14. OKTOBER 2026 · 20.15 UHR · DAS ERSTE
AB 14. OKTOBER · ARD MEDIATHEK
INHALT
Die auf Mikroexpressionen spezialisierte Psychologin Dr. Marlene Nielsen wird von der Hamburger Polizei als externe Beraterin zu einem vermeintlich eindeutigen Fall von Notwehr hinzugezogen. Sie soll dabei helfen, die Identität der beharrlich schweigenden Frau festzustellen, die in der Nacht ihren Angreifer tödlich verwundet hat. Von der Messerattacke auf sie gibt es sogar eine Videoaufzeichnung. Als Dr. Marlene Nielsen jedoch in der Mimik der „Frau ohne Namen“ Anzeichen für ein absichtliches Tötungsdelikt zu erkennen meint, glaubt ihr niemand. Und da sich ihre Vermutung nicht belegen lässt, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln…
BESETZUNG
Marlene Nielsen
Marleen Lohse
Jonna Lund
Sara Hjort Ditlevsen
Deniz Kurt
Serkan Kaya
Michel Osterloh
Stephan Kampwirth
Jess
Antonia Breidenbach
Elif Karadag
Meral Perin
u. v. m.
STAB
Regie
Lynn Oona Baur
Buch
Anne-Marie Keßel
nach einer Idee von
Lynda Bartnik, Anne-M. Keßel, Marleen Lohse
Kamera
Fee Strothmann
Szenenbild
Vicky von Minckwitz
Kostüm
Anette Schröder
Maske
Edith Paskvalic, Simone Rademacher, Anna Pokrywiec, Christiane Greve
Schnitt
Franziska Köppel
Musik
Ina Meredi Arakelian
Produktionsleitung
Olav Kavelage, Daniel Buresch (NDR)
Ton
Claudia Mattai del Moro
Casting
Marion Haack
Produzent
Joshua Lantow
Redaktion
Donald Kraemer
Länge
88:33 Minuten
Drehorte
Hamburg und Umgebung
„Frau ohne Namen“ ist eine Produktion der triple pictures GmbH im Auftrag des NDR für Das Erste.
Marleen Lohse spielt
MARLENE
NIELSEN
Marlene Nielsen liest in Gesichtern wie in einem Buch. Wo andere nur einen Mundwinkel zucken sehen, erkennt Marlene eine Mikroexpression. Noch die kleinste Veränderung der Mimik verrät der Psychologieprofessorin, was ein Mensch gerade fühlt, ganz egal, ob er es lieber verstecken möchte. Ihre Expertise füllt Hörsäle, ihre Bücher sind Bestseller und aus ihrer großzügigen Wohnung blickt sie auf die Elbphilharmonie. Zum vollendeten Glück fehlt ihr eigentlich nur das Glücklichsein.
Marlenes Fähigkeit ist auch eine Last. Vor ihr ist keine Lüge sicher, und sie hasst Lügen. Sie kann es kaum ertragen, wenn Menschen nicht die Wahrheit sagen. Anlässe dafür gibt es leider reichlich. Von der Ausrede für eine Verspätung bis zu dem unausgesprochenen Wunsch, etwas länger zu bleiben, als es der professionelle Anlass erfordert. Marlene reagiert meistens sofort und spricht Lügen direkt an. Das ist eine Ehrlichkeit, die selten Begeisterung hervorruft. Wer fühlt sich schon gern bei seinen kleinen Alltagslügen ertappt? Das ist eine Ehrlichkeit, die einsam macht. Trotzdem kann Marlene nicht über ihren Schatten springen, denn es ist ein Schatten der Vergangenheit, der sie Misstrauen gelehrt hat.
Als sie als Gutachterin angefragt wird, soll sie helfen, eine Frau zu identifizieren. Die Polizei ist ratlos. Die Frau spricht nicht, hat keine Ausweispapiere und starrt regungslos vor sich hin. Nur eins ist klar: Sie ist angegriffen worden und hat dabei selbst den Angreifer getötet. Für Marlene ein faszinierender Fall, denn sie erkennt im Gesicht der Frau etwas, das nicht zu einem verängstigten Opfer passt. Sie bohrt weiter, auch als der Fall offiziell längst abgeschlossen ist. Denn Marlene hasst nicht nur die Lüge, sie ist auch auf der Suche nach der Wahrheit.
