ELF HELDEN – EIN ALBTRAUM
AB 2. JUNI IN DER ARD MEDIATHEK
AM SONNTAG, 14. JUNI 2026, 22.00 UHR, DAS ERSTE
Wenn am 11. Juni 2026 die Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko beginnt, werden traumatische, lang verdrängte Erinnerungen an die WM 1994 wach, die ebenfalls in den USA stattfand. Die DFB-Elf war damals als Favorit und Titelverteidiger angereist, schied jedoch im Viertelfinale aus. Doch was vor der WM für viele eine Überraschung gewesen wäre, war es zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr – interne Konflikte, mediale Kampagnen und Häme gegen Trainer Berti Vogts hatten dazu geführt, dass sich die vermeintlichen elf Freunde innerhalb weniger Wochen in einen kollektiven Albtraum manövrierten.
Elf Helden – Ein Albtraum wirft einen Blick hinter die Kulissen dieses für Deutschland denkwürdigen WM-Turniers. Die vierteilige Dokuserie von Produzent Leopold Hoesch und Autor Manfred Oldenburg (KROOS, Ganz normale Männer. Der „vergessene Holocaust, Das letzte Tabu) zeichnet den Weg der Nationalmannschaft zur und während der WM 1994 nach und zeigt, wie eine der individuell stärksten deutschen Mannschaften aller Zeiten spektakulär scheiterte. Dabei spannt sie den Bogen von den WM-Vorbereitungen bis hin zum späteren EM-Sieg im Jahr 1996 und nimmt den Zuschauer mit in das Wechselbad der Gefühle Deutschlands in den 1990er Jahren – in ein Land zwischen Einheitseuphorie und Identitätssuche. Zu sehen ist die von GMPF und Film- und Medienstiftung NRW geförderte BROADVIEW-Produktion Elf Helden – Ein Albtraum als vierteilige Reihe ab 2. Juni in der ARD Mediathek sowie am 14. Juni nach dem WM-Auftaktspiel der deutschen Mannschaft im Ersten.
Zu ELF HELDEN – EIN ALBTRAUM
1994 ist Deutschland amtierender Fußball-Weltmeister. Franz Beckenbauer hatte die deutsche Mannschaft vier Jahre zuvor zum Titel geführt, es hätte in Italien kaum besser laufen können: die Atmosphäre war harmonisch und das gesamte Team ein eingeschworener Kreis, in dem der eine für den anderen einstand. Vier Jahre nach dem Triumph von Rom gilt die deutsche Nationalmannschaft vielen als eine der besten, die es je gab – und Beckenbauers Aussage kurz nach dem WM-Sieg, dass das deutsche Team „über Jahre hinaus nicht zu besiegen“ wäre, ist Versprechen und Bürde zugleich. Versprechen für Millionen von Fans, Bürde vor allem für Berti Vogts. Bodenständig und pflichtbewusst, steht der neue Bundestrainer von Beginn an im Schatten seines Vorgängers – war Beckenbauer „Kaiser“ und „Lichtgestalt“, ist Vogts „Terrier“, Arbeiter und Verfechter von Disziplin und Zusammenhalt, der an althergebrachten Idealen festhält. Doch wie die ganze Welt, hat sich Anfang der 90er auch der Fußball rasant verändert: die Spieler sind globale Marken geworden, selbstbewusst, extrem wohlhabend und dauerpräsent in den zunehmend boulevard-orientierten Medien.
Erste Zerwürfnisse zwischen Trainer und Mannschaft werden schon bei der WM-Vorbereitung deutlich, zunehmend geraten Vogts und sein Team unter kritische Beobachtung der Medien und Öffentlichkeit. Weil Vogts der mächtigsten Boulevardzeitung des Landes die Kooperation versagt, greift die ihn persönlich an und kratzt schwer an seinem Image. Sein Titel-Versprechen vor 20 Millionen „Wetten Dass“-Zuschauern und eine öffentliche Diffamierung durch seinen Vorgänger tun ihr Übriges, dass das deutsche Team unter größtmöglichem Druck zur WM anreist – und sich dort in seine Bestandteile auflöst. Ein verunsicherter Trainer, der zwischen Freiheit und Disziplin die Führung über seine Spieler verliert. Eine Mannschaft, die sich nicht als Einheit versteht und in Gruppen zerfällt. Frauen einiger Spieler, die erstmals selbstbewusst nach vorne treten. Konflikte, die nicht nur die sportlichen, sondern auch die gesellschaftlichen Bruchstellen zwischen Ost und West, Loyalität und Eigeninteresse im wiedervereinigten Deutschland offenbaren. Bis der „Mittelfinger-Skandal‘ um Stefan Effenberg zum Kulminationspunkt wird und eine nationale Debatte über Vorbildfunktion und Verantwortung entfacht – in einer Zeit, in der fremdenfeindliche Ausschreitungen das Bild Deutschlands prägen. Vogts’ Entscheidung, Effenberg nach Hause zu schicken und damit eigene Prinzipien über Popularität zu stellen, isoliert ihn endgültig, in der Mannschaft wie in der Öffentlichkeit – bis Deutschland wenig später gegen Bulgarien ausscheidet. Doch das WM-Debakel ist auch der Anfang von etwas Neuem: Nur zwei Jahre später formt Vogts aus den Trümmern der Mannschaft eine neue Idee und führt Deutschland, ohne die großen Stars aber mit Geschlossenheit, zur Europameisterschaft.
Mit exklusiven Interviews u.a. mit Berti Vogts, Spielern wie Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Bodo Illgner, Mario Basler und Matthias Sammer, Journalisten wie Reinhold Beckmann, Gaby Papenburg und Marcel Reif sowie der damals mit im Zentrum des Geschehens stehenden Bianca Illgner erzählt Elf Helden – Ein Albtraum nicht nur die Geschichte der WM 1994 aus deutscher Sicht. Die vierteilige Hochglanz-Serie ist auch ein vielschichtiges Zeitporträt einer Republik im Wandel und zeigt einmal mehr, wie sehr Fußball auch ein Brennglas gesellschaftlicher Entwicklungen ist: Es geht um Machtkämpfe, Medien und Kommerzialisierung, um die Frage von Loyalität, Haltung und Identität – und über allem schwebt der Geist einer Zeit des Umbruchs, in der sich ein Land neu erfinden muss.
