ELODIE

AM MITTWOCH, 7. OKTOBER 2026, 20.15 UHR, DAS ERSTE

SEISMOGRAFIN

„Ihr könnt euch niemals sicher sein“, „Es ist alles in Ordnung“ – Die Titel von Nicole Weegmanns Filmen deuten an, worin die ungeheure Stärke ihrer Regiearbeiten liegt: Wie eine genaue Seismografin legt sie behutsam und beharrlich Schicht um Schicht frei von Familien im Ausnahmezustand. Zusammen mit ihrer hervorragenden Drehbuchautorin Esther Bernstorff zeichnet Nicole Weegmann in ihren Familiendramen Portraits von Menschen in Phasen der Erschütterung. In „Elodie“ erfährt eine Tochter, warum sie sich nie zu Hause gefühlt hat in ihrem Leben. Der Grund dafür: eine frühkindliche Traumatisierung durch die Unterbringung bei einer problematischen Pflegemutter. Wie prägend die ersten Lebensmonate sind für die Entwicklung von Kindern, wurde erst in den 80er Jahren in psychologischen Fachkreisen anerkannt.

Der Film wird getragen von einem herausragenden Schauspielensemble - angeführt von Karoline Schuch, die uns mitreißt mit ihrer vielschichtigen und starken Performance. Ebenfalls hervorzuheben ist die Kameraarbeit von Falko Lachmund, der in der Welt der Lüneburger Heide die Alptraumbilder von Elodie intensiv in Szene setzt. Gute Filme brauchen starke ProduzentInnen, die für die Qualität kämpfen. Wir freuen uns sehr, dass die Produktion der 2Pilots von Harry Flöter und Genta Zhuta für den Bernd-Burgemeister-Preis auf dem Filmfest München nominiert ist und ihre Uraufführung auf der großen Leinwand feiert.

Während der Beschäftigung mit dem Projekt haben uns viele Beteiligte ihre Geschichten erzählt, darüber, wie sie als Kinder alleingelassen wurden, vernachlässigt oder vergessen. Die meisten Geschichten haben gemeinsam, dass sie zwischen Eltern und Kindern auch Jahre später nicht zur Sprache kamen. Die Betroffenen wurden also ein weiteres Mal allein gelassen mit der oft lückenhaften Erinnerung an problematische Kindheitsepisoden. Der Film „Elodie“ endet mit einem unerwarteten Aufbruch, der Mut macht zur Versöhnung.

Wir möchten unsere Zuschauerinnen und Zuschauer einladen, sich zu erinnern und gemeinsam über die Erinnerungen zu sprechen.

Sabine Holtgreve
Redaktion

Sabine Holtgreve, NDR Redaktion

Sabine Holtgreve, NDR Redaktion

INHALT

Das Lebensglück von Elodie droht zu zerbrechen: Ihr Mann Mehdi will sich von ihr trennen, weil er sich an ihrer Seite einsam fühlt. Zudem wird die in Brüssel lebende Übersetzerin immer wieder von rätselhaften Alpträumen heimgesucht. Aus Anlass des 65sten Geburtstags ihrer Mutter Barbara fährt Elodie zu ihren Eltern in die Lüneburger Heide und will dort vom Scheitern ihrer Ehe erzählen. Doch bevor sie dazu kommt, stößt sie durch Zufall auf eine Episode aus ihrer frühesten Kindheit: Weil die Mutter nach der Geburt depressiv war, wurde Elodie zu einer Kinderfrau gegeben. Ihr Bruder Ben, der mit seiner Familie angereist ist, erfährt ebenfalls erst vor Ort von der Geschichte. Elodie will der Geschichte nachgehen und findet in Kindheitsfreundin Pia, eine Verbündete – Pia war als Kleinkind bei derselben Kinderfrau, Frau Wontroba. Elodie sucht sie auf...

KAROLINE SCHUCH SPIELT

ELODIE KAYSERLING

Begeistert ist Elodie Kayserling nicht, dass sie zum 65. Geburtstag ihrer Mutter nach Hause fahren muss. Dann wird sie sich wieder rechtfertigen müssen. Warum sie ihren Sohn nicht mitgebracht hat und ihren Ehemann? Sie wird erklären müssen, dass ihre Ehe gescheitert ist, und sie wird weder sagen wollen noch sagen können, woran das gelegen hat.

Anderen eine Stimme geben, das kann Elodie gut. Als Dolmetscherin sorgt sie für größtmögliche Verständlichkeit. Für sich selbst sprechen fällt ihr schwerer. Sie sieht lieber Anderen zu, wie die sich inszenieren und mit großen Gesten Familie spielen. Der Bruder, der es allen recht machen will, die pathetisch-kunstsinnige Mutter, der ausgleichende, aber eigentlich unbeteiligte Vater. Elodie möchte sich jederzeit unbemerkt verdrücken können.

Auf einmal stolpert eine bisher unbekannte Person durch die Hintertür in Elodies Leben. Eine Freundin der Mutter erwähnt eine Kinderfrau, bei der Elodie als Baby gewesen sei. Je mehr ihre Eltern herumlavieren und die Bedeutung der Frau herunterspielen, desto unruhiger und neugieriger wird Elodie. Auf einmal sitzt da dieses große Geheimnis als wachsender Klumpen in ihrem Bauch. Sie muss die Frau treffen.

