EINE NACHT IN BANGKOK

AM MITTWOCH, 23. SEPTEMBER 2026, UM 20.15 UHR, IM ERSTEN
AB MITTWOCH, 23. SEPTEMBER 2026, 20.15 UHR, IN DER ARD MEDIATHEK

INHALT

Zehn Jahre lang hatten Katharina und Hektor keinen Kontakt mehr miteinander, als sie sich im Warteraum eines Untersuchungsgefängnisses wiedersehen. Ihre Ehe endete einst mit einem Knall, nun steckt die gemeinsame Tochter Lilith in Schwierigkeiten. Der Vorwurf: Die Studentin soll an einer Reihe von Einbrüchen beteiligt gewesen sein. Weil sämtliche Indizien gegen sie sprechen, muss Lilith bis zur Anhörung in Haft bleiben.
Während Hektor darauf vertraut, dass die befreundete Anwältin Lydia den Fall schnell aufklären wird, kann sich Katharina mit dem Warten nicht zufriedengeben. Um ihre Tochter zu entlasten, macht sich das Ex-Paar gemeinsam auf Spurensuche in Liliths Leben.
Doch mit jeder neuen Erkenntnis wächst die Unsicherheit. Ein Besuch bei Liliths Mitbewohner Robert wirft Fragen auf, auf die weder Katharina noch Hektor vorbereitet sind. Plötzlich müssen sie sich eingestehen, dass sie ihre Tochter längst nicht so gut kennen, wie sie glaubten. Die Suche nach der Wahrheit wird für beide zu einer Reise in die eigene Vergangenheit und konfrontiert sie mit alten Verletzungen, Gefühlen und der Frage, was eine Familie ausmacht.

BESETZUNG

Katharina
Désirée Nosbusch

Hektor
Matthias Brandt

Lilith
Clara Vogt

Lydia
Kim Riedle

Robert
Danilo Kamperidis

Judith
Bettina Lamprecht

Vollzugsbeamtin Johnson
Susanne Wuest

u. v. m.

STAB

Regie
Rainer Kaufmann

Buch
Sathyan Ramesh

Kamera
Martin Farkas

Szenenbild
Monika Nix

Kostüm
Maria Schicker

Maske
Tatjana Luckdorf, Birger Laube

Schnitt
Julia Steinke

Musik
Ali N. Askin

Produktionsleitung
Frank Lübke, Daniel Buresch (NDR)   

Ton
Michael Junge Buchholz

Casting
Siegfried Wagner

Produzentin
Doris Zander

Producerin
Hannah Liebrenz

Redaktion
Christian Granderath, Philine Rosenberg (beide NDR)

Länge
88:54 Minuten

Drehorte
Berlin, Mittenwalde, Rostock

„Eine Nacht in Bangkok“ ist eine Produktion der „Bavaria Fiction GmbH“ im Auftrag des NDR für ‚Das Erste‘.

ROLLENPROFIL:

KATHARINA

Lange hat Katharina nicht mit Florian, ihrem Ehemann, geschlafen. Das ist so sehr Teil ihrer Routine geworden, dass ihr kein Grund mehr einfällt, warum sie das ändern sollte. Mit den Gedanken ist sie ohnehin meist bei ihrem Yogastudio. Trends wollen erkannt, umgesetzt und beworben werden – die Konkurrenz schläft nicht. Am besten ist es, wenn Katharina – ganz spirituelle Dienstleisterin – schon vor den Kund*innen selbst weiß, was die wollen.
Eine Textnachricht später wird die Uhr 10 Jahre zurückgestellt. Lilith, ihre Tochter, ist festgenommen worden und in der Haftanstalt trifft Katharina auf Hektor. Schon beim Anblick ihres Ex-Manns vibriert sie vor aufgestauter Aggression. Nicht einen Zentimeter wird sie zurückweichen. Sie hat mit vollem Recht nichts vergessen von Hektors selbstzufriedener Souveränität, mit der er sie immer wieder in die Defensive gebracht hat. Auf der anderen Seite geht es um Lilith. Die braucht ganz offensichtlich Unterstützung. Katharinas Tochter eine Kriminelle? Ausgeschlossen! Aber noch lachhafter als der Tatvorwurf sind leider Liliths Schilderungen. Wenn jetzt Hektor mit großer Geste eine vermeintliche Spitzenanwältin herbeizaubert, dann ist das sicher gut. Aber wie begeistert er von ihr spricht. Wie er sie anhimmelt. Unerträglich.
Keine Umarmungen, keine Berührungen. Die Anweisungen der Aufseherin beschreiben auch sie und Hektor. Nichts verbindet Katharina mehr mit diesem Mann, fast nichts. Gemeinsam gehen sie dem unbekannten Leben ihrer Tochter auf den Grund. Offenbar hat Hektor in all seinem Desinteresse noch nie Liliths Wohnung betreten. Na gut, sie selbst war auch nur einmal in zehn Jahren in Liliths Küche. Jetzt stehen sie in Liliths Zimmer und entdecken Spuren einer fremden Person. Studium abgebrochen, offenbar Fotografin und … raffinierte Einbrecherin? Katharina muss feststellen, dass sie von ihrer Tochter eigentlich gar nichts weiß und über sich selbst fast genau so wenig.

INTERVIEW

mit Désirée Nosbusch

Was hat Sie an der Figur der Katharina sofort gepackt?
Gleich in der ersten Szene tritt ihr knochentrockener Humor zutage, außerdem ist sie geschäftstüchtig, tough, hat Autorität und – raucht, in diesen gesunden Zeiten. Ich mag es, wenn Menschen sich nicht für sich selbst entschuldigen, sondern mit sich selbst zu leben gelernt haben.

Der Film stellt die Frage: „Kennen wir unsere Kinder wirklich?“ – Was bedeutet diese Frage für Sie persönlich?
Das ist mit das Wichtigste in meinem Leben. Meine Kinder sind alles für mich – die Möglichkeit, sie blieben mir fremd, erscheint mir schwer erträglich.

Was sagt der Film über moderne Familienbeziehungen aus?
Wir sind einsam, egal, ob wir klassisch en famille leben, im Patchwork oder als Single. Es bedarf jeden Tag Mühe, Einsatz, Leidenschaft und Vertrauen, sich zu zeigen – und so auch: einander zu bergen, zu stützen, zu schützen.

Der Film erzählt auch von Dingen, die in Familien ungesagt bleiben. Ist Schweigen manchmal gefährlicher als eine Lüge?
Beides ist gefährlich, Schweigen wie Lügen. Leute: Sprecht miteinander!

Die Figuren stellen unbequeme Fragen zur Elternrolle. Glauben Sie, dass wir in Deutschland ein zu idealisiertes Bild von Elternschaft haben?
Wird in diesen Zeiten überhaupt noch ein Wert idealisiert? Eigentlich trampelt frau/mann doch auf allem rum, es ist nur täglich bzw. stündlich was anderes.

Katharina und Hektor treffen sich nach langer Zeit wieder und das Wiedersehen weckt viele Erinnerungen – auch schöne. Kennen Sie das Gefühl, einen Menschen nach langer Zeit wiederzusehen und sofort an die Vergangenheit anzuknüpfen?
Natürlich. Ich würde sogar sagen, das ist für mich eine der größten Definitionen von Freundschaft. Katharina und Hektor sind Freunde – sie haben es bloß vergessen.

Gibt es etwas aus Ihrer eigenen Vergangenheit, auf das Sie heute mit mehr Milde schauen als früher?
Ich versuche, auf alles milde zu schauen, auch wenn es mir ständig misslingt. Um mit Jean Renoir zu sprechen:
„Ce qu'il y a de terrible dans la vie, c'est que tout le monde a ses raisons.“ („Das Schreckliche am Leben ist, dass jeder seine Gründe hat“, aus: „Die Spielregel“)

Sie waren Mitte der 80er in Ihren 20ern – was würden Sie Ihrem jüngeren Ich mit Ihrem Wissen von heute mit auf den Weg geben wollen?
Du reichst aus, wie Du bist.