Elf Helden – Ein Albtraum ist eine BROADVIEW Produktion in Zusammenarbeit mit dem NDR, BR und WDR. Regie führte Manfred Oldenburg, Produzent ist Emmy-Preisträger Leopold Hoesch (KROOS, Nowitzki, Schwarze Adler, Die Unbeugsamen, On the Wave). Creative Producer ist Felix Gottschalk (Das letzte Tabu, Beckenbauer, Fußballwunder). Redaktionell verantwortlich sind federführend für den NDR Marc Brasse sowie Martin Kowalczyk (BR) und Jessica Briegmann (WDR).
EPISODE 1 – DER TRAINER
Als die deutsche Nationalelf 1994 als amtierender Fußball-Weltmeister zur WM in die USA aufbricht, ist die Stimmung im Team sehr gut – die Spieler sind gespannt und freuen sich auf das Turnier, die USA sind zu diesem Zeitpunkt noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch eins ist allen klar: Weltmeister wird man nur, wenn alles perfekt läuft.
Doch die Vorbereitung zur WM tut dies schon mal nicht. Sie findet in der Sportschule in Malente statt – dort, wo sich die deutsche Mannschaft u.a. auf die erfolgreiche Heim-WM 1974 vorbereitet hat und wo der viel beschworene „Geist von Malente“ zum WM-Sieg beigetragen haben soll. Diesen will Bundestrainer Berti Vogts auch 1994 heraufbeschwören – doch die mittlerweile gestandenen Profis, denen kein Luxus fremd ist, geben sich zwanzig Jahre später nicht mehr mit den einfachen Dreibettzimmern der Sportschule zufrieden.
Erste Spannungen sind vorprogrammiert. Ganz anders als vier Jahre zuvor in Italien – hier war die Atmosphäre harmonisch, das gesamte Team war ein eingeschworener Kreis, in dem der eine für den anderen einstand. Und über allem schwebte „der Kaiser“, der den Titel nun auch als Teamchef nach Deutschland holte. Und der kurz nach der WM orakelte, dass Deutschland „über Jahre hinaus nicht zu besiegen“ wäre. Ein Versprechen für Millionen von Fans, eine Bürde vor allem für seinen Nachfolger Berti Vogts.
So steht Bundestrainer Vogts von Beginn an unter Druck – und im übergroßen Schatten seines Vorgängers. Ist Beckenbauer der „Kaiser“ und die „Lichtgestalt“, so ist Vogts der „Terrier“, ehrlicher Arbeiter, Verfechter von Disziplin und Zusammenhalt, der an althergebrachten Idealen festhält. Doch die Werte, für die er steht, sind in den 90er Jahren passé – wie die ganze Welt, hat sich auch der Fußball rasant verändert: die Spieler sind globale Marken geworden, selbstbewusst, extrem wohlhabend und dauerpräsent in den zunehmend boulevard-orientierten Medien. Und wie in die deutsche Gesellschaft generell, ist auch in den Profifußball die „Ich-AG“ eingezogen.
Ganz anders als sein Vorgänger weigert sich Berti Vogts zudem, mit der zu dieser Zeit im Fußball allmächtigen BILD Zeitung zu kooperieren. Die darauf reagiert und in den Wochen vor der WM zunehmend das Bild eines Verlierers und Versagers zeichnet – das sich auch in der Öffentlichkeit verfestigt.
Doch Berti Vogts geht es von Beginn an vor allem darum, die Gemeinschaft und den Zusammenhalt der Mannschaft in den Mittelpunkt zu stellen – und dazu gehört für ihn auch, dass die Spieler fokussiert und unter sich bleiben, ohne Frauen und Familie. Dafür fehlt so manchem Spieler das Verständnis – als etwa Bianca Illgner ihren Mann in Malente besuchen will, kommt es zu einem ersten offenen Zerwürfnis von Vogts mit seinem langjährigen Schützling Bodo Illgner.
So steigt der Druck auf Berti Vogts von allen Seiten. Er flüchtet sich in Zweckoptimismus – und verspricht vor 20 Millionen Zuschauern bei einem Auftritt mit der Mannschaft in „Wetten, dass..?“, „Far away in America“ erneut den WM-Titel zu holen.
EPISODE 2 – DIE MANNSCHAFT
Der Druck auf Berti Vogts wird vor Ort in den USA nicht kleiner. Denn Franz Beckenbauer berichtet für den Sender Premiere von der WM, beobachtet die Leistung der Mannschaft und von Vogts so genau wie kritisch – und er ist bekannt dafür, gegenüber Vogts nicht zimperlich zu sein. Noch kurz vor der WM hatte er ihn öffentlich diskreditiert und u.a. als ,Pfeife‘ bezeichnet, via BILD Zeitung ließ er sogar verlauten, sich durchaus vorstellen zu können, die Nationalmannschaft wieder zu übernehmen.
Beckenbauer hält auch nach wie vor Kontakt zu „seinen Weltmeistern“ im Allgemeinen und Lothar Matthäus im Besonderen. Der wiederum, genau wie sein Mentor, auch während der WM einen engen Draht zur BILD Zeitung hat. Beides schürt weitere Unruhe bei Vogts und in der Mannschaft.
Mehr und mehr zerfällt die Nationalelf in drei Gruppen: die alten Weltmeister von 1990 um Kapitän Lothar Matthäus, deren Erfolgshunger vielleicht nicht mehr ganz so groß ist wie vier Jahre zuvor; die jungen Spieler um Stefan Effenberg, die sich unterordnen müssen; und die Spieler aus der ehemaligen DDR, Matthias Sammer und Ulf Kirsten. Insbesondere Matthias Sammer geht es innerhalb der Mannschaft wie damals Millionen Menschen in den neuen Bundesländern: Er fühlt sich fremd im neuen System. Eigentlich der perfekte Leader und Vertreter des Vogtsschen „Wir-Gedankens“, macht er dem „alteingesessenen Wessi“ und Leitwolf Lothar Matthäus seinen Rang nicht streitig.