SIBYLLE CANONICA SPIELT

BARBARA KAYSERLING

Als Mutter ist man eigentlich immer unter Beschuss. So fühlt sich auf jeden Fall Barbara Kayserling. Jetzt wird sie 65, und die eigene Tochter kommt mit Fahne und im Schlabberlook zum Geburtstagsfest. Dazu noch ohne Barbaras Enkelsohn. Offenbar ist ihr Barbara nicht wichtig genug für ein Minimum an Aufmerksamkeit und Mühe. Aber wehe, Barbara sagt mal was Kritisches. Dann rollt Elodie mit den Augen oder hat eine Ausrede parat.

Dabei sind Aufmerksamkeit und Mühe Barbaras Lebenselixier. Sie imkert, sie singt im Chor, regiert über ein schönes Heim im Grünen. Hier hat sie Elodie und Ben großgezogen. Ben, der ist ganz normal geworden. Ein Familienvater, wie er im Buche steht. Der setzt die richtigen Prioritäten. Elodie dagegen: mal still, mal aufsässig, jedenfalls immer das, was Barbara gerade nicht gebrauchen kann.

Aber Elodie war früher schon anstrengend. Wenn sie wüsste, wie Barbara gelitten hat damals. Aber Barbara hat sich rausgekämpft. Eigentlich müsste Elodie ihr dankbar sein, fängt aber stattdessen an, in der Vergangenheit zu stochern. Wozu alte Wunden aufreißen? Eine gute Gelegenheit für Elodie, mal wieder Schuld bei ihrer Mutter abzuladen? Aber diesmal nicht. Barbara hat nichts falsch gemacht. Nichts. Gar nichts.

JAN KRAUTER SPIELT

BEN KAYSERLING

Nichts wünscht Ben Kayserling sich mehr, als normal zu sein. Wenn andere auf ihn schauen, sollen sie den liebevollen Familienvater sehen, der sich um alles kümmert, der seine Pflichten erledigt und Respekt vor seinen Eltern hat. Wenn seine Frau vermutet, dass er irgendwas aus seiner Kindheit verdrängt, dann ist das vermutlich genauso neumodisches Getue wie der Wunsch seiner Tochter, Männerkleidung zu tragen.

Den unbedingten Willen zur Harmonie teilt Ben mit seiner Mutter. Er wird nervös, wenn Elodie und Barbara aneinandergeraten. Aber er weiß auch, dass er Elodie vertrauen kann. Wem sonst sollte er von seinem Atemseminar erzählen. Von der hypnotischen Begegnung mit seinem kindlichem Selbst. Davor, dass es ihn "zerlegt" hat, bevor er seinen Panzer wieder lückenlos zusammengesetzt hat.

EVA MATTES SPIELT

FRAU WONTROBA

Nichts als Liebe und Zuwendung hat Frau Wontroba damals den kleinen Würmchen zukommen lassen. Auch wenn die manchmal anstrengend waren und Frau Wontroba dann etwas strenger werden musste. Wie schön sind die Erinnerungen, wenn sie auf die alten Fotos in ihrem vergilbten Album schaut.

Besonders süß war die kleine Elodie. Wie freut sich Frau Wontroba, als Elodie 30 Jahre später vor der Wohnungstür auf der Treppe sitzt. Rein in die gute Stube mit ihr. Einmal die Wange streicheln und vom herzensguten Baby schwärmen, das nie geschrien hat. Aber auf einmal wird die junge Frau unverschämt. Da muss Frau Wontroba ihr schon mal den Kopf zurechtrücken. Ein paar Minuten allein, bei verschlossener Wohnungstür, werden nicht schaden, haben noch nie geschadet.

BESETZUNG

Elodie
Karoline Schuch

Barbara Keyserling
Sibylle Canonica

Ben Keyserling
Jan Krauter

Frau Wontroba
Eva Mattes

Jochen Keyserling
Michael Wittenborn

Jasna
Adriana Altaras

Pia Dörlitz
Minna Wündrich

Mehdi
Jean Alois Belbachir

u. v. m

STAB

Regie
Nicole Weegmann

Drehbuch
Esther Bernstorff

Kamera
Falko Lachmund

Kostümbild
Teresa Grosser

Szenenbild
Tim Pannen

Maske
Tanja Adams, Pia Karlotta Paprzik     

Musik
Gregor Keienburg, Lennart Saathoff

Schnitt
Julia Oehring

Ton
Bernd Hackmann

Casting
Marc Schötteldreier

Produktionsleitung
Angie Simaifar, Daniel Buresch (NDR)

Produzent*innen
Harry Flöter, Jörg Siepmann

Redaktion
Sabine Holtgreve

Länge
88:14 Minuten

Drehorte
Lüneburger Heide

Drehzeit
12.08.2025 - 12.09.2025

„Elodie“ ist eine Produktion der „2Pilots-Filmproduction GmbH“ im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks für die ARD.

„Das Verschweigen ist im Großen wie im Kleinen ein Thema, das uns umgibt.“

Ein Gespräch mit Karoline Schuch (Elodie)

Sie spielen die Hauptrolle in ELODIE. Hatten Sie beim Lesen des Buchs gleich einen Bezug zu dieser Geschichte und der Figur?