In einer sehr zentralen Szene des Films wird der Song „One Night in Bangkok“ von Murray Head gespielt, ein sogenanntes One-Hit-Wonder, der 1984 in den deutschen Charts Platz 1 belegte. Welche Erinnerungen ruft er bei Ihnen hervor?
Cocktails, die aus Blue Curaçao bestehen. Big Hair. Schulterpolster. Pastellfarben. Grüne Haare. Singles mit 45 Umdrehungen pro Minute auf dem Plattenteller. Flaschendrehen und Klammerblues.

Und falls nicht dieser, welcher Song steht für Sie persönlich für die Mitte der 80er und warum?
Falco lebte noch – war er das größte Musikgenie in unseren Breiten? Und es gibt diese wundervolle Dokumentation über die Entstehung des Songs „We are the world“, „The Greatest Night in Pop“, danach weiß man ein bisschen besser, wie es damals war – und nie wieder sein wird.

Musik kann einen unmittelbar in eine andere Zeit versetzen – gibt es einen Song, der Sie sofort zurück in einen bestimmten Moment Ihres Lebens oder zu einem bestimmten Menschen trägt? Welcher und was ist die Geschichte dazu.
Als ich mich vor Jahren zu Corona-Zeiten mit Matthias Brandt und dem Autor des Films Sathyan Ramesh in einer Hotelsuite bei Käse und Wein trafen, um über das Drehbuch „Eine Nacht in Bangkok“ zu sprechen, lief Sathyans persönlicher Musikmix „Lebenslieder“ im Hintergrund. Und wir waren gelinde formuliert doch verblüfft, als plötzlich „You Light Up My Life“ im Zimmer erklang. Aber in Bezug auf die Dreharbeiten mit Matthias Brandt entpuppte sich das als perfekt!

ROLLENPROFIL:

HEKTOR

Dass Hektor immer so müde ist, liegt bestimmt nicht an dem einen oder anderen Schluck Messwein, den der Pastor seiner Gemeinde wegtrinkt. Vielmehr stresst ihn die Aufmerksamkeit, die seine Freundin Judith sich wünscht und die ihr kleiner Sohn Daniel sogar lautstark einfordert. Aber Hektor bleibt gelassen, äußerlich. Weder dass seine Tochter Lilith aus erster Ehe im Gefängnis sitzt, bringt ihn aus der Fassung, noch dass er nach zehn Jahren Katharina wiedersieht, die ihn offenbar immer noch genauso hasst wie damals. Er kann sich mit geistreichen Sprüchen immun machen. Sein Humor hat ihn noch immer gerettet.
Ideal war Hektors und Katharinas Ehe nicht gerade. Fremdgegangen ist sie ihm und das nicht nur einmal. Er hat sich damals nur mit Worten zu helfen gewusst – harten, gemeinen, rachsüchtigen und vor allem: öffentlichen Worten, gekleidet in Humor. Kann man jemanden böse sein, über dessen Witze man lachen muss? Er kann ein bisschen verstehen, dass Katharina noch wütend ist, aber nach all den Jahren noch so sehr? Hektor kann nicht gut alleine sein, lässt aber trotzdem niemand an sich heran. Vielleicht schaltet er etwas zu schnell in den automatischen Flirtmodus. Vielleicht ist Katharina auch nicht begeistert, wenn das vor ihrer Nase geschieht.
Hektor lässt viel schneller die Möglichkeit zu, dass Lilith schuldig ist. Aber das macht ihn eher neugierig und nährt seine Selbstzweifel. Wie kommt sie dazu? Braucht sie Geld? Er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wann die Nähe umgeschlagen ist in Distanz und warum er das nicht gemerkt hat. Liliths Professorin muss ihm und Katharina den Kopf zurechtrücken. Was die beiden versäumt haben, Lilith selbst zu fragen, soll ihnen jetzt eine fremde Person sagen? Hektor weiß, dass er in seinem Leben aufräumen muss, wenn er nicht eine lange Reihe beschädigter Seelen hinterlassen will. Auf einmal fragt Katharina: Wie geht es dir? Eine Tür geht auf.