Rückenstärkung erhält Berti Vogts von Bundeskanzler Helmut Kohl, der das Eröffnungsspiel gegen Bolivien besucht und sich für den Bundestrainer ausspricht. Die deutsche Mannschaft gewinnt pflichtgemäß, ihr Spiel ist jedoch keine Offenbarung – und führt zu weiteren Sticheleien gegen Vogts. Die Unruhe im Team wird nicht kleiner, die Akzeptanz des Trainers innerhalb der Mannschaft nicht größer. Und Vogts‘ Teamgedanke wird weiterhin durch die Egoismen einiger Spieler untergraben.
Zusätzliche Unruhe kommt auf, als die Frauen einiger Spieler – insbesondere die von Bodo Illgner und Stefan Effenberg – Kontakt zu ihren Männern suchen, und diese das Mannschaftshotel immer wieder verlassen. Immer mehr entgleitet Vogts die Kontrolle über die Mannschaft. Als Stefan Raabs Spottlied „Böörti Böörti Vogts“ die deutschen Charts erklimmt, nehmen auch immer mehr Spieler ihren zunehmend verunsicherten Trainer nicht mehr ernst und verlieren den Respekt vor ihm.
EPISODE 3 – DER SKANDAL
Um dem zunehmenden Zerfall der Mannschaft entgegenzusteuern, lässt Vogts die Spieler an immer längerer Leine, erlaubt ihnen z.B., noch vor dem Frühstück stundenlang Golf zu spielen, verschiebt dafür sogar das Training. Es fehlt jede Form der klaren Kante und der Fokus auf die gemeinsame Sache.
Als insbesondere Bodo Illgner im Spiel seine Leistung nicht bringt, führt dies, auch angesichts der Störmanöver seiner Frau Bianca, zu Fragen. Doch Berti Vogts hält trotz der Differenzen an seinem Torwart fest – die Beziehung zu seinem früheren Vertrauten kühlt jedoch merklich ab. Und auch der Konflikt zwischen Vogts und Matthäus spitzt sich zu. Während Vogts – auch wegen Matthäus‘ engen Kontakten zur BILD Zeitung, die weiterhin gegen den Trainer schießt – immer mehr das Vertrauen zu seinem Kapitän verliert und ihn nicht mehr in seine Entscheidungen einbindet, beschwert der sich offen über Vogts bei Beckenbauer. Vogts muss immer mehr Brände löschen, die Unruhe in der Mannschaft wächst weiter.
Das letzte Gruppenspiel gerät zum Fiasko: Südkorea schießt nach zunächst klarer Führung Deutschlands fast den Ausgleich, die deutsche Mannschaft wird von ihren eigenen Fans ausgepfiffen. Und Stefan Effenberg verliert in der Hitze von Dallas die Nerven und zeigt ihnen den Mittelfinger. Zwar gewinnt Deutschland am Ende knapp, weil Effenberg sich jedoch für sein Verhalten nicht entschuldigen möchte, wirft Vogts ihn aus dem Kader.
Eine Entscheidung, die möglicherweise auch vor dem Hintergrund der ausländerfeindlichen Ausschreitungen der vorangegangenen Monate in Deutschland gefallen ist, denn für Vogts war immer auch das Bild der deutschen Mannschaft in der Welt ein wichtiges Thema. Die Mannschaft jedoch ist geschockt und wendet sich geschlossen gegen ihn. Eben noch zerstritten, hält sie nun zusammen: alle gemeinsam gegen den Trainer. Erste Medien bringen Beckenbauer – der Effenbergs Rauswurf scharf kritisiert – als kurzfristigen Ersatz für Vogts ins Spiel, und auch in der Mannschaft kommt das Gerücht auf, dass der „Kaiser“ wieder übernehmen könnte.
So ist das Achtelfinale gegen Belgien ein Schicksalsspiel für Vogts – das Deutschland souverän gewinnt, endlich scheint der Knoten geplatzt und der Mythos „Turniermannschaft“ zu leben. Die Mannschaft feiert ausgelassen, jetzt kann die WM richtig losgehen. Schon sehen sich die Spieler im Halbfinale gegen Italien – und haken das Viertelfinale gegen Bulgarien fast schon ab.
EPISODE 4 – DIE WÜRDE
Im Viertelfinale wartet mit Bulgarien ein scheinbarer Underdog auf die deutsche Mannschaft – die von einem Sieg überzeugt ist und im Kopf schon im Halbfinale gegen Italien antritt. Doch es kommt anders: Nach einer 1:0- Führung wendet sich das Blatt und Bulgarien gewinnt sensationell mit 2:1.
Verloren. Ausgeschieden. Die Mannschaft am Boden. Direkt nach der Niederlage tritt Bodo Illgner zurück, er will nicht mehr unter Trainer Vogts spielen. Die Medien fallen über Vogts her, identifizieren in ihm den Schuldigen – so will auch er zurücktreten. In der Stunde der Einsamkeit meldet sich jedoch Bundeskanzler Kohl, der Hohn und Spott aus eigener Erfahrung kennt, und überredet ihn, nicht aufzugeben.
So bleibt Vogts und baut die Mannschaft für die kommende EM 1996 komplett um. Klinsmann wird sein neuer Vertrauter – wie Vogts lehnt auch er die Zusammenarbeit mit der BILD-Zeitung ab –, Matthäus ist nicht mehr dabei, für ihn spielt nun Sammer Libero. Mit ihm kann Vogts seine Idee des „Wir-Gefühls“ umsetzen. Er schwört das gesamte Team auf seine Werte ein, nicht mehr der Einzelne zählt, sondern die Mannschaft, die „Elf Freunde“. Und was zwei Jahre zuvor so kläglich scheiterte, funktioniert nun tatsächlich: Es sind vielleicht nicht mehr die besten Spieler, die Vogts für England ausgewählt hat, aber es sind die richtigen. Und sie werden 1996 Europameister. Die Fans, die Vogts 1994 noch zum Teufel gejagt haben, feiern ihn nun siegestrunken.
Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, denn nachdem Deutschland bei der WM 1998 abermals im Viertelfinale scheitert und er erneut in der Öffentlichkeit diffamiert wird, tritt Berti Vogts endgültig zurück. Um „den letzten Rest von Menschenwürde zu bewahren, der ihm geblieben ist“, wie er sagt.
DIE PROTAGONISTEN
MARIO BASLER
U.a. 1994 bis 1998 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders
REINHOLD BECKMANN
Fernsehmoderator und Fußballkommentator, nach Stationen bei der ARD und Premiere seit 1992 Sportchef bei Sat.1; konzipierte und moderierte die Sportsendungen ran und ranissimo
RAINER BONHOF
U.a. 1972 bis 1981 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft; 1994 Co-Trainer von Berti Vogts
ALFRED DRAXLER
Ehemaliger Sportchef und stv. Chefredakteur der BILD Zeitung
STEFAN EFFENBERG
U.a. 1991 bis 1998 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders; wurde von Berti Vogts wegen seiner Mittelfinger-Geste im Vorrunden-Spiel gegen Südkorea vorzeitig nach Hause geschickt
WOLFRAM EILENBERGER
Publizist und Philosoph; erwarb 1991 eine B-Lizenz des Badischen Fußballbundes, spielt im linken Mittelfeld der deutschen Autorennationalmannschaft „Autonama“
MAURIZIO GAUDINO
U.a. 1993 bis 1994 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders
THOMAS HELMER
U.a. 1990 bis 1998 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders
BODO ILLGNER
U.a. 1987 bis 1994 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders; Weltmeister 1990
BIANCA ILLGNER
Seit 1990 Ehefrau von Bodo Illgner, ehemalige Managerin ihres Mannes
JÜRGEN KLINSMANN
U.a. 1987 bis 1998 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders; Weltmeister 1990, 2004-2006 Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
ULI KÖHLER
Fernsehmoderator und Fußballkommentator
ANDREAS KÖPKE
U.a. 1987 bis 1998 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders; Weltmeister 1990; 2004 bis 2021 Torwarttrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
LOTHAR MATTHÄUS
U.a. 1980 bis 2000 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders (als Kapitän); Weltmeister 1990
WOLFGANG NIERSBACH
1994 DFB-Mediendirektor; 2012 bis 2015 DFB-Präsident
GABY PAPENBURG
Fernsehmoderatorin, 1994 im festen Moderatorenteam von Sat.1
MARCEL REIF
Sportjournalist und -kommentator, kommentierte bei der WM 1994 für das ZDF
MATTHIAS SAMMER
U.a. 1986 bis 1990 Mitglied der Fußball-Nationalmannschaft der DDR, 1990 bis 1997 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders (als Kapitän)
DIETRICH SCHULZE-MARMELING
Autor zahlreicher Sachbücher u.a. zum Fußball
CHRISTO STOITSCHKOW
U.a. 1986 bis1999 Mitglied der bulgarischen Fußball-Nationalmannschaft, die bei der WM 1994 den vierten Platz und größten Erfolg des bulgarischen Fußballs erreichte
HARALD STENGER
1971 bis 2000 Sportredakteur für die Frankfurter Rundschau, nach 1990 als „Fußballchef“; ab 2001 als Nachfolger von Wolfgang Niersbach DFB-Mediendirektor
THOMAS STRUNZ
U.a. 1990 bis 1999 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders
PETER UNFRIED
Journalist und Autor
BERTI VOGTS
U.a. 1986 bis 1990 Co-Trainer und 1990 bis 1998 Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft; 1967 bis 1978 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
RUDI VÖLLER
U.a. 1982 bis 1994 Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und 1994 Mitglied des WM-Kaders; Weltmeister 1990; 2000 bis 2004 Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
DER STAB
PRODUZENT
Leopold Hoesch
REGIE
Manfred Oldenburg
CREATIVE PRODUCER
Kathrin Anderlohr, Felix Gottschalk
PRODUKTION
BROADVIEW
IN ZUSAMMENARBEIT MIT
NDR, WDR und BR
REDAKTION
Marc Brasse (federführend für NDR), Jessica Briegmann (WDR), Martin Kowalczyk (BR)
KAMERA
Jonas Julian Köck, Till Vielrose
MONTAGE
André Hammesfahr (BFS), Maximilian Narkovic-Dederichs
POSTPRODUCTION SUPERVISOR
Maurice Langehein
MUSIK
Hannah von Hübbenet, Amaury Laurent Bernier
HERSTELLUNGSLEITUNG
Mick Langfort
GEFÖRDERT VON
Film- und Medienstiftung NRW, German Motion Picture Fund
„Du hattest keine Chance, etwas zu reparieren.“
MARIO BASLER
„Dass Berti das durchgestanden hat: Chapeau, Chapeau, Chapeau. Der hat einiges wegatmen müssen. (…) Da war so viel Gruppendynamik unterwegs.“
REINHOLD BECKMANN
„Ich glaube, mit der Schlagzeile ,Berti, bitte geh‘ haben wir das Empfinden der Fans getroffen. (…) Das ist dreißig Jahre her, es waren andere Zeiten.“
ALFRED DRAXLER
„Für mich persönlich gehört er mit zu den besten Bundestrainern, die wir hatten.“
STEFAN EFFENBERG
„Dass das Nationaltrikot mit diesem ikonisch gewordenen Bild zu einer möglichen Fratze eines zukünftigen Deutschlands taugen würde, das war allen klar. Vielleicht muss man auch vor diesem Hintergrund diese wertbetonte Führung von Berti Vogts verstehen. Er wollte, dass diese Mannschaft für Werte steht, die auch global bejahbar sind.“
WOLFRAM EILENBERGER
„Berti hat den Lothar in Frage gestellt als Kapitän und Leader. Und das war ein großer Fehler. (…) Dadurch kam das ganze Schiff extrem zum Schwanken und ist letztendlich auch untergegangen.“
MAURIZIO GAUDINO
„Berti ist nicht eingeknickt.“