Für mich ist dieses Projekt und diese Figur sehr besonders. Als ich das wirklich tolle Drehbuch gelesen habe, dachte ich gleich: Das spricht irgendwie zu mir. Und so ging es spannenderweise dem gesamten Team. Jeden spricht diese Geschichte auf ganz eigene Weise an, jeder kann sich dazu in irgendeiner Weise in Beziehung setzen. Dieses kindliche Gefühl und die Sorge, allein zu sein, ist etwas, was anscheinend sehr viele Leute kennen, in verschiedenen Abstufungen. Die Kunst des Buches ist es, dass nicht viele Worte benötigt werden, um der Figur Elodie ab der ersten Minute unbedingt folgen zu wollen. „Warum ist die so? Was hat sie denn?“ Das finde ich erstaunlich und wirklich selten in der deutschen Fernsehlandschaft.

Elodie ist eine erfolgreiche junge Frau. Doch es wird schnell klar, dass sie keinen echten Zugang zu ihren Gefühlen hat. Wie sieht sie sich selbst? Kann sie nachvollziehen, dass ihr Mann sich neben ihr einsam fühlt?

Ich glaube nicht. Ich glaube, sie versteht nicht, was er meint, als er sie auf ihre mangelnden Gefühlsregungen anspricht. Denn wenn man das nicht zur Verfügung hat, kann man es ja schwer vermissen. Für sie ist diese Beziehung eigentlich ziemlich in Ordnung, so wie sie ist. Weil sie einfach nicht fähig ist, sich auf Nähe einzulassen. Das hat sie sich in ihrer frühen Kindheit vermutlich abtrainiert. Das ist das Drama an dieser Geschichte, dass wir zwei Menschen sehen, die sich lieben, aber nicht zueinander finden. Und das schon in Minute drei!

Trotz ihrer emotionalen Blockade tritt Elodie aber in Beziehung zu den Menschen um sie herum.

Ja, das sehen wir auch sofort. Wenn sie zum Beispiel auf jemanden trifft, wie diese weinende Soldatin im Zug, kann sie durchaus auch geben. Sie sieht, da ist eine Frau, die emotional aufgelöst ist, und zeigt sogleich Anteilnahme, die kann sie schon spüren. Und sie hat dann eben so eine Schokolade parat. Aber in den Arm nehmen würde sie diese Frau wahrscheinlich nicht, und Worte findet sie auch keine.

Elodie reist zu ihrer Familie. Über nächtliche Bilder wird erzählt, dass sie unter Albträumen und Ängsten leidet. Hat sie selbst eine Erklärung dafür?

Sie weiß schon, dass diese Albträume immer dann besonders intensiv sind, wenn wieder ein Kontakt zum Elternhaus ansteht. Und sie fragt sich auch, warum das immer gerade dort so stark ist. Sie verspürt durchaus einen Leidensdruck, aber erklären kann sie sich das alles nicht.

Der Geburtstag der Mutter steht an. Was für ein Verhältnis hat Elodie zu ihr und zu den anderen in der Familie?

Elodie begegnet ihrer Familie vor allem mit einer erlernten oder antrainierten Höflichkeit. Eine herzliche Wärme, die vielleicht angebracht wäre oder die sich der Rest der Familie vielleicht von ihr wünscht, kriegt sie nicht hergestellt. Das wirft die Mutter ihr ja an einer Stelle des Films auch vor. Sie sagt, Elodie hätte sie nie an sich herangelassen, und leidet darunter offenbar, sie hätte es sich anders gewünscht. Aber für Elodie sind Familienfeste etwas, was sie eher erduldet als feiert. Damit können sich wahrscheinlich viele Zuschauer und Zuschauerinnen verbinden.

Elodie (Karoline Schuch) und ihr Bruder Ben (Jan Krauter).

Elodie (Karoline Schuch) und ihr Bruder Ben (Jan Krauter).

Während der Feier erwähnt die Freundin der Mutter eine Kinderfrau, bei der Elodie als Baby war. Die Eltern versuchen, das Thema schnell wieder vom Tisch zu wischen. Macht Elodie gerade das hellhörig?

Sie spürt, dass die Eltern offenbar etwas zu verbergen haben, aber sie fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus. Sie versucht es erstmal ganz unkompliziert und fragt ihre Eltern nach der Geschichte dahinter. Aber je weniger Antworten sie bekommt, desto interessanter wird dieses Thema für Elodie. Und man hat so ein bisschen den Eindruck, dass sie gar nicht mehr aufhören kann. Sie wird quasi zur Investigativjournalistin in eigener Sache. Sie spürt, dass sie einer Geschichte auf der Spur ist, die sie selbst ganz stark betrifft.

Elodie besucht ihre Schulfreundin Pia, die sie auf einem Foto mit sich und der Kinderfrau, Frau Wontroba, erkannt hat. Elodie hat Pia nach der Schulzeit nie mehr gesehen. Hat sie mit ihrer Vergangenheit gebrochen?

Pia ist die Schwester von ihrem Ex-Freund Paddy, und zu ihm hatte Elodie schon immer mal wieder Kontakt. Aber in erster Linie wollte sie auf jeden Fall weg aus diesem Ort und von den Eltern. Und weg bedeutet dann eben auch weg. Dass sie die Freunde nicht mehr gesehen hat, ist der Preis, den sie gezahlt hat. Um möglichst wenig Kontakt nach Hause haben zu müssen, hat sie die alten Kontakte kaum noch gepflegt.