INTERVIEW

mit Matthias Brandt

„Einfach nur da sein, vielleicht die schwierigste Form der Fürsorge“

Was hat Sie an der Figur des Hektor interessiert?
Hektor hat mich interessiert, weil er kein Held ist und auch kein klassischer Versager. Er ist jemand, der sich über Fürsorge, Haltung und Vernunft definiert und plötzlich in einer Situation landet, in der all das nicht mehr reicht. Er ist Vater, Seelsorger, jemand, der Menschen Orientierung geben soll – und auf einmal merkt er: Die eigene Tochter sitzt in Untersuchungshaft und ich weiß überhaupt nichts. Diese Mischung aus Überforderung, Hilflosigkeit, Humor und dem verzweifelten Versuch, handlungsfähig zu bleiben, fand ich sehr menschlich. Ich hab den gut verstanden.

Der Film stellt die Frage: „Kennen wir unsere Kinder wirklich?“ – Was bedeutet diese Frage für Sie persönlich?
Ich glaube, Eltern kennen ihre Kinder oft sehr gut. Und gleichzeitig überhaupt nicht. Das ist kein Widerspruch. Kinder sind Individuen. Man erlebt sie in bestimmten Rollen, in bestimmten Lebensphasen, und hält das dann schnell für die ganze Wahrheit. Der Film erzählt für mich weniger davon, dass Eltern blind sind, sondern davon, wie groß die Lücken selbst in engen Beziehungen sein können. Das ist aber kein Scheitern. Vielleicht gehört das sogar dazu.

Was sagt der Film über moderne Familienbeziehungen aus?
Dass Familien heute weniger durch gemeinsamen Alltag zusammengehalten werden als früher. Mich interessiert an dem Film, dass er Familie weder romantisiert noch abwertet. Diese Menschen haben Fehler gemacht, sie haben Distanz aufgebaut, sie haben Dinge versäumt und trotzdem sind sie in dem Moment, in dem es ernst wird, da.

Der Film erzählt auch von Dingen, die in Familien ungesagt bleiben. Ist Schweigen manchmal gefährlicher als eine Lüge?
Schweigen kann ja sehr verschieden sein. Es gibt Schweigen aus Rücksicht, aus Scham, aus Müdigkeit, aus Angst. Aber Familien entwickeln manchmal die Angewohnheit, bestimmte Räume gar nicht mehr zu betreten. Dann wird aus Schweigen irgendwann eine eigene Wirklichkeit. Ich glaube nicht, dass immer alles ausgesprochen werden muss. Aber man sollte zumindest ehrlich sein, worüber man gerade schweigt.

Die Figuren stellen unbequeme Fragen zur Elternrolle. Glauben Sie, dass wir in Deutschland ein zu idealisiertes Bild von Elternschaft haben?
Es gibt die Vorstellung, gute Eltern müssten immer präsent sein, immer Bescheid wissen, immer richtig reagieren. Irgendwann kann man aber sowieso nicht mehr lenken oder schützen. Man kann nur noch da sein. Das ist vielleicht die schwierigste Form der Fürsorge.

Katharina und Hektor treffen sich nach langer Zeit wieder und das Wiedersehen weckt viele Erinnerungen – auch schöne. Kennen Sie das Gefühl, einen Menschen nach langer Zeit wiederzusehen und sofort an die Vergangenheit anzuknüpfen?
Nicht so, wie in dem Film, aber ja, klar. Und ich finde immer erstaunlich, wie schnell das geht. Man sitzt zusammen und plötzlich ist eine alte Dynamik wieder da. Man redet anders, erinnert sich anders, lacht über dieselben Dinge. Interessanterweise merkt man dabei oft, wie viel noch da ist und wie weit man sich voneinander entfernt hat, beides gleichzeitig.

Gibt es etwas aus Ihrer eigenen Vergangenheit, auf das Sie heute mit mehr Milde schauen als früher?
Ja, auf viele Entscheidungen, bei denen ich früher dachte: Das hättest du besser machen müssen. Ich glaube, Milde ist eine späte Form von Realismus.