THOMAS HELMER
„In erster Linie würde ich sagen, dass es eine Welt war, die von Männern für Männer gemacht worden ist. (…) überhaupt in der Fußballwelt damals konnte man mit mir nicht viel anfangen.“
BIANCA ILLGNER
„Man wollte halt nur als erwachsener Mensch behandelt werden.“
BODO ILLGNER
„Eine WM oder so große Turniere einer Teamsportart generell sind Momente, wo sich die gesamte Gesellschaft wiederfindet. Welche Probleme sie haben, reflektiert vieles, was da draußen grad passiert. Wo die Probleme liegen in unserer Gesellschaft und miteinander.“
JÜRGEN KLINSMANN
„In so einem Hotel, wenn man sich nicht verabredet, trifft man sich nicht, weil da trifft man alles andere, aber keine Mitspieler.“
ANDREAS KÖPKE
„Ich glaube schon, dass wir 1994 nicht die Führung gehabt haben, die wir 1990 mit Franz Beckenbauer hatten.“
LOTHAR MATTHÄUS
„Der schert in diesem Moment aus, wo jeder total deprimiert ist. Also das hat auch mich persönlich hart getroffen.“
WOLFGANG NIERSBACH
„Wenn wir alle zusammenhalten (…), dann werden wir erfolgreich sein – das war gar nicht mehr die Gedankenwelt dieser Generation damals.“
GABY PAPENBURG
„Kommen wir da alle gut weg als Fußballgemeinde? Eher weniger.“
MARCEL REIF
„In meiner Reihe saßen noch andere deutsche Journalisten. Jeder hat sich nach rechts und links gedreht und hat gedacht: Ja, ist denn der jetzt von allen guten Geistern verlassen?“
HARALD STENGER
„Bei so einem Turnier braucht ein Großteil der Mannschaft den totalen Fokus auf das, was der Auftrag ist. Und wenn das nicht gegeben ist, dann kann eine Mannschaft das nicht schaffen.“
THOMAS STRUNZ
„Das Wir-Gefühl ist das wichtigste im Fußball.“
BERTI VOGTS
INTERVIEW MIT PRODUZENT LEOPOLD HOESCH
Herr Hoesch, was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an die WM 1994?
Heißer Sommer, frisch verliebt. Wir waren immer noch Weltmeister, und so war auch die Stimmung. Nach dem Belgien-Spiel war ich mir sicher: Bulgarien ist nur eine Zwischenstation, bevor man Italien schlägt, um dann auf den Endgegner Brasilien zu stoßen. Was hinter den Kulissen tatsächlich los war, habe ich damals nicht im Geringsten geahnt, geschweige denn durchschaut.
Mit Blick auf die WM 2026 in den USA dachte ich, dass es vielleicht angebracht wäre, sich noch einmal das letzte Turnier in den USA anzuschauen. Dabei war ich erstaunt, wie wenig von diesem Turnier im kollektiven Gedächtnis geblieben ist. Je intensiver man sich aber mit dem Stoff beschäftigt, desto deutlicher wird, dass es sich vielleicht um die erzählerisch unterhaltsamste WM überhaupt handelt. Am Anfang wollte mir das kaum jemand glauben. Beim NDR hat man dann genauer hingeschaut und sofort erkannt, welches Potenzial in diesem Stoff steckt.
Was macht die WM 1994 aus Ihrer Sicht so besonders, dass BROADVIEW ihr eine Dokuserie widmet?
Die Geschichte der WM 1994 hat unglaublich viele Ebenen und ist voller faszinierender Figuren – nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch als Erzähler. Obwohl das Turnier als Ganzes, natürlich auch wegen der frühen Niederlage, kaum in Erinnerung geblieben ist, kennen die meisten bis heute noch alle Spieler: Effenberg, Matthäus, Sammer, Strunz, Illgner, Völler, Klinsmann und viele andere. Wenn man einmal anfängt, das Geflecht aufzudröseln, das zu dieser Niederlage geführt hat, entwickelt die Geschichte eine enorme erzählerische Kraft.
Grundsätzlich eignet sich das Genre Sportdokumentation besonders gut als Projektionsfläche für andere Geschichten. Leider wird dieses Potenzial heute viel zu selten wirklich gehoben. Die WM 1994 war voll von starken Persönlichkeiten – elf Helden, deren Geschichte fußballerisch im Albtraum endete. Dass sie ihre Sicht heute mit uns teilen, macht diesen Stoff so besonders. Vielleicht trägt das ja sogar dazu bei, dass die WM-Mannschaft 2026 sich einiges zu Herzen nimmt und am 19. Juli im Stadion am gleichen Ort einen großen Sieg nach Hause bringt.
Was macht Manfred Oldenburg zum idealen Regisseur für ELF HELDEN – EIN ALBTRAUM?
Mit Manfred Oldenburg verbindet mich seit 2002 eine enge Zusammenarbeit im Bereich der Fußballdokumentation, seit wir mit der Arbeit an der vielfach preisgekrönten Dokumentation Das Wunder von Bern begonnen haben. Kein anderer Autor hat sich so oft und so detailliert mit der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beschäftigt und dabei so viel Bekanntes, Unbekanntes und immer wieder Überraschendes in seinen Filmen zutage gefördert.
Dazu zählen unter anderem der preisgekrönte Film Das verflixte dritte Tor – Wembley ’66: Die wahre Geschichte, Wir Weltmeister – ein Fußballmärchen, KROOS, Das letzte Tabu, Fußballwunder: Von Bern bis Berlin und jetzt eben Elf Helden. Mit Manfred Oldenburg verbindet mich zwischen Autor und Produzent ein fast schlafwandlerisches Vertrauen. Es ist eine Zusammenarbeit, die seit über 20 Jahren immer wieder Erfolge hervorgebracht hat.
BROADVIEW steht nach Filmen und Serien über Dirk Nowitzki, Toni Kroos, Franz Beckenbauer, Bernhard Langer oder zuletzt Sebastian Steudtner auch für hochwertige, attraktive Sportdokumentationen. Wie fügt sich ELF HELDEN – EIN ALBTRAUM in diese Reihe ein?