Pia hat sehr negative Erinnerungen an Frau Wontroba. Woher nimmt Elodie den Mut, sich der direkten Begegnung mit dieser Frau zu stellen?

Ich finde auch, dass sie sehr mutig ist. Aber da ist einfach dieser Wille, hinter diese Geschichte zu kommen. Und Mut bedeutet ja auch nicht immer Abwesenheit von Angst. Elodie kann nicht anders, als diesen Weg zu gehen, weil sie spürt, dass das alles sehr viel mit ihr zu tun hat. Und gleichzeitig kann sie mit dieser Aktion auch der Familie und diesen Feierlichkeiten entfliehen. So schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie muss sich der Familiendynamik nicht unterwerfen, sondern gibt selbst den Takt vor. Das ist, glaube ich, auch das Problem in dieser Familie: Es wird von ihr erwartet, dass sie da so mitschwingt, aber sie selbst kann gar nichts vorgeben, weil alles sehr stark von den Vorstellungen der Eltern dominiert wird.

Die Mutter reagiert stark abwehrend auf das Thema der Kinderfrau. Sie hat nie darüber gesprochen und will es auch jetzt nicht tun. Lässt sie ihre Tochter damit nicht ein zweites Mal allein?

Ja, aber das ist ihr normaler Modus operandi, den kennt Elodie schon. In jeder Hinsicht. Alle familiären Veranstaltungen haben nach den Vorstellungen der Mutter zu laufen. Das fängt mit der Kleidung an und hört mit dem Setting auf und mit den Dingen, die besprochen werden dürfen. Das ganze Thema ihrer Depressionen ist sehr angstbesetzt für die Mutter. Sie empfindet es als einen solchen Makel, dass sie es auf keinen Fall besprechen möchte, denn sie hat das Gefühl, als Mutter in der ersten Zeit versagt zu haben. In der Welt der Mutter gibt es ein Recht auf Schweigen. Dieses Schweigen ist generell ein Thema, das in vielen Familien eine Rolle spielt. Wenn man es mal größer denkt, wird das auch in der Debatte um die Mitgliederakten der NSDAP wieder deutlich, die kürzlich zugänglich gemacht wurden. Viele Menschen haben ihre Mitgliedschaft lieber nicht offengelegt in der Hoffnung, dass nie jemand davon erfährt. Das Verschweigen ist im Großen wie im Kleinen ein Thema, das uns umgibt.

Die Eltern mauern beide. Auch der Vater möchte über diese Zeit nicht mehr nachdenken und schon gar nicht darüber reden.

Ja, auch von ihm geht die Idee aus, dass wenn über Dinge nicht geredet wird, sie auf wundersame Weise nicht existieren oder vergessen werden können. Aber bei diesem Geburtstagsbesuch fliegt das beiden Eltern um die Ohren. Das ist der Kern des Vorwurfs von Elodie: Sie wirft beiden nicht vor, dass sie weggegeben wurde, sondern dass ihr niemand davon erzählt hat.

Elodie besucht Frau Wontroba ein zweites Mal. Die Figur ist zwiespältig. Sie war offenbar nicht immer gut zu den Kindern, die sie beaufsichtigt hat. Zugleich erzählt sie aber auch von ihren Enttäuschungen. Sie ist ein Mensch, dem auch nicht immer nur Gutes widerfahren ist. Kann Elodie das sehen?

Ja, das kann sie schon, und ich finde, Eva Mattes spielt das auch wirklich toll und facettenreich. Weil sie dieser Frau eine Würde gibt und nicht einfach nur die böse Kinderfrau dargestellt wird. Überhaupt: Wer ist der Böse in dem Ganzen? Die, die das Kind weggegeben haben, oder die, die sich erbarmt hat, es aufzunehmen? Wie soll man eine tiefe Bindung zu einem Säugling entwickeln, den man nicht geboren hat und der plötzlich einfach so da ist? Wahrscheinlich war Frau Wontroba heillos überfordert mit der Betreuung. Das sind Fragen, die offengelassen werden. Jeder, der den Film sieht, muss sie für sich selbst beantworten.

Elodie und Pia greifen schließlich zu einem rebellischen Akt, um das Schweigen zu durchbrechen. Sie kleistern mit Honig Fotos von Frau Wontroba und „ihren“ Kindern an die Wände von Elodies Elternhaus. Wie ist Ihr Blick auf diese Szene?

Das ist ein wunderbarer anarchischer Akt. Und es hat natürlich wahnsinnig viel Spaß gemacht, das zu drehen. Vor dem Hintergrund dessen, was Elodie in dem Fotoalbum von Frau Wontroba gelesen hat und was sie in deren Wohnung gespürt hat, ist diese Aktion schon legitim. Und dieser Affront macht ja auch etwas möglich. Er bricht etwas auf. Auch bei Elodie selbst. Man hat sie nie so brüllen hören wie in diesem Moment. Die Aktion ist anscheinend alternativlos, und das finde ich auch gut. Dieser Honig! Honig als Symbol für etwas Süßes, Reines, Ländliches und im Film auch etwas Mütterliches. Dass man das einfach mal zerstört, damit etwas Neues beginnen kann, ist doch wunderbar.

„Für mich erzählt der Film, dass die Menschen nicht einfach so über ihren Schatten springen können.“

Ein Gespräch mit Sibylle Canonica (Barbara)

Sie spielen Barbara Kayserling, die Mutter der Hauptfigur. Was hat Sie an diesem Projekt angesprochen?

