Weg gehen"

Auch die Strömung der "Männer, die ihren eigenen Weg gehen" (Englisch: "Men Going Their Own Way") sieht Männer als benachteiligt in der Gesellschaft an. Anders jedoch als die Männerrechtsaktivisten, die die Situation der Männer durch Änderungen in Politik und Gesetzgebung verbessern wollen, sehen es die "Männer, die ihren eigenen Weg gehen" als aussichtslos an, das System ändern zu wollen. Sie plädieren daher dafür, keine Beziehungen mit Frauen einzugehen und sich in letzter Konsequenz dem gesellschaftlichen Leben zu entziehen.

"Pick Up Artists"

Während die "Männer, die ihren eigenen Weg gehen" Beziehungen zu Frauen ablehnen, sehen es die "Pick Up Artists" als ein Spiel an, Frauen ins Bett zu kriegen. Sie tauschen sich online und bei Offline-Seminaren über Techniken, Strategien und psychologische Methoden aus, die dabei helfen sollen, Frauen zu verführen.

Nach der "Philopsophie" der "Pick Up Artists" hat ein Mann jederzeit Anspruch auf Sex. Und: Männer müssten eine dominante Alphamännlichkeit entwickeln. Das heißt, durch Selbstbewusstseins-Training und frauenobjektivierendes Gedankengut sollen Körperhaltung, Gestik, Gangart und Stimmlage so verändert werden, dass eine Illusion von Macht, Erfolg und Dominanz entsteht.

Die zunehmende Bedeutung der "Incels"

Die "Incel"-Community sei so etwas wie der "ängstliche junge Bruder" der "Pick Up Artists", schreibt die Politikwissenschaftlerin Mary Lilly. "Incels" seien oftmals enttäuscht worden von den Versprechen der Gurus aus der "Pick Up Artists"-Szene, mit bestimmten Techniken eine Frau für sich gewinnen zu können.

Mit ihrer Ideologie treffen die "Incels" offenbar einen Nerv, denn wissenschaftliche Daten zeigen, dass sie in den vergangenen Jahren innerhalb der Manosphere zunehmend an Bedeutung gewonnen haben. Ebenso wie die "Männer, die ihren eigenen Weg gehen" – zumindest wenn man nach der Anzahl der aktiven Nutzer und der Zahl von monatlichen Posts in einschlägigen Foren geht.

Neben eigenen Foren tauschen sich die Gruppierungen der Manosphere gerne auf der Diskussionsplattform "Reddit" aus. Diskutiert wird dort in thematischen Boards, sogenannten Subreddits. Forschende aus den USA, Großbritannien, der Schweiz und Deutschland haben unter anderem gut 22 Millionen "Reddit"-Posts ausgewertet und analysiert, wie populär die einzelnen Strömungen der Manosphere in den vergangenen Jahren waren.

Der erste "Subreddit" mit Bezug zu den "Men’s Rights Activists" wurde im März 2008 ins Leben gerufen. Die Community gewinnt zunächst stark an Nutzern. Seit 2013 steigt die Nutzerzahl jedoch insgesamt kaum noch an.

Ähnlich verhält es sich mit den "Pick Up Artists". Auch sie gewinnen nach Eröffnung des ersten Diskussionsboards 2008 an aktiven Nutzern, später nimmt deren Zahl jedoch sogar wieder ab.

Der erste "Subreddit" mit Incel-Bezug wird Ende 2010 gegründet.

Die Community wird die größte und aktivste der Manosphere auf "Reddit" – bis der größte "Subreddit" namens "/r/Incels" im November 2017 geschlossen wird, da Nutzer mit gewaltverherrlichenden Inhalten gegen "Reddits" Nutzungsbedingungen verstießen.

Dennoch mausert sich die Community schnell wieder zur Nutzer-stärksten in der Manosphere auf "Reddit".

Ähnlich starken Zulauf erhalten bis Anfang 2019 nur die "Men Going Their Own Way".

Dass die Nutzerzahlen der betrachteten "Subreddits" mit den Jahren insgesamt zunehmen, muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass sich die Plattform "Reddit" insgesamt immer größerer Beliebtheit erfreut: Gab es 2008 erst rund 10.000 "Subreddits", waren es im Jahr 2017 schon mehr als eine Million. Dennoch: Die Daten der Wissenschaftler zeigen, dass einige Communities stärker an Popularität gewinnen als andere.

Immer toxischer

Es gibt nicht nur Verschiebungen innerhalb der unterschiedlichen Strömungen der Manosphere – auch der Tonfall in den zunehmend beliebter werdenden Foren ändert sich. Auch das haben die Wissenschaftler untersucht.

Mit zwei verschiedenen Methoden analysierten sie die "Reddit"-Diskussionen der Männer-Communities: Sie ermittelten einen sogenannten Toxizitäts-Index, also ein Maß dafür, wie "unhöflich, respektlos oder unangemessen" ein Kommentar ist. Das zentrale Ergebnis der Forschenden: Sowohl bei den "Männern, die ihren eigenen Weg gehen" als auch den "Incels" ist der Diskurs auf "Reddit" in den vergangenen Jahren immer rauer, immer toxischer geworden. In den "Reddit"-Diskussionen der "Incels" seit 2012 ist dies besonders deutlich zu sehen.

Im Vergleich zum Mittelwert der Jahre 2010 und 2011 zeigt sich ab 2012 ein deutlich steigender Trend.

Ebenfalls klar zu erkennen: Ein Knick rund um die Schließung des beliebtesten "Incel"-"Subreddits" im November 2017.

Ein ähnliches Ergebnis zeigt auch die zweite Messmethode der Wissenschaftler: Sie ermittelten den Anteil frauenfeindlicher und generell abwertender Wörter in den "Reddit"-Posts. Dafür glichen sie die Posts mit einer entsprechenden Wörterliste ab. Auch diese Daten zeigen: Der raue Tonfall und insbesondere die verbale Aggression gegenüber Frauen nimmt zu.

Auch hier ist ein klar steigender Trend zu erkennen. Im Vergleich zum Mittelwert der Jahre 2010 und 2011 ist der Anteil frauenfeindlicher und abwertender Wörter in den folgenden Jahren teilweise gut sechsmal so hoch.

"Wir sehen Anzeichen für eine Radikalisierung in der Manosphere", sagte kürzlich der an der wissenschaftlichen Auswertung beteiligte brasilianische Computer- und Kommunikationswissenschaftler Manoel Horta Ribeiro gegenüber dem "Spiegel". Doch der durch die Wissenschaftler untersuchte Zeitraum endet Anfang 2019. Darüber, wie sich die Netz-Communities seither entwickelt haben, wie vergiftet der Diskurs inzwischen ist, darüber lässt sich nur spekulieren.

Klar hingegen ist: Frauenfeindliche Kommentare in Foren sind nur das Grundrauschen des Frauenhasses in der Manosphere. Die Böll-Stiftung beschreibt in einer Veröffentlichung, wie die antifeministische Männerrechtsbewegung "Hate Speech" einsetzt, also das Angreifen, Abwerten, das Aufrufen zu Hass und Gewalt. Sie beginne bei Beleidigungen in Foren und allgemeinen Gewaltfantasien gegen Feministinnen, gehe über "Steckbriefe" oder Fotos im Netz und gezielte Verunglimpfung von Einzelpersonen bis hin zu gezielten Vergewaltigungs- und Morddrohungen, die teilweise über das Internet hinausgingen.

"Incels" in Deutschland

Die wissenschaftlichen Daten bescheinigen den "Incels" eine wachsende Bedeutung sowie einen zunehmend hasserfüllten Tonfall in der frauenfeindlichen Netz-Szene. Gleichzeitig ist bekannt, dass Bedrohung und Gewalt aus der Manosphere insgesamt und der "Incel"-Community im Speziellen immer wieder ihren Weg in die Offline-Welt finden. Was resultiert also aus diesen Erkenntnissen für die deutschen Sicherheitsbehörden? Und was weiß man überhaupt über die "Incel"-Community speziell in Deutschland?

Das größte "Incel"-Forum "incels.co" zählte Anfang März 2021 rund 13.000 Mitglieder. Nach Recherchen von Reporterinnen und Reportern von funk, dem öffentlich-rechtlichen Online-Medienangebot für junge Erwachsene, tummeln sich dort auch etliche "Incels" aus dem deutschsprachigen Raum – wie viele es genau sind, lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres bestimmen. Eine Anfrage des NDR beim Bundeskriminalamt (BKA), beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sowie den Landeskriminalämtern (LKA) der norddeutschen Bundesländer fördert zu Tage: Auch hier vermag niemand die Größe der deutschen "Incel"-Szene zu beziffern.

Bekannt ist das Phänomen der "Incels" zwar allen angefragten Behörden, doch gezielt und ganzheitlich im Blick scheint sie niemand zu haben. So heißt es etwa vom BKA:

"Für die Informationsgewinnung und Bewertung zu diesem Phänomen ist jedoch nicht das BKA, sondern das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) im Rahmen seiner gesetzlichen Aufgabenwahrnehmung zuständig. Das BfV beschäftigt sich bereits sehr intensiv mit der INCEL-Subkultur."
Bundeskriminalamt

Das BfV jedoch antwortet auf NDR-Anfrage:

"Die INCEL-Bewegung selbst ist derzeit kein Beobachtungsobjekt des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). Gleichwohl gilt: Wann immer bekannt wird, dass sich Extremisten der Bewegung zurechnen, trägt das BfV diesem Umstand bei seiner Bearbeitung Rechnung."
Bundesamt für Verfassungsschutz

Sprich: Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht sich dann zuständig, wenn jemand Extremist beziehungsweise Verfassungsfeind ist. Ob jemand darüber hinaus der "Incel"-Szene nahesteht, ist für das BfV zweitrangig.

Was die Einschätzung der Gefährdung durch die "Incel"-Szene angeht, verweist das Bundeskriminalamt ebenfalls an den Verfassungsschutz – interessanterweise, denn zwei der norddeutschen Landeskriminalämter beziehen sich wiederum auf eine Einschätzung der "Incel"-Szene, die vom BKA stammen soll. So heißt es etwa vom LKA Hamburg:

"Die Einschätzung des LKA Hamburg hinsichtlich einer Gefährdung durch die INCEL-Szene für Deutschland/Hamburg orientiert sich an der Bewertung, die das Bundeskriminalamt für Deutschland insgesamt vorgenommen hat und wonach die Rhetorik der INCEL-Szene extremer geworden sei. Die Bewegung habe sich zudem politisch radikalisiert und weise Überschneidungen zum Rechtsextremismus auf, wodurch eine nicht zu unterschätzende Bedrohung deutlich werde."
LKA Hamburg

Wie sich Antifeminismus und Rechtsextremismus auf unheilvolle Weise verquicken, zeigen beispielsweise auch die Motive des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik, der im Juli 2011 bei einem Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel acht Menschen tötete und danach auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer eines Sommerlagers erschoss. So richtet sich ein wesentlicher Teil von Breiviks "Manifest" gegen den Feminismus, den Breivik als eines der größten Übel bezeichnet, weil er die Männer schwäche und das Land deshalb muslimisch "kolonisiert" würde.

"Incels" berichten von Rassismus-Erfahrungen

Wie groß jedoch die Überschneidung speziell zwischen den "Incels" und der rechtsextremen Szene tatsächlich ist, scheint durchaus fraglich. So berichten laut funk-Recherchen viele der "Incels" auf "incels.co" von Rassismus-Erfahrungen aufgrund ihres Migrationshintergrunds. Auch eine Umfrage auf der Plattform, an der 670 User teilnahmen, zeichnet mitnichten das Bild einer weißen Community. Lediglich knapp über die Hälfte der Befragten gaben hier an, "weiß" oder "kaukasisch" zu sein.

Doch wie auch immer die "Incel"-Szene genau zusammengesetzt sein mag: Ein Massenphänomen ist sie angesichts der Gesamtnutzerzahlen in den internationalen Foren sicher nicht. Wissenschaftler Ribeiro sagte gegenüber dem "Spiegel", es handle sich bei den "Incels" und den "Männern, die ihren eigenen Weg gehen" zwar noch um Randgruppen, man dürfe aber ihr Potenzial nicht unterschätzen. Es sei plausibel, dass die misogynen, nihilistischen Debatten einen Anteil daran hätten, dass Nutzer zu Massenmördern würden. Doch so unerträglich man Ideologie und Tenor der "Incels" finden mag: Natürlich ist nicht jeder "Incel" ein potenzieller Mörder oder Gewalttäter.

Frauenhass "mitnichten ein Spezifikum von 'Incels'"

Autorin Veronika Kracher gibt zudem zu Bedenken, dass Frauenhass mitnichten ein Spezifikum von "Incels" sei. Das Phänomen "Incels" entstehe nicht in luftleerem Raum, sondern sei Resultat eines Systems, in dem patriarchales Anspruchsdenken, Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung seien.

Diese Gewalt gegen Frauen schlägt sich in den alljährlichen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik nieder: Etwa alle drei Tage wurde im Jahr 2019 in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Im Schnitt alle 44 Minuten registrierte die Polizei zudem eine Frau, die Opfer einer versuchten oder vollendeten schweren oder gefährlichen Körperverletzung wurde. Zu den insgesamt fast 115.000 registrierten Fällen von Partnerschaftsgewalt kommt ein mutmaßlich großes Dunkelfeld, da ein Großteil der angegriffenen Frauen sich nicht bei der Polizei meldet.

Blinde Flecken in der Statistik

Und die Statistik weist erhebliche blinde Flecken auf, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, denn eine Erfassung des Motivs "Frauenfeindlichkeit" gibt es in Deutschland bislang nicht. Immerhin: Seit Anfang 2020, so teilt das LKA Bremen mit, können Straf- und Gewalttaten im Bereich Hasskriminalität nun auch als gegen das "Geschlecht" oder die "sexuelle Identität" gerichtet erfasst werden.

Aber reicht das? Die Digitalstaatsministerin der Bundesregierung, Dorothee Bär (CSU), sprach sich kürzlich für die gezielte Erfassung frauenfeindlicher Straftaten in der Kriminalstatistik aus. Die Grünen brachten bereits Ende 2020 einen entsprechenden Antrag in den Bundestag ein. Sie fordern unter anderem, auch "explizit Phänomene digitaler Gewalt gegen Frauen" zu berücksichtigen und Sonderdezernate für Hasskriminalität bei den regionalen Staatsanwaltschaften einzurichten.

Ausstiegshilfen für "Incels" schaffen

Für jene unfreiwilligen Zölibatäre und andere Anhänger der Manosphere, die ernsthaft an einem Ausstieg aus der Szene interessiert seien, müsse es Ausstiegsstrukturen wie für Rechtsradikale oder ehemalige Sektenmitglieder geben, fordert Autorin Veronika Kracher. Selbsthilfe-"Subreddits" wie "IncelExit" oder "exredpill" allein würden nicht ausreichen. Und doch ist sie überzeugt: "'Incels' mögen glauben, ihr Zustand sei unausweichlich, er ist es jedoch nicht – genauso wenig wie die patriarchalen Verhältnisse, in denen er seinen Ursprung hat."

Sollten Sie von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym. Telefonnummern der Telefonseelsorge: (0800) 111 0 111 und (0800) 111 0 222. Kontakt übers Internet (Chat- oder Mailberatung):  https://www.telefonseelsorge.de/


Recherche und Umsetzung: NDR Data

Redaktion: NDR.de

Collage & Animation: NDR.de Bildredaktion

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