Als Ausnahme. Eigentlich funktionieren Misserfolge als Stoff im Film nur selten. In diesem Fall ist die Verkettung der Ereignisse jedoch so unterhaltsam und zugleich so aufschlussreich, dass man sich nur zu gern auf diese Erzählung einlässt – und hofft, daraus für die Zukunft etwas lernen zu können, als Land, aber auch persönlich. Elf Helden ist sicher der psychologisch interessanteste Film in der Reihe unserer Sportfilme.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der ARD?
Wir hatten schon oft das Vergnügen, mit ARD-Sendern Filme zu machen, darunter Nowitzki. Der perfekte Wurf, Angela Merkel – Im Lauf der Zeit oder Spillover. Die ARD, in diesem Fall der NDR, hat das Potenzial des Stoffs WM 1994 als erstes erkannt. Danach ging alles sehr schnell. Die ARD ist in diesem Fall der exakt richtige Partner – ich freue mich, zu erleben, wie sie sich weiter in die Lücke bewegt, die Streamer hinterlassen, auf langlebige Qualität setzt und Produzenten zunehmend Chancen zur Co-Produktion eröffnet. Wirtschaftlich wie ordnungspolitisch ist das der richtige Weg.
Was kann man in den nächsten Monaten von BROADVIEW erwarten?
Bei BROADVIEW stehen in den kommenden Monaten mehrere spannende Projekte an. Den Auftakt macht Die Queen & Ich von Julia Melchior, anlässlich des 100. Geburtstags der Jahrhundertfigur Queen Elizabeth II. Danach folgen Elf Helden – Ein Albtraum, eine Serie über Erdoğan sowie Die Sammlerin, ein Kinofilm über Julia Stoschek. Für das kommende Jahr ist außerdem DIE UNBEUGSAMEN 3 geplant.
INTERVIEW MIT REGISSEUR
MANFRED OLDENBURG
Herr Oldenburg, in Ihrer letzten Dokuserie Fußballwunder – von Bern bis Berlin haben Sie sich bereits mit ausgewählten WM-Teilnahmen der deutschen Fußballnationalmannschaft auseinandergesetzt. Was macht nun gerade die WM 1994 so besonders?
Das WM-Turnier 1994 kann man wohl als „die vergessene WM“ bezeichnen, denn zumindest meinem Eindruck nach hat die Allgemeinheit kaum noch Erinnerungen an sie. Das ist im Bezug auf die deutsche Mannschaft einerseits verständlich, da sie schon so früh im Viertelfinale ausgeschieden ist. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland 1994 mit einem der besten Kader aller Zeiten angetreten ist, der eigentlich im Spaziergang hätte Weltmeister werden können, stellt sich aber die Frage, warum das so geschehen ist. Und genau das macht diese WM so spannend – irgendetwas muss da ja passiert sein.
Und das war?
Das deutsche Team hat schlicht als Mannschaft nicht funktioniert, die Spieler und der Trainer haben zwischenmenschlich nicht miteinander harmoniert. Das genauer zu betrachten, ist sehr spannend. Wir stellen daher auch nicht das WM-Turnier an sich ins Zentrum dieser Dokuserie, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Trainer und Mannschaft – was mich interessiert hat, war ein Psychogramm dieser Gruppe.
In deren Mittelpunkt Berti Vogts als ihr Trainer stand.
Richtig, Berti Vogts ist die Hauptfigur. Eigentlich ein Bundestrainer, der scheinbar überhaupt nicht in diese Zeit passte, und den die deutsche Öffentlichkeit auch gar nicht akzeptierte, weil man ihn für die 90er Jahre als zu rückwärtsgewandt und kleinbürgerlich empfand. Die Mauer war gerade gefallen, die Welt stand am Beginn der Globalisierung, und wir haben nach dem weltmännischen Beckenbauer plötzlich einen Vogts, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Dieser Vogts hat nun die Aufgabe, den Weltmeistertitel zu verteidigen, und er ist dabei natürlich auf seine Mannschaft angewiesen. Die aber lässt ihn im Stich. Diese Beziehung zwischen dem Trainer und der Mannschaft steht im Zentrum von ELF HELDEN – EIN ALBTRAUM.
Sie haben Franz Beckenbauer angesprochen – ist die WM 1994 ohne 1990 überhaupt zu verstehen?
1990 bildet sicherlich den Rahmen. Beckenbauer setzt Vogts mit seinem toxischen Satz unter Druck, Deutschland sei auf Jahre hinaus unschlagbar – so erwartet das ganze Land von Vogts nun den Titel. Der aber merkt schon im Vorfeld der WM, dass er einen schwierigen Kader hat. Mit Spielern, die einen hohen Anspruch an sich selbst haben, in der Gruppe aber nicht funktionieren, allein die Führungsspieler Stefan Effenberg, Lothar Matthäus und Matthias Sammer sind schwer kompatibel. Vogts selbst funktioniert wiederum ganz anders als Beckenbauer, der ihn noch dazu vor und während der WM öffentlich als Pfeife diskreditiert. So steht Vogts im medialen Kreuzfeuer und in der deutschen Öffentlichkeit zur Disposition. So lässt sich auch der Erfolg von Stefan Raab mit seinem Spottlied über erklären, das es bis auf Platz 4 der deutschen Charts schafft. Raab bedient dabei ein Bild, das ohnehin in der deutschen Öffentlichkeit vorhanden ist. Ein ganzes Land lacht über diesen Mann, der nun dem wachsenden Druck dadurch entgehen will, indem er kurz vor der WM live vor einem Millionenpublikum in ,Wetten, dass..?‘ den Titel verspricht. In dieser Situation also braucht er seine Mannschaft – merkt aber, dass er keinen Zugriff auf sie hat. Und irgendwann während des Turniers verliert er die Kontrolle, seine Spieler entgleiten ihm und machen, was sie wollen.
Ihr Blick auf diese Situation ist nun aber ein anderer, als man ihn bislang gemeinhin hatte.