Alle sind in dieser Welt auf der Suche nach sich selbst. Und wenn man Antworten auf diese Frage sucht, liegt es nahe, in die Vergangenheit zu gehen, um Gründe dafür zu finden, warum man auf diesen Weg gekommen ist und nicht auf einen anderen. Dieses Thema ist so alt wie die Menschheit, und ich finde, hier ist es am Beispiel von ELODIE toll erzählt. Auch gefiel mir, dass diese Familienturbulenz sich vor einer speziellen Kulisse abspielt. Das Haus der Familie Kayserling steht ganz nah an einem Truppenübungsplatz, und ohne dass das groß ausformuliert wird, ist dieses Thema wie ein Hintergrundrauschen dauernd präsent. Es weht zwischendurch immer wieder rein. Zum Beispiel in der Figur des Vaters, der dieser Munitionsfabrik vorsteht, der des Soldaten, der als Untermieter im Haus der Eltern wohnt. Es läuft etwas ab, was die Figuren nur am Rande wahrnehmen, das sie aber in ihrem Handeln beeinflusst. Dadurch ist das nicht nur eine Familiengeschichte, sondern erzählt auch auf einer weiteren Ebene etwas über unsere Zeit.

Elodie bekommt beim Geburtstag der Mutter einen Hinweis darauf, dass es in ihrer Kindheit Ereignisse gab, die man ihr verschweigt. Als sie dem nachgeht, reagieren die Eltern ablehnend. Wie würden Sie diesen Konflikt beschreiben, woher kommt dieses Schweigen?

Darunter liegt ja auch das Thema der Wochenbett-Depression. Ich denke, da ist eine Scham bei der Mutter, dass sie nicht mehr so genau weiß, was damals war. Vielleicht hat sie Tabletten bekommen, das weiß man nicht, weil es nicht erzählt wird. Ich habe mich mit dieser Thematik beschäftigt und auch mit einem Arzt für Gynäkologie darüber gesprochen. So eine Depression nach der Geburt kommt öfter vor, als man denkt. Normalerweise gibt es, wenn ein Kind auf die Welt kommt, sofort dieses fürsorgende Element. Aber manchmal stellt sich das nicht ein, und dann kann es in der Folge zu einer Vernachlässigung kommen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass die Mutter dem Säugling schaden will, sondern sie ist von dieser Depression so niedergedrückt, dass sie unter Umständen vieles vergisst, was wichtig wäre für das Kind.

Mutter Barbara (Sibylle Canonica)

Mutter Barbara (Sibylle Canonica)

Elodie geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, dass sie nie erfahren hat, dass sie zu einer Kinderfrau gegeben wurde. Auch jetzt ist Barbara Kayserling offenbar nicht bereit, das Thema zuzulassen. Schon gar nicht an ihrem Geburtstag.

Barbara gibt nicht vor, worüber gesprochen werden soll. Sie verbietet nichts, sie entzieht sich, das ist etwas anderes. Die Mutter kann nicht mit der Energie umgehen, die von der Tochter kommt. Und Elodie kann nicht behutsamer nachfragen. Sie steht unter einem großen Druck und braucht diese Energie offensichtlich, um da vorstoßen zu können. Für mich erzählt der Film, dass die Menschen nicht einfach so über ihren Schatten springen können. Aber das heißt nicht, dass Barbara das nicht eigentlich möchte. Und es heißt vor allem nicht, dass sie ihre Tochter ablehnt. Das ist ein sehr komplexes und teilweise auch widersprüchliches Verhältnis. Für mich ist das Zusammenspiel interessant, die Dynamik in der Familie. Die Mutter ist durchaus ambivalent, auch mit sich selbst, und auch sie hat, genau wie die Tochter und die anderen, ein gewisses Maß an Aggression. Da ist unter jeder Figur so eine Ladung.

Schließlich kommt es zum Eklat. Elodie verlässt das Elternhaus im Streit. Wie sehen Sie das Ende?

Am Ende kommt es dadurch auch fast zu einem Zwist zwischen Vater und Mutter. Als der Vater Elodie quasi rausschmeißt, stellt Barbara sich schützend vor sie. Für mich ist das Ende so, dass da einiges in Bewegung geraten ist, wie bei einem Mobile. An der einen Seite hat man gezogen, und dann tanzen alle Figuren plötzlich auf und ab. Da ist etwas in Bewegung gekommen, und man wird sehen, wie die Familie damit umgeht.

Was ist Ihnen von dem Drehort und der Zusammenarbeit in Erinnerung geblieben?

Ich kannte die Lüneburger Heide nur aus Erzählungen und aus der Literatur, hatte mich aber dort noch nie aufgehalten. Das war eine tolle Zeit mit Nicole Weegmann, den Kolleginnen und Kollegen und dem ganzen Team. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in einer beeindruckenden Landschaft.

„Es geht nicht um Schuld, sondern darum, auch schwierige Themen offen anzusprechen.“

Ein Gespräch mit Esther Bernstorff (Buch) und Nicole Weegmann (Regie)

ELODIE ist bereits Ihre dritte Zusammenarbeit. Ihre Filme kreisen häufig um die Familie. Ein unerschöpfliches Thema?