In einer sehr zentralen Szene des Films wird der Song „One Night in Bangkok“ von Murray Head gespielt, ein sogenanntes One-Hit-Wonder, der 1984 in den deutschen Charts Platz 1 belegte. Welche Erinnerungen ruft er bei Ihnen hervor?
Ehrlich gesagt keine guten. Ich fand den Song damals schon entsetzlich und das ist auch nicht besser geworden. Er gehört für mich zu so einer bestimmten Achtzigerjahre-Ästhetik, und möglicherweise waren die Achtziger das geschmackloseste Jahrzehnt der Menschheitsgeschichte. Interessanterweise funktioniert der Song im Film trotzdem, gerade weil er so was Aufdringliches hat. Vielleicht entsteht gerade aus diesem Widerstand was Interessantes.

Und falls nicht dieser, welcher Song steht für Sie persönlich für die Mitte der 80er – und warum?
Wenn ich an die Mitte der Achtziger denke, lande ich musikalisch ganz woanders. Eher bei Musik, die etwas Offeneres, Eigenwilligeres hatte. Talking Heads, The Smiths, solche Sachen habe ich damals gehört.

ROLLENPROFIL:

LILITH

Weglaufen, das ist Liliths größter Impuls. Vor der Polizei, vor den Eltern, vor dem Studium, vor Deutschland. Selbstsüchtig sind ihre Eltern und blind. Ganz im Gegensatz zu Lilith. Die hat schon sehr früh gesehen, wie ihr Vater trinkt, ganz gesittet, nach bürgerlichen Regeln. Wie ihre Mutter jedem halbesoterischen Wellness-Trend hinterherläuft. Beide verkaufen Spiritualität, aber am Ende steckt nichts dahinter. Alles Fassade. Lilith kann nämlich genau hingucken. Sie kann durch Fassaden hindurchschauen. Deshalb sind ihre Fotos auch so gut. Sie versuchen den Blick nicht zu täuschen.
Aber Lilith sitzt fest. Im Besuchsraum des Gefängnisses gucken ihre Eltern sie mit großen Augen an, die beiden Personen, vor denen sie am liebsten fliehen will. Nun ist Lilith an der Reihe, ihnen etwas vorzuspielen. Sie habe eine Tasche gefunden, vielleicht Modeschmuck, deshalb nicht gleich zum Fundbüro. Sie kann es selbst kaum glauben, was sie daherredet. Eben war sie noch die starke Tiger-Lilly, und jetzt hofft sie, dass ihr verlogener Vater ihr eine gute Anwältin besorgt.
Am schlimmsten ist, dass die beiden jetzt anfangen zu fragen. Jetzt wollen sie alles wissen, alle persönlichen Details, und das, nachdem sie jahrelang nicht gefragt haben, nachdem sie sich immer nur für sich selbst interessiert haben. Lilith möchte schreien. Sie schreit. Aber wenn die Eltern jetzt gehen, ist Lilith auf eine Weise allein, die sie sich auch nicht wünscht. Wer wüsste das besser als eine Gefängnisaufseherin.

INTERVIEW

mit Clara Vogt

„Ich erlebe häufig Dinge, bei denen sich die Eltern vermutlich denken: „So was würde meine Tochter nie machen“

Katharina und Hektor sind liebende Eltern, sofort zur Stelle, als es brennt. Wodurch hat sich Lilith von ihnen entfernt?
Lilith ist sehr widersprüchlich, es wird ja auch beschrieben, dass sie nie wütend war, kein klassischer Teenager, keinen Aufstand gemacht, nicht rebelliert hat. Sie war eher zurückhaltend, diplomatisch. Aber sie hatte eben auch das Gefühl, nicht wahrgenommen worden zu sein, spürte, sie würde mit ihren Gefühlen hinten überfallen bei den Problemen, die ihre Eltern miteinander hatten. Darum hat sie sich zurückgenommen. Und dann kochte es zu einem späteren Zeitpunkt so hoch, dass es explodierte. Und nun fragen die Eltern sich, wo kommt das denn jetzt her? Ich fand gerade diese Widersprüchlichkeit an Lilith wahnsinnig spannend.