Eine Dokumentation sollte immer etwas erzählen, das über das hinausgeht, was man zu wissen scheint. Und ich denke, 32 Jahre danach ist ein neuer Blick auf die WM 1994 und ihre Protagonisten angebracht. Als ich angefangen habe, mich näher mit diesem Thema zu beschäftigen, habe ich mir erst einmal die Berichterstattung zur WM genauer angesehen, habe von den damaligen Leitmedien Artikel besorgt und übereinandergelegt. Dabei ist mir schnell aufgefallen, wie sehr wir Berti Vogts immer in einem toten Winkel wahrgenommen haben. Als Person und Mensch haben wir ihn überhaupt nicht gesehen, sondern immer nur als das veröffentlichte Bild über ihn transportiert und laufend reproduziert, das ihn und diese WM bis heute prägt – ein Bild, das vor allem von einer zentralen Zeitung erschaffen wurde. Nun wird Berti Vogts 2026 80 Jahre alt, auch das war für mich der Impuls, zu den Ereignissen von damals auch einmal seine Perspektive einzunehmen – wie muss er das alles selbst wahrgenommen haben, was medial und in der Öffentlichkeit mit der Mannschaft und mit ihm passierte? Und wie müssen vielleicht wir unser Bild von ihm revidieren?
Und das wäre wie?
Berti Vogts ist jemand, der immer werteorientiert gehandelt hat, und der seinen Werten und sich selbst immer treu geblieben ist. Wenn wir z.B. den Mittelfinger-Skandal um Stefan Effenberg nehmen: Vogts wusste doch sehr genau, dass er zum einen seinen Kader schwächt, wenn er Effenberg suspendiert, zum anderen aber auch seine eigene Position innerhalb der Mannschaft und in der Öffentlichkeit. Er hätte Stefan Effenberg gerne im Kader behalten, das bestätigt auch Effenberg. Er hat ihn aber trotzdem – zusammen mit dem DFB-Präsidenten Braun – suspendiert, weil ihm seine Werte wichtiger waren als sein persönlicher Erfolg. Was man im Fall Effenberg mit bedenken muss, ist zudem das größere Bild, das bislang immer vernachlässigt wurde: Kurz vor der Abreise in die USA wurde Vogts von der Süddeutschen Zeitung auf das Bild des hässlichen Deutschen angesprochen. Die ausländerfeindlichen Mordanschläge und Pogrome von Mölln, Solingen, Lichtenhagen prägten damals das Bild vom neuen Deutschland nach der Wiedervereinigung. Vogts hat deutlich die gesellschaftspolitische Verantwortung des DFB gesehen, für ihn war es wichtig, dass die Nationalelf als Repräsentant des neuen Deutschlands gesehen wird, gerade bei der WM 1994, wo die ganze Welt auf diese Mannschaft schaut. Er sagte damals der SZ, dass die Nationalelf schon dann ein erfolgreiches Turnier spielen würde, wenn sie sich auf und neben dem Fußballfeld freundlich und offen zeigen würde. Das war ihm wichtig. Stefan Effenberg entspricht nun mit seiner Aktion genau diesem Bild nicht und ist auch nicht bereit, sich für seine Geste zu entschuldigen. In dem Fall ist Vogts der gesellschaftspolitische Wert wichtiger als der sportliche Erfolg. Ich finde Vogts‘ Haltung und Entscheidung in diesem Zusammenhang sehr bemerkenswert.
Zumal er zu diesem Zeitpunkt ohnehin mit dem Rücken zur Wand stand und kein gutes Standing mehr in der Mannschaft hatte.
Auch das hatte mit Vogts‘ Werteempfinden zu tun – bzw. mit der unterschiedlichen Einstellung seiner Spieler. Denn für Berti Vogts war immer das ,Wir-Gefühl das wichtigste im Fußball‘, wie er bei uns sagt, 1994 genau wie heute. Er hat immer die Werte und Tugenden der „elf Freunde“ vertreten, die eine Mannschaft formen müssen – 1994 ist er damit bei seinen Spielern aber leider nicht weit gekommen. Die Ich-AG war seit Anfang der 1990er ein Schlagwort, und sie ist nicht nur in der deutschen Gesellschaft eingezogen, sondern auch im Fußball. 1994 war die Rivalität der Spieler untereinander nicht mehr nur eine sportliche, sondern vor allem auch eine „um die Fleischtöpfe“, wie es Harald Stenger so schön ausdrückt – darum, wer sich am besten als Werbefigur vermarkten kann. Es ging um das Individuum, nicht um die Gruppe. Das war eben der Widerspruch zwischen Vogts auf der einen Seite, den auch Geld überhaupt nicht interessierte, und seinen Spielern auf der anderen. Er hatte für seine Art des Spiels 1994 schlicht nicht die richtigen Spieler.
Anders als dann zwei Jahre später bei der EM in England.
Richtig, deshalb ist mir wichtig, dass wir die Serie mit der EM 1996 beschließen. 1996 kann Vogts die Mannschaft so aufstellen, wie er es möchte, das 96er-Team ist eine Berti Vogts-Mannschaft – anders als 1994, als sie mit 12 alten Weltmeistern noch zur Hälfte eine Beckenbauer-Mannschaft war. Thomas Strunz charakterisiert bei uns sehr schön den Unterschied zwischen dem Trainer Beckenbauer und Vogts: Wenn Beckenbauer in die Kabine reinkam, hätte er ein Kochrezept vorlesen können, und man hätte ihm sofort alles geglaubt. Genau diesen gleichen Respekt versagen die Spieler vier Jahre später Berti Vogts. Der das natürlich spürt. Der aber trotzdem die Nähe zu seinen Spielern sucht, ihr väterlicher Freund sein möchte, das aber nicht schafft. 1996 ist es eben ganz anders, hier hat er diesen Circle of Trust, der ihm für den Erfolg so wichtig ist. 1996 zeigte, wozu Vogts in der Lage war, wenn man ihn hat machen lassen, wie er wollte.
Wie sieht Berti Vogts selbst das?