Esther Bernstorff: Das Thema fasziniert mich nach wie vor sehr, weil das, was in der Kindheit passiert, nach meinem Gefühl ein maßgeblicher Motor dafür ist, wie wir uns später entwickeln. In ELODIE gehen wir der Frage nach, wie frühkindliche Erfahrungen in uns weiterwirken können und unsere Gegenwart beeinflussen – obwohl wir uns nicht einmal daran erinnern können. Das war der Ursprung dieser Geschichte.

Nicole Weegmann: Familie ist nun mal „Kriegsschauplatz“ Nummer eins. Hier spielen sich unfassbar viele Dramen und Krisen ab, die uns alle prägen. Tatsächlich unerschöpflich. Die Reise zurück in ihre Vergangenheit wird für Elodie zu einem kathartischen Trip. Die Rolle, die ihre Familie dabei spielt, deren Widerstände, Verletzungen, das Schweigen, Schuldgefühle, zarte Solidarität … Familie kann bei diesem Stück wieder viele Gesichter zeigen.

Wie würden Sie Elodie charakterisieren?

E.B.: Ich würde sagen, dass sie gleichzeitig stark und fragil ist. Sie schaut liebevoll auf die Welt und auf andere Menschen, kann sich aber selbst nur ganz wenig greifen. Elodie hat einen Hang zur Dissoziation, weil sie früh gelernt hat, dass es gefährlich sein kann, sich zu zeigen, laut zu werden oder Traurigkeit zuzulassen. Das macht sie sich selbst gegenüber taub. Aber in Bezug auf andere ist sie zugewandt, hat durchaus eine klare Haltung und ist auch stark.

Elodie ist in einer klassischen vierköpfigen Kleinfamilie aufgewachsen. Warum haben Sie diese Konstellation gewählt?

E.B.: Das passiert bei mir gleich am Anfang und ist ein intuitiver Prozess. Die Figuren entstehen, und man überlegt sich: Wie stehen die zueinander? Wenn Elodie ein Mensch ist, der eher dissoziiert und sich zurückhält, muss der ältere Bruder Ben derjenige sein, der die Familie zusammenhält. Die Mutter ist für mich eigentlich erst in der Beziehung zu Elodie im Inneren so richtig entstanden als jemand, die sehr stark den Raum dominiert und gleichzeitig unmöglich macht, dass Dinge zur Sprache kommen.

Auf einer Feier wird aufgedeckt, dass Elodie als Baby bei einer Kinderfrau war. Elodie wird sofort neugierig, trifft aber auf eine Mauer des Schweigens. Warum schweigen die Eltern so beharrlich?

E. B.: Das Wegdrängen ist in vielen Familien eine gängige Form, mit bestimmten Themen umzugehen. Für mich hängt das stark mit Schuldgefühlen zusammen, die der ultimative „Beziehungsverhinderer“ sind. Die Mutter von Elodie kann vor allem deshalb keine gesunde Beziehung zu ihr aufbauen, weil ihre starken Schuldgefühle verhindern, das richtige Maß aus Nähe und Distanz zu finden. Ich kenne das durchaus auch im Verhältnis zu meinen Kindern. Aber für mich macht es die Dinge erträglicher, wenn man sie aussprechen und sichtbar machen kann. Elodies Eltern handhaben das anders, und das ist für mich sehr typisch für diese Generation: sie schweigen. Das haben sie von der Generation davor so gelernt, und ich glaube, darunter liegt die Hoffnung, dass alles doch irgendwie gut wird, wenn man nur nicht darüber redet. Besonders bei Elodies Mutter lauert darunter ein Abgrund, in den hineinzuschauen sie gar nicht aushält.

Wie sind Sie als Regisseurin an diese Geschichte herangegangen, Frau Weegmann? Wie haben Sie das Darsteller-Ensemble ausgewählt?

N. W.: Zunächst stand natürlich im Zentrum, die Darstellerin der Elodie zu finden. Das war eine Hausforderung, weil die Figur sehr zurückgenommen ist, wenig spricht. Während die anderen Figuren im Film sich öffnen, emotional sind, weinen usw., wirkt sie scheinbar distanziert. Dabei war es mir wichtig, Elodie nahbar und nachvollziehbar zu erzählen, den Zuschauer an ihrem Innenleben teilhaben lassen. Wobei außer Frage stand, dass sie dennoch „richtig“ im Sinne der Geschichte erzählt werden musste, bei sich und der Figur bleiben, sich keinesfalls an den Zuschauer anbiedern. Karoline Schuch ist es gelungen, Elodie genau in der Intention der Figur zu spielen und dabei so detailliert, fein und durchlässig, dass es einem die Sprache verschlägt. Ich konnte Karoline ganz und gar den Raum geben, den ich für Elodie wollte, um ihr den ganzen Film über nah zu sein. Die vielen stummen Momente, sie hat sie alle zu Ereignissen gemacht.

Was das brillante Ensemble um Karoline herum betrifft, so kann ich mich nur glücklich schätzen, dass es mir gelungen ist Eva Mattes, Sibylle Canonica, Michael Wittenborn, Jan Krauter, Minna Wündrich, Adriana Altaras usw. sofort zum Mitmachen zu begeistern. Es war auch einfach das fantastische Drehbuch, das dabei geholfen hat, dieses Wahnsinns-Ensemble zu interessieren. Ich bin sehr happy mit der Besetzung.

Nicole Weegmann im Gespräch mit Jan Krauter.