„An meiner Figur mag ich ihre Klarheit und ihre geradlinige Körperlichkeit“
Marleen Lohse über die Psychologin Marlene Nielsen, eine neuartige Ermittlerinnnenfigur im deutschen Krimifernsehen und ihr großes Problem mit Lügen
Sie spielen die Verhaltens- und Emotionspsychologin Marlene Nielsen. Haben Sie die Figur miterfunden?
Ja, ich habe diese Figur vor zehn Jahren gemeinsam mit meinen tollen Autorinnen Anne-M. Keßel und Lynda Bartnik erfunden und über die Jahre immer weiter ausgearbeitet. Uns verbindet nicht nur eine enge Freundschaft, wir erzählen auch wahnsinnig gerne gemeinsam Geschichten. So entwickelten wir die Idee einer Expertin für Mikroexpressionen und Gefühlsforschung. Daraus ist nach und nach die Figur der Marlene Nielsen entstanden. Wir haben lange zusammen an der Geschichte gearbeitet und Anne-M. Keßel hat schließlich das Buch geschrieben. Ich freue mich riesig, dass diese lange Reise jetzt zu diesem Film geführt hat. Und ich finde, es ist etwas ganz Besonderes, wenn aus einer engen Freundschaft so eine schöne gemeinsame Arbeit entstehen kann.
Sind Sie fasziniert von der Gabe der Protagonistin, in Sekundenbruchteilen erkennen zu können, ob jemand lügt?
Natürlich finde ich ihre Fähigkeiten faszinierend. Aber sie machen die Psychologin auch zu einer Getriebenen. Sie spürt, dass etwas nicht stimmt. Und sie muss dem auf den Grund gehen, bis sie die Wahrheit herausgefunden hat. Mich fasziniert vor allem, dass Marlene sich gar nicht in erster Linie auf das konzentriert, was Menschen sagen, sondern auf das, was ihre Gesichter verraten. Sie nutzt das Gesicht ihres Gegenübers als Korrektiv für das Gesagte und versucht so herauszufinden, ob sie belogen wird oder nicht.
Ist sie ein menschlicher Lügendetektor?
Für sie stehen Lügen den Menschen ins Gesicht geschrieben. Man kann sie also schon als eine Art menschlicher Lügendetektor bezeichnen. Aber natürlich ist sie fehlbar. Sie kann Menschen lesen, aber kann sie sie auch verstehen? Durch ihre Fähigkeiten und ihren Gerechtigkeitssinn lebt sie in einem harten, aber funktionalen Weltbild: Es gibt Wahrheit und Lüge, Unschuld und Schuld, Gut und Böse. Auf welcher Seite sie landet, ist für sie immer selbstverständlich gewesen. Jetzt erleben wir, wie dieses Weltbild herausgefordert wird.
Ist diese Rolle so ganz anders als die Figuren, die Sie bisher gespielt haben?
Ja. Und genau dafür habe ich mich in der Entwicklung eingesetzt. Ich liebe die "anderen" Figuren und hoffe, ich kann sie noch lange so weiterspielen, aber als Schauspielerin macht es mir Spaß, in möglichst unterschiedliche Figuren zu schlüpfen. An Marlene mag ich vor allem ihre Klarheit. Ihre präzise Sprache, ihr kontrolliertes Auftreten und auch ihre geradlinige Körperlichkeit. Gleichzeitig steckt unter dieser kontrollierten Oberfläche eine große Leidenschaft. Die hat viel mit einer frühen Verletzung in ihrer Vergangenheit zu tun. Deshalb lässt sie Ungerechtigkeiten nicht einfach stehen. Wenn sie sich einmal in etwas festgebissen hat, lässt sie nicht mehr los. Dieser Fall und ihr unbedingter Wille, die Wahrheit herauszufinden, treiben sie immer weiter. Selbst als sie merkt, dass sie damit alles aufs Spiel setzt, bleibt sie sich treu und geht diesen Weg konsequent weiter.