Mich hätte es offen gestanden nicht überrascht, wenn Berti Vogts, der hier vielleicht zum letzten Mal über die WM 1994 spricht, seine Sicht der Dinge darlegt, seine Position erklärt und andere dabei vielleicht auch angreift. Das ist aber überhaupt nicht passiert, im Gegenteil. Er hat in seinem Gespräch die Mannschaft verteidigt, die Spieler, Franz Beckenbauer, die Fans, sogar die Medien, die ja alles andere als zimperlich mit ihm umgegangen sind. Das war für mich wirklich erstaunlich, daher auch meine Frage ganz zum Schluss von Folge 4. Aus heutiger Sicht geht Berti Vogts aber doch als der große Gewinner und Held aus dieser Geschichte heraus. Weil er sich die ganze Zeit über treu geblieben ist. Er hat sich nie verändert, nie verunsichern lassen, hat sich immer vor seine Mannschaft gestellt, wie groß der Druck auch war. Und er sieht sich noch heute als Trainer dieser Mannschaft, ich habe im Gespräch immer noch eine Verbundenheit zu seinen Spielern gespürt. Was für eine großartige Persönlichkeit, das muss man Berti Vogts wirklich sehr hoch anrechnen.
Hoch anrechnen muss man auch den Spielern, wie offen sie in ELF HELDEN sprechen. War Ihnen vorher schon klar, dass das so passieren wird?
Das war ehrlich gesagt ein Herantasten. Die ersten Gespräche waren nicht einfach, weil wir sehr schnell gemerkt haben, dass sich auch nicht mehr alle Spieler so richtig an 1994 erinnern konnten. Ich bin dann dazu übergegangen, sie an die Situationen und eigenen Erlebnisse heranzuführen, das hat sehr viel besser funktioniert, vieles war dann auch ganz schnell wieder da. Letztlich ging es mir ja auch nicht um die deskriptive Beschreibung bestimmter Ereignisse, sondern um ihre Emotionen und Gedanken – wie haben sie zwischenmenschlichen Momente wahrgenommen? Wenn ich z.B. an das Stefan Raab-Lied denke: Haben sie mitbekommen, was das für ihren Trainer bedeutet hat? Ich bin den Spielern für ihre Offenheit wirklich dankbar. Zumal ich das Gefühl hatte, dass viele von ihnen 1994 nach wie vor nicht verkraftet haben, dass der Stachel immer noch tief sitzt – weil sie wissen, wie gut sie waren, und dass wesentlich mehr drin gewesen wäre.
Man sieht den Fußball ja gern auch als Brennglas gesellschaftlicher Entwicklungen. Über die Ich-AG und die zunehmende Kommerzialisierung haben Sie schon gesprochen. Wie sehr war die deutsche Mannschaft 1994 vielleicht auch Abbild des wiedervereinigten Deutschlands?
Sie war das ganz klar, hier ist pars pro toto doch genau das passiert, was auch in der deutschen Gesellschaft passierte: Da kommen mit Matthias Sammer und Ulf Kirsten zwei Spieler aus der ehemaligen DDR, und die dürfen zwar mitmachen, ihnen wird aber das Gefühl gegeben, dass man sie nicht wirklich braucht. Spannend ist, dass die Spieler aus dem Westen das durchaus reflektieren, wie etwa Thomas Helmer, der sagt, dass die beiden in der Mannschaft eigentlich bei Null anfangen mussten – auch das kennen wir aus anderen Zusammenhängen. Dabei waren die beiden in ihrem Land Meister, Pokalsieger und Nationalspieler, sie hatten alles bewiesen. Aber auch über Deutschland hinaus gibt es Anknüpfungspunkte, wenn man etwa an die Globalisierung denkt, die in den 90ern ihren Anfang nimmt. Plötzlich war da dieses Gefühl, dass alles möglich ist – der Kalte Krieg ist vorbei, die Welt öffnet sich, neue Märkte entstehen. Dieser ganz große Optimismus, verbunden mit einem gewissen Selbstbewusstsein: man musste anfangen, global zu denken, über den eigenen Tellerrand schauen. Und genau das war ja wie schon angesprochen das große Problem von Berti Vogts, der mit seinen Werten eher für die 60er stand mit ihrem Ärmel hochkrempeln und ehrlich und bescheiden sein. Auch deshalb hat das in der deutschen Öffentlichkeit doch so gut funktioniert, ständig auf ihn herabzuschauen – weil er einfach nicht dem Rollenideal entsprach, das man von einem Bundestrainer hatte. Er hätte weltmännisch auftreten, global denken und drei Sprachen sprechen müssen – das alles war Berti Vogts aber nicht. Ich glaube, die Sehnsucht der Deutschen, Beckenbauer zurückzubekommen, war auch deshalb so stark, weil man damals, in den anbrechenden 90ern, so sein wollte wie der Weltmann Beckenbauer. Dabei waren die meisten doch eher wie Berti Vogts – wollten das aber nicht wahrhaben.
Ebenso bringt man 1994 mit der erstmalig großen medialen Präsenz der Spielerfrauen in Verbindung. Fand auch diese vor diesem Hintergrund statt?
Ich denke, das muss man im Kontext sehen. Berti Vogts hat letztlich nichts anderes gemacht als Beckenbauer 1990 oder andere Trainer vor und nach ihm. Auch 1990 hatten die Frauen keinen Zugang zum Mannschaftsquartier oder Hotel, daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Trotzdem gibt es eine Entwicklung: 1974 waren die Frauen der Weltmeister nicht einmal auf das Festbankett eingeladen, 2014 sehen wir sie und die Kinder nach dem Schlusspfiff dagegen auf dem Spielfeld bei ihren Männern. 1994 war nun so besonders, weil Bianca Illgner, Angela Häßler und Martina Effenberg diese strikte Abgrenzung von ihren Männern erstmals auch öffentlich nicht mehr hinnehmen wollten. Das Problem für Berti Vogts war dann vor allem, dass er während einer laufenden WM mit Ansprüchen und Forderungen dieser Frauen konfrontiert war, mit denen er nicht umgehen konnte. Er hätte hier klare Kante zeigen müssen, so wie er das bei der Vorbereitung in Malente zwar angedeutet, dann aber nicht wahr gemacht hat. Genau das hat ja letztlich dazu geführt, dass die Spieler sein Vertrauen hintergangen haben und er die Kontrolle verloren hat.
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