Nicole Weegmann im Gespräch mit Jan Krauter.

Es wird viel über Blicke vermittelt, über Gesten. Wie haben Sie es geschafft, diese Familie so glaubhaft zu erzählen?

N. W.: Für mich ist bei jeder Szene entscheidend, ob ich glaube, dass sich das Gespielte tatsächlich exakt so in der Realität abspielen könnte. Manchmal geht es um Kleinigkeiten, Umgang mit Requisiten, Gänge, Timing. Ich bin da sehr genau, weil es mir wichtig ist. Auch Pausen interessieren mich. Das, was derjenige empfindet, der nicht spricht, diejenige, die gerade zuhört. Gedanken sichtbar zu machen, das Innenleben. Gerade bei ELODIE war das ein wichtiger Schwerpunkt. Auch weil wir entschieden hatten, die Geschichte konsequent aus ihrer Sicht zu erzählen.

Bei ihrer Reise in die Vergangenheit trifft Elodie Frau Wondroba, ihre alte Kinderfrau. Worauf kam es Ihnen bei der Gestaltung dieser Figur an?

N.W.: In der ganzen Wontroba-Welt war mir eine große Ambivalenz wichtig. Ich wollte, dass sie auf keinen Fall auf den ersten Blick eine Antagonistin ist. Mir war die Wärme wichtig, die sie ausstrahlt und die Eva Mattes so wunderbar rüberbringt. Ihre Sehnsucht nach Nähe und das Liebevolle an ihr fand ich auch insofern spannend, als man erst langsam das Grausame oder das Bedrohliche spürt, das dahinterliegt. Eva Mattes hat dieses Spannungsfeld in ganz besonderer Weise gespielt, wofür ich sehr dankbar bin.

Frau Wontrobas Wohnung wirkt, als wäre dort die Zeit stehengeblieben.

N.W.: In der Tat hat die Wontroba in ihrer Wohnung noch viele Elemente aus der Zeit damals erhalten. Verglichen mit der Wohnung aus Elodies Visionen ist diese Wohnung nur geringfügig verändert, so erkennt Elodie sie wieder, nimmt gewisse Gegenstände als Trigger wahr, wie die Lampe an der Wand oder das Licht von den einparkenden Autos draußen, Geräusche, an die sie sich erinnert. Diese Elemente wecken bei ihr unbewusst Gefühle aus der Vergangenheit.

E.B.: Dass die Wohnung so wenig verändert ist, passt auch total mit dieser Figur zusammen. Bei allem, was man an ihr schwierig findet, hat sie für diese Kinder doch gewissermaßen ihr Leben gegeben. Ihre Zeit als Kinderfrau war ihr Lebenszweck und gibt ihr Würde. Darum finde ich es stimmig, dass sie diese Zeit idealisiert. Wobei sie wahrscheinlich damals noch nicht mal so klar im Gefühl hatte, dass einiges nicht in Ordnung war. Es war uns ganz wichtig, die Figur mehrdimensional zu erzählen und viele Dinge offenzulassen. Sie soll hier nicht als Schuldige gezeichnet werden.

Spielort ist die Lüneburger Heide. Neben der idyllischen Heidelandschaft ist wegen des nahegelegenen Truppenübungsplatzes auch das Militär im Hintergrund sehr präsent. Warum haben Sie das so gewählt?

N.W.: Wir hatten zunächst den Impuls, die Geschichte an einem schönen Ort zu erzählen. Der Ort sollte Elodies Reise in ihr Inneres eine gewisse Leichtigkeit verleihen oder eben einfach ein Kontrapunkt sein. So kamen wir auf die Lüneburger Heide. Die Idee, diesen militärischen Hintergrund in die Geschichte zu integrieren, ist erst im Gespräch mit dem Produzenten Harry Flöter in der Entwicklung entstanden. Das Militär ist in der Heide tatsächlich allgegenwärtig. Insofern ist das, was wir erzählen, realistisch. Rheinmetall ist der größte Arbeitgeber am Ort, das Heer hat seinen größten Standort in der Heide, entsprechend sieht man dort im Alltag auch viele Soldaten. In gewisser Weise ist das auch ein Spiegel der aktuellen bundesrepublikanischen Situation. Das Militärische bekommt in unser aller Leben im Augenblick wieder eine stärkere Präsenz, und wir fanden es spannend, diese Aktualität mit in den Film reinzunehmen.

E.B.: Ich finde, der Hintergrund ist nicht nur glaubhaft verortet, sondern hat die Geschichte auch bereichert, weil er Eingang in die Figurenpsychologie gefunden hat. Wenn der Freund des Vaters davon spricht, Elodie und ihre Freunde hätten sich früher vor die Panzer gesetzt, erzählt das auch etwas über diese Figur und ihre Geschichte. Elodie bekommt so zusätzlich noch mal etwas Widerständiges. Sie hat sich schon früher gegen bestimmte Sachen gestellt und tut es auch heute wieder.

Elodie holt ein Thema ans Licht, worüber die anderen lieber schweigen möchten. Dabei geht es ihr gar nicht um Schuldzuweisungen, oder?