Der Film zeigt Eltern, die ein festes Bild von ihrer Tochter haben. Ein Bild, das nicht mehr mit der Realität übereinstimmt. Setzt ein solch feststeckender Blick aufs Kind  junge Menschen unter Druck?
Ich finde, dass dieser Erwartungsdruck oder auch die Erwartungshaltung gerade auf Menschen in Liliths Alter besonders groß ist. Ich denke schon, dass insbesondere durch die Sozialen Medien sich sehr viel verändert hat in den letzten zehn Jahren. Beispielsweise die Studiengänge, die nicht mehr darauf ausgelegt sind, dass man ein Berufsbild sein ganzes Leben hat. Die ganze Welt verändert sich gerade drastisch und allein dadurch kommen viele Unsicherheiten auf. Und wenn nun auch noch die Erwartungshaltungen, das Wunschdenken der Eltern dazu kommen, kommen viele Diskrepanzen dazu.

Welche Verantwortung tragen Eltern, um ihren Kindern die Freiheit zu geben, sich zu entwickeln?
Ich denke, das Vertrauen und Kommunikation die wichtigsten Bestandteile sind. Gerade Anfang 20, wenn man beginnt seinen Weg zu gehen, ist man auf der Suche und teilt sich nicht immer sofort mit. Und wenn kein Vertrauen vorhanden ist, entfernt man sich und dann passiert so etwas, wie zwischen Lilith und ihren Eltern. Vielleicht nicht so drastisch, aber es passiert. Ich wohne in Berlin und erlebe da häufig Dinge, bei denen sich die Eltern vermutlich denken: So was würde meine Tochter, mein Sohn nie machen, dafür haben wir ein viel zu gutes Verhältnis.
Wenn Eltern ihre Verantwortung kennen und die Kinder verantwortungsvoll erzogen haben, dann kann sich das gegenseitig tragen und daraus entsteht eine Freiheit und im Idealfall eine ungezwungene Kommunikation.

INTERVIEW

mit Rainer Kaufmann, Regie

„Das Leben im Jetzt schmeckt zweifellos besser, wenn die Vergangenheit einigermaßen gut verdaut ist.“

Was hat Sie an „Eine Nacht in Bangkok“ gereizt – war es die Geschichte, die Figuren oder ein bestimmtes Thema?
Bereits die Konstellation des kreativen Teams war schon höchst verführerisch: Eine Produzentin, mit der ich schon Pferde gestohlen habe, ein Hauptdarsteller, mit dem ich einen sehr besonderen Polizeiruf drehen durfte, eine Hauptdarstellerin, die ich seit langem kennenlernen wollte und ein sehr eigenwilliger und guter Autor.
Aber eigentlich war die Art, wie er getrennt lebenden Eltern zusammenführt, wie er die Geschichte der rätselhaften Tochter erzählt, der Auslöser für mein Interesse.

Die Chemie der beiden Hauptdarsteller ist angespannt, aber tief. Wie baut man so eine fragile Beziehung glaubwürdig auf?
Eine meiner ersten Aufgaben ist es, sein Drehbuch zu verstehen, die Komplexität der Beziehungen zu begreifen und ernst zu nehmen. So auch den Humor, der zwischen den Zeilen steckt! Danach gebe ich meine Idee des Films weiter, damit die äußeren und inneren Räume erschaffen werden können, in denen die Schauspieler ihre Figuren entfalten können. Schauspieler interessieren sich für die Vielschichtigkeit ihrer Figur. Sie erheben sich nicht über sie, sondern kämpfen für sie.
Und wenn es dann am Drehtag gelingt, dass jeder für sich und alle zusammen das Vorbereitete freisetzt, entsteht für den entscheidenden Moment Vielschichtigkeit und Tiefe - und das ist magisch.

Eltern, Schuld, Vertrauen – was war für Sie das zentrale Thema?
Die Geschichte beginnt damit, dass die Eltern aus ihrem Alltag aufgescheucht werden und schon bald feststellen, dass sie ihre Tochter nicht wirklich kennen. Fast so wenig wie wir. Sie beginnen eine seltsame Forschungsreise in ihre Vergangenheit: Was hat dazu geführt, dass sich die Familie unerwartet in einem Gefängnis wieder begegnet? Können die Eltern ihrer Tochter vertrauen? Was für eine Rolle spielt das Verhältnis der Eltern?
Wie sich in diesem Drehbuch die Frage herausschält, ob man das Trauma einer Trennung zehn Jahre später erkennen und überwinden kann, ist der Clou seines dramatischen Aufbaus. Das Erzählte bleibt spannend, weil wir Zuschauer genauso suchen wie die Figuren.

Der Film stellt die Frage: „Kennst du deine Liebsten wirklich?“ – wie hat diese Frage Ihre Regie beeinflusst?
Der Film stellt auch die Frage: Willst du sie wirklich kennenlernen? Oder bleibst du lieber an der Oberfläche, weil die Tiefe so kompliziert ist?
Diese Fragen stellen sich mir in meinem Beruf als Regisseur täglich. Und nicht immer gelingt es mir, mich so offen zu verhalten, wie ich das gerne tun würde. Bin ich unsicher, fällt es mir schwer, mich auf etwas einzulassen, was sich meiner Kontrolle entzieht. Aber wenn es gelingt, tut sich häufig eine Lösung auf, die zu den besten Momenten führen kann.

Ist der Film auch ein Kommentar zur heutigen Eltern-Kind-Kommunikation?
Mein Eindruck ist, dass eine generationsübergreifende Kommunikation oft nicht stattfindet, weil das Interesse an einer wirklichen Auseinandersetzung fehlt. Die Gesprächspartner oder Kontrahenten sind nicht Willens, sich auf die Argumente des anderen einzulassen oder nicht mutig genug, ihre vorbereitete Meinung auf Spiel zu setzen. Neugierde fehlt und die Fähigkeit des Debattierens ist in Vergessenheit geraten. Gespräche, die ein Austausch werden können, enden schnell in einem Gesinnungs-Krieg.
Andererseits gehört die Rebellion gegen „die Alten“ zu jeder Generations-Ablösung dazu. Und immer ist das Verhalten der „Jungen“ schockierend, provokant und respektlos. Weil es wahrscheinlich eine Art ist, sich aus der starken Schale des elterlichen Kokons heraus zu sprengen. Und immer fühlen sich die „Alten“ nicht wahrgenommen und missverstanden. Sie haben doch so viel zu geben, all das Wissen und die Erfahrungen.
In dem Film gelingt der Familie ein starker Moment der Annäherung und man hat das Gefühl, dass jede der drei Figuren etwas anderes aus dem familiären Moment mitnimmt. Es gibt Ihnen Kraft und Zuversicht, eine Art Resilienz im Umgang mit den familiären Traumata und eine neue zusätzliche Perspektive auf das Leben.

In einer sehr zentralen Szene des Films wird der Song „One Night in Bangkok“ gespielt. Warum fiel die Wahl gerade auf diesen Titel?
Dieser Film ist für die Protagonisten eine Expedition in die eigene Vergangenheit. Dabei hilft die Musik durch ihre direkte Wirkung. Für drei Minuten wird das „Damals“ erweckt. Die gesamte Musik ist so ausgewählt, dass sie Erinnerungen anknipsen kann, sozusagen eine Rückbesinnungs-Discothek. Musik im Film ist deswegen ein so mächtiges Werkzeug, weil ihre Wirkung das Großhirn umgeht und über die Emotionen Zugriff auf Bereiche der Seele hat, die man eigentlich für zu privat erachtet und lieber vorsichtshalber unter Verschluss lässt. Aber gleichzeitig ist sie ein wichtiger Bestandteil der Stimmung und des Stils dieses Films. Sie macht ihn komplett. Durch sie wird er erst zu einem Werk.

INTERVIEW

mit Sathyan Ramesh, Autor

Wie ist die Idee zu „Eine Nacht in Bangkok“ entstanden?
Das kann ich bei fast keinem Film, den ich geschrieben habe, so klar beantworten wie bei diesem: Am Anfang war der Tanz. Meine allererste Eingebung war ein ehemaliges, mittelaltes Paar, das zu dem für mich seltsamsten 80er-Jahre-Hit überhaupt in der gutbürgerlichen Disco eines vorstädtischen VertreterInnenhotels miteinander tanzt. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich dreifaches Scheidungskind bin und das Thema „frühere Liebe“ mich rührt. Oder weil eine Verflossene von mir heute meine engste Freundin ist. Es musste jedenfalls genauso sein - und ich bin beinahe umgefallen, als ich dann im Film die fertige Szene sah: Exakt so hatte sie vor meinem inneren Auge ausgesehen. Ganz genau so!

Der Film erzählt eine Geschichte über Entfremdung und Ungewissheit. Wie nähern Sie sich solchen emotional dichten Stoffen?
Ich nähere mich allen Stoffen auf die gleiche Art: Ich gehe so lange damit schwanger, ich denke so lange über die Charaktere, die Konflikte, die Dramaturgie und auch schon über viele Dialoge nach, bis das Buch irgendwann sturzflutartig aus meinem System raus muss. Aber weil Sie fragen, wie ich mich nähere: unbefangen, lustvoll und vorfreudig. Und darunter liegt selbstverständlich die ganze Zeit meine Angst, dass ich es nicht hinkriege. Gehört dazu, ohne diese Angst wäre es unangenehm - für die anderen, die einen in der Arbeit erleben.

Wie haben Sie die Balance zwischen Kriminalfall, Familiendrama und psychologischer Spannung gefunden?
Die habe ich nicht gefunden, die wurde mir abverlangt von meiner geliebten Stammproduzentin Doris Zander, von dem unwiderstehlichen Regisseur Rainer Kaufmann, der früher mal ein Katastrophenbuch von mir gerettet hat, und von den unnachgiebigen, fordernden und inspirierenden RedakteurInnen Philine Rosenberg und Christian Granderath. Um ganz ehrlich zu sein: Mir ging es immer nur um das frühere Paar, um die Liebesgeschichte. Was es mit der Tochter auf sich hat und welche Haken die Recherchen der Eltern schlagen können, das haben wir zusammen heftig und hart erarbeitet. Ich bin allerdings überglücklich mit dem Ergebnis.

Wollten Sie mit dem Film auch einen gesellschaftlichen Kommentar zur heutigen Eltern-Kind-Kommunikation abgeben?
Nö. Aber ich merke immer mehr, dass das Wichtigste überhaupt für jeden einzelnen Menschen Nähe ist, Kontakt, Austausch. Insofern war „Eine Nacht in Bangkok“ immer eine Geschichte darüber, wie drei Menschen, die einander verloren haben, sich am Ende alle wieder wirklich begegnen.

In einer sehr zentralen Szene des Films wird der Song „One Night in Bangkok“ von Murray Head gespielt. Welche Erinnerungen ruft er bei Ihnen hervor?
Ich habe das Lied damals sofort geliebt und liebe es bis heute. Es hat Schmiss und so eine schepperige Beklopptheit wie kaum ein anderer Song, den ich kenne. Ich bin aber auch in meinem Freundeskreis bekannt dafür, einen unhaltbaren Musikgeschmack zu haben. Mich macht er glücklich. Von allem was dabei.

Und falls nicht dieser, welcher Song steht für Sie persönlich für die Mitte der 80er – und warum?
Mein Musikgeschmack ist in den Achtzigern stehengeblieben, ich liebe zahllose Stücke, von Meisterwerken wie „Blue Monday“ oder „Tainted Love“ bis hin zu Gassenhauern wie „Come on Eileen“ oder „Moskau“ von Dschingis Khan. Aber auf die redensartliche einsame Insel würde ich den Soundtrack des 80er-Musicals „