Wie stehen Sie persönlich zur Lüge? Hat es nicht auch etwas Positives, nicht immer um jeden Preis die Wahrheit auszusprechen?
Ich bin eine unfassbar schlechte Lügnerin und habe selbst ein großes Problem mit Lügen. Umso lustiger ist es eigentlich, dass ich mir ausgerechnet so eine Figur ausgesucht habe und dass ich als Schauspielerin ja beruflich ständig jemand anderes bin. Das macht mir dann wiederum riesigen Spaß. Ich glaube aber, dass Lügen zu unserem gesellschaftlichen Miteinander dazugehören. Oft passieren sie sogar unbewusst. Für mich ist deshalb immer die Frage: Warum lügt jemand? Geht es darum, sich selbst einen Vorteil zu verschaffen? Oder will man jemanden schützen oder nicht verletzen? Ehrlichkeit ist für mich sehr wichtig. Aber ich glaube, dass es Situationen gibt, in denen Mitgefühl wichtiger ist als das Bedürfnis, immer alles auszusprechen. Genau mit dieser Frage wird auch Marlene konfrontiert. Und gerade das macht ihre Entwicklung für mich so spannend.
Serkan Kaya spielt
DENIZ
KURT
Manchmal kommt Deniz Kurt selbst durcheinander. Als Marlene Nielsen ihm das Du anbietet, sagt er erst „Kurt“ und dann „Deniz“. Ein Vorname als Nachname, da passieren leicht Missverständnisse. Aber das charmante Durchlavieren, mit dem Hauptkommissar Deniz Kurt üblicherweise Erfolg hat, funktioniert bei Marlene nicht so richtig. Die nimmt alles sehr genau und zerpflückt seine leeren Komplimente, mit denen er ihr schmeichelt, um sie als Expertin für diesen seltsamen Fall zu gewinnen. Eine Frau, offensichtlich Opfer eines gewalttätigen Angriffs, hat in Notwehr den Angreifer getötet, und das Ganze ist auch noch auf Video dokumentiert. Klare Sache eigentlich, aber die Frau spricht nicht und lässt sich auch nicht identifizieren. Deniz Kurt will eine Gutachterin, die einmal schnell guckt, etwas Schlaues sagt und wieder geht. Dann hat er seine Pflicht getan und niemand kann ihm etwas vorwerfen.
Da ist Deniz Kurt auch nicht am Boden zerstört, dass Marlene bei der Identitätsfeststellung nicht weiterhelfen kann. Der Fall wird sowieso eingestellt werden. Aber Marlene will davon nichts hören und sät Zweifel an der Notwehrtheorie. Deniz schätzt Beweise. Die sehr vagen Vermutungen der Gutachterin bereiten ihm eher Kopfschmerzen, weil sie nicht die Sorte Fakten sind, die in seinen Berichten so gut aussehen. Aber Marlene gefällt ihm trotzdem und als selbsternannter Schutzengel kann man ja auch mal ein bisschen länger bleiben als eigentlich notwendig – wenn die „Beschützte“ nur nicht immer alles sofort durchschauen würde.
„Er ist der Einzige, der ihr Glauben schenkt“
Serkan Kaya über seine Rolle als Kommissar und über ein besonderes Ermittlerpaar
„Deniz Kurt ist ein stark faktenbasiert arbeitender Kommissar. Früher ist er bei Vorgesetzten häufig mit seinen unorthodoxen Methoden angeeckt. Umso mehr ist er jetzt darum bemüht, seine Ermittlungen streng auf objektive Beweise zu stützen. Aber dann begegnet ihm die Psychologin Marlene Nielsen, eine Koryphäe darin, Mikroexpressionen im Gesicht anderer lesen zu können. Als sie die Zeugin einer vermeintlichen Vergewaltigung der Lüge beschuldigt, ist Kurt der Einzige, der ihr Glauben schenkt. Er ist fasziniert von der Frau. Auch weil sie in ihm das Gefühl weckt, als Ermittler nicht nur auf Tatsachen vertrauen zu dürfen. Es ist nicht die klassische Liebesgeschichte, die wir erzählen: Windmühlen, Schmetterlinge, Slow Motions. Sondern zwei Menschen nähern sich über die Arbeit einander an, und sie beeinflussen sich mit der Zeit gegenseitig: Sie lernt von ihm, dass eine Lüge auch dazu dienen kann, andere Menschen zu schützen. Und er lernt von ihr, dass man seine Ziele auch mit Ehrlichkeit erreichen kann. Ich finde das Setting des Films hoch spannend: Eine Frau mit einer besonderen Gabe, aber ohne polizeiliches Know-how, klärt gemeinsam mit einem Kommissar einen Kriminalfall auf. Und es wäre sehr reizvoll, die Geschichte dieses Paares fortzuerzählen.“
Sara Hjort Ditlevsen spielt
JONNA
LUND
Für Jonna Lund gibt es nur einen Gedanken: Rache. Rache soll ihre Seele wieder ins Gleichgewicht bringen. Viele Jahre lang hat sie sich vorbereitet. Sie hat trainiert, hat ihren Körper zu einer Maschine gemacht, der im Einklang mit ihrem Motorrad und mit schwarzer Lederkluft gepanzert durch die Nacht rast. Still sollte Jonna in einem entscheidenden Moment ihres Lebens sein, und still ist sie auch jetzt noch. Kein unnötiges Wort kommt aus ihrem Mund. Sie lässt Taten sprechen.
Es hat ihr niemand zugehört, als sie noch sprechen wollte. Aber ausgerechnet jetzt, als das Sprechen ein Ende hat, kommt da diese Frau, die sie versteht. Die auf jeden Fall mehr versteht, als Jonna preisgeben möchte. Das ist gefährlich – und erleichternd. Denn diese Frau scheint sich wirklich zu interessieren. Die ist nicht wie die Polizei, die eine geschlossene Erzählung braucht, um den Fall zu den Akten zu legen. Diese Frau scheint wirklich hören zu wollen, was Jonna zu sagen hat.
„Sie nimmt das Recht in die eigene Hand“
Sara Hjort Ditlevsen über ihre Titelrolle und die Kunst, beredsam zu schweigen
„Mich hat von Anfang an fasziniert, dass sich hinter dem Thriller eine dramatische Geschichte verbirgt: Sie erzählt davon, wie Frauen, die eine Vergewaltigung erfahren haben, oft nicht ernst genommen werden und ihnen in Ermittlungsverfahren nicht geglaubt wird. Es ist wirklich erschütternd. Ich spiele die Titelheldin, eine junge Frau aus Dänemark, die das Recht deshalb in die eigene Hand nimmt, weil die Polizei ihre Arbeit nicht erledigt. Sie ist getrieben vom Wunsch nach Rache, um dann festzustellen, dass sie ihrer Seele nicht die ersehnte Heilung bringt. Sie muss lernen, anderen zu vertrauen, das ist vielleicht die Moral der Geschichte. Diese Frau zu spielen, die ein schreckliches Geheimnis hütet und sich beharrlich weigert, etwas davon preiszugeben, ist eine schöne Herausforderung gewesen. Normalerweise kommt es beim Spielen darauf an, seine Gefühle und Gedanken auszudrücken, und allgemein fällt es mir leicht, vor der Kamera Tränen zu zeigen oder ein großes Drama zu machen. Aber in dieser Rolle war es wichtig, genau das Gegenteil zu tun. Bei meiner Darstellung habe ich mir die Information zunutze gemacht, dass sie beim Militär war und bestimmt darin ausgebildet wurde, bei einem Verhör stark zu bleiben und den Mund zu halten. Trotz ihrer Verschlossenheit sollen die Zuschauer aber spüren, was sie durchgemacht hat, und verstehen, welche Strategien sie entwickelt hat, um ihr Schicksal zu bewältigen: zugleich Täterin und Opfer zu sein.“
„Es ist ein Film von Frauen – und das merkt man ihm auch an“
Regisseurin Lynn Oona Baur über ihre Inszenierung des Thrillers „Frau ohne Namen“
Ihr Film beginnt und endet wie ein Thriller. Ist es aber ein Drama, das im Vordergrund steht?
Der Film ist ein Thriller, aber als Regisseurin ist es mir natürlich wichtig, die Figuren ernst zu nehmen, ihre Probleme, Empfindungen und Gedanken wie in einem Drama in den Fokus zu stellen. Ich hatte beim ersten Lesen des Drehbuchs das Gefühl, dass „Frau ohne Namen“ trotz Nervenkitzel und Action ein eher ruhig erzählter Film ist. Das fand ich herausfordernd, aber auch spannend. Und ich denke, es ist uns gut gelungen: Man fiebert mit, ohne dass der Puls die ganze Zeit auf 180 ist.
Was ist das Drama der Psychologin Marlene Nielsen?
Marlene Nielsen ist für mich eine Frau, die es in ihrem Leben unter erschwerten Startbedingungen weit geschafft hat. Als Wissenschaftlerin ist sie an der Spitze angekommen, was sie sich niemals hätte träumen lassen. Doch dafür hat sie viel aufgeben müssen. Sie ist sehr streng bei der Auswahl ihrer Kontakte und siebt die Menschen sofort aus, sobald sie spürt, dass man ihr nicht die Wahrheit sagt. Ihre Maxime, niemals zu lügen, hat sie in die Isolation getrieben, was ihr erst so richtig bewusst wird, als sie dem Kommissar begegnet. Von da an lernt sie eine andere Seite des Lebens kennen, zu der auch die Notlüge gehört.
Die Psychologin besitzt die besondere Fähigkeit, die Mikroexpressionen eines Menschen lesen und Lügen entlarven zu können. Wie haben Sie diese Gabe in Bilder umgesetzt?
Das war eine wirkliche Herausforderung, und gemeinsam mit unserer Kamerafrau Fee Strothmann habe ich viel darüber nachgegrübelt. Eines war klar: Wir wollten die Mikroexpressionen, diese extrem kurzen, unwillkürlichen Ausdrücke von Angst, Freude oder Ekel im Gesicht so wenig wie möglich über Großaufnamen zeigen, also wie es – kaum merklich – im Mundwinkel oder unterm Auge zuckt. Denn diese Mikromimik ist für die meisten von uns ja nicht sichtbar. Wir haben dann entschieden, es über Marlene zu erzählen: Welche Emotionen erkennt die Psychologin in ihrem Gegenüber? In ihren Augen steht wörtlich geschrieben, was die andere Person im Bruchteil einer Sekunde wirklich denkt und fühlt.
Idee, Drehbuch, Regie, Kamera – ist „Frau ohne Namen“ ein Frauenfilm?
Es ist ein Film von Frauen, und ich finde, das merkt man ihm auch an. Die meisten Head of Departments waren weiblich besetzt, und auch am Set waren wir viele Frauen – mein erstes Projekt mit einer solchen Teamzusammenstellung! Der Film ist aber definitiv nicht nur für Frauen. Er behandelt ein gesellschaftlich relevantes Thema wie den sexuellen Missbrauch und will alle Zuschauende gleichermaßen abholen.
„Wir sind zehn Jahre lang an dem Projekt drangeblieben“
Autorin Anne-Marie Keßel über einen Film von Freundinnen, einen langen Atem und gute Lügen
Sie haben die Geschichte gemeinsam mit der Schauspielerin Marleen Lohse und der Dramaturgin Lynda Bartnik entwickelt. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Zusammenarbeit?
Marleen und Lynda sind zwei meiner besten Freundinnen und großartige Kolleginnen. Wir kennen uns schon sehr lange und haben immer große Lust verspürt, etwas gemeinsam zu machen. Vor ungefähr zehn Jahren haben wir uns schließlich zu einem kreativen Wochenende verabredet und Ideen-Ping-Pong gespielt. Daraus entstand auch die Geschichte der „Frau ohne Namen“. Sie hat uns alle sofort gefesselt, also beschlossen wir untereinander: Sollte der Stoff jemals verfilmt werden, dann nur unter der Bedingung, dass Marleen die Hauptrolle spielt. Ich habe mir aus diesem Freundschaftsdeal heraus die Romanrechte gesichert und parallel zum Drehbuch den Thriller „Die Lüge in ihrem Gesicht“ geschrieben. Zehn Jahre lang sind wir an dem Projekt drangeblieben, weil wir das starke Gefühl hatten: Das ist eine coole Geschichte.
Was hat Sie am Thema Mikroexpressionen so fasziniert?
Als wir uns damals trafen, war die amerikanische Krimiserie „Lie to me“ im deutschen Fernsehen sehr präsent. Tim Roth spielt darin einen misanthropischen Psychologen, der Menschen ihre Lügen vom Gesicht ablesen kann. Das fanden wir total spannend. Nach unseren Recherchen gab es auf dem deutschen Fernsehmarkt noch kein Pendant dazu. Da war uns klar: Wir wollten eine starke Frauenfigur entwickeln, klug, sympathisch, aber nicht leicht zugänglich, die als renommierte Verhaltens- und Emotionspsychologin in einem Kriminalfall ermittelt.
Was kann eine Schauspielerin zur Stoffentwicklung beitragen?
Ich empfand es als große Bereicherung, Marleen Lohse im kreativen Team zu haben. Bei der Arbeit am Drehbuch achtet man dann nicht nur darauf, ob die Wendepunkte an der richtigen Stelle stehen, die Plots funktionieren und die innere und äußere Entwicklung der Hauptfigur miteinander korrespondieren. Marleen hat immer Fragen aus der Perspektive der Protagonistin gestellt: Ist es konsequent, wie wir sie angelegt haben? Würde sich die Psychologin Marlene Nielsen in der Szene wirklich so verhalten? Würde sie nicht anders handeln? Das war toll, und ich finde es fantastisch, wie sie die Rolle dann gespielt hat.
Ihre Heldin behauptet: „Ich lüge nie. Und ich will auch nicht angelogen werden.“ Führt diese Regel nicht zwangsläufig in die Isolation?
Marlene Nielsen ist zu Beginn quasi eine Gefangene ihrer selbst auferlegten Maxime, wonach jeder Mensch in jeder Situation die Wahrheit verdient hat. Warum? Einfach, um frei entscheiden zu können, wie man mit der Information umgeht. Wenn mich alle anlügen, hey, dieses Kleid steht dir ganz ausgezeichnet, und ich merke erst abends auf der Gala, wie unpassend ich gekleidet bin, dann ist das der absolute Alptraum. Vom strikten Lügenverbot, das viel mit ihrer Backstory zu tun hat, rückt Marlene im Verlauf des Films aber mehr und mehr ab, weil sie zu verstehen beginnt, es gibt auch gute Lügen.
Was sind gute Lügen?
Jeder von uns kennt im Alltag diese „weißen Lügen“, wie sie auch genannt werden. Kleine Notlügen, um die Gefühle des anderen nicht zu verletzen oder um den sozialen Frieden zu wahren. Marlene Nielsen würde natürlich dagegenhalten, dass die Vorspiegelung falscher Tatsachen dem anderen die Chance raubt, ehrlich bewertet zu werden. Persönlich denke ich, es kommt auch auf den Ton an. Man kann seine ehrliche Meinung ja freundlich formulieren, indem man zum Beispiel sagt: Ich glaube, dein Outfit von letzter Woche stand dir um einiges besser!
Impressum
Herausgegeben von Presse und Kommunikation / Unternehmenskommunikation
Redaktion:
Bettina Brinker, NDR/Presse und Kommunikation
Mitarbeit:
Nicola Sorgenfrey, NDR
Interviews & Statements:
Helmut Monkenbusch
Gestaltung:
Janis Röhlig, NDR/Presse und Kommunikation
Bildnachweis:
NDR/Frizzi Kurkhaus
NDR/Jascha Bergmann (Lynn Oona Baur)
NDR/Jana Lämmerer (Anne-Marie Keßel)
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