E. B.: Es geht nicht um Schuld, sondern darum, auch schwierige Themen offen anzusprechen. In fast allen Familien gibt es Menschen, die den Dingen auf den Grund gehen wollen und sich damit unbeliebt machen, weil die anderen sagen: Ach, lass das doch ruhen, das bringt nur Unfrieden. Das Schweigen ist auch Elodies stärkster Antagonist. Aber sie lässt nicht locker, weil sie intuitiv spürt, dass dieses Erlebnis in der Kindheit auch ein Grund dafür ist, dass ihr das eigene Leben gerade um die Ohren fliegt. Deshalb muss sie wissen, was passiert ist. Auf dem Weg dahin gibt es auch Zorn und Schuldzuweisungen, aber am Ende geht es um eine Art Selbstverortung. Natürlich kann ihr Erlebnis als Säugling nicht als Erklärung für alles herhalten. Aber es ist ein Schlüssel zu ihrer Seele und zu mehr Selbstliebe.

Elodie kann sich schließlich mit ihrer Geschichte versöhnen. Wie wichtig ist Ihnen dieses positive Ende?

E.B.: Dieses Bild, dass Elodie sich als Baby zu sich nimmt und tröstet, war das Erste, was da war in meinem Kopf. Gewissermaßen der Ausgangspunkt der Geschichte. Ich glaube sehr daran, dass man da, wo man etwas Traumatisches erlebt hat, Anteile von sich lässt, und dass es heilsam sein kann, diese Anteile wieder zu sich zu holen und zu integrieren. Das war auch hier der Grundgedanke: dass ein Teil von Elodie immer noch in der Wiege von Frau Wontroba liegt.

N.W.: Diese Szene war schon allein wegen der Babys, mit denen wir gearbeitet haben, herausfordernd. Sie sollten noch sehr klein sein, und man konnte entsprechend nur sehr kurz mit ihnen arbeiten, der Dreh war insofern an der Stelle auch eine Wundertüte. Dabei war mir die Szene sehr wichtig. Ich wollte den offensichtlich heilenden Ansatz so filmisch und beiläufig wie möglich erzählen. Emotional, aufgeladen und stark als Höhepunkt, gleichzeitig umpompös und unprätentiös.

Welche Wirkung wünschen Sie sich für Ihren Film?

N.W.: Wie bei jedem meiner Filme wünsche ich mir, dass einen der Film emotional berührt, dass Zuschauer und Zuschauerinnen sich mit den Figuren identifizieren können und dadurch sensibilisiert werden für das, was den Figuren im Film passiert, weil sie sich mit ihnen verbinden. Dabei muss es nicht immer oder nur die Hauptfigur sein, vielleicht dockt der eine oder die andere mehr beim Bruder, der Mutter oder der Freundin an. Ich will mit allen Figuren ein Angebot machen. Was das Thema konkret betrifft, so hoffe ich natürlich, dass Menschen sich Gedanken machen nach einem Film, es einen Prozess in Gang setzt, die behandelten Fragen zu reflektieren, nicht nur über die Auswirkungen von frühkindlichen Traumata, sondern auch über die Frage, wie wir innerhalb der Familie damit umgehen, was vielleicht alles schiefgelaufen ist.

Jan Krauter

ELODIE thematisiert auf bedrückende Weise die ominöse Sprachlosigkeit, die wahrscheinlich zumindest in Teilen in so gut wie jeder deutschen Familie irgendwo zu finden sein wird. Dieses „Darüber spricht man nicht!“ folgt uns Deutschen allein schon geschichtsbedingt und ist vielleicht deshalb in so viele Bereiche unseres Lebens hineingesickert. Und meiner Meinung nach wird sie vielleicht sogar gerade erst angegangen. Vor allem bei meiner Figur Ben steht das Funktionieren im Vordergrund, dem sich seine Schwester Elodie gerade bewusst verweigert, um die bestehenden Muster zu durchbrechen. Ben gerät dadurch gewaltig in Not, die Fassaden der anderen und vor allem seine eigene zu wahren. Und ähnlich lustvoll und betroffen wie Elodie darf man bei diesem Film dabei zusehen, wie all diese Konstrukte einstürzen und viele Wunden offenlegen.

Eva Mattes

»Alles hat ja immer einen Grund«

Wichtiges im Leben sollte man nicht verschweigen, nicht unter den Teppich kehren.
Diese Erfahrung macht auch Elodies Familie, denn da gibt es eine Leerstelle in Elodie, etwas Dunkles, scheinbar Unergründliches, und Elodie macht sich auf den Weg, dieses Geheimnis aufzudecken. Ich mag diesen Film sehr, er ist leise, fein und sensibel in allen Bereichen. Und durch das vielschichtige Spiel von Karoline Schuch baut sich von Anfang an eine große Spannung auf.
Sie spricht ja kaum, ich kann alles in ihrem Gesicht ablesen. Meine Rolle heißt Frau Wontroba, auch sie hat ein Geheimnis, und sie gibt es nicht preis. Also werde ich es auch nicht verraten.
Es würde mir gefallen, die Lebensgeschichte von jedem einzelnen Menschen in diesem Film zu erfahren, also verfilmt zu sehen, denn alles hat ja immer einen Grund.

Harry Flöter, Produzent

„Elodie“ ist für mich der Versuch, in diesem Film über unsere Zeit zu erzählen, in der eine junge Frau den dunklen Schatten ihrer Kindheit nachspürt inmitten einer Gesellschaft, die glaubt, sich für einen Krieg vorbereiten zu müssen. Vielleicht ein Film über Formen von Gewalt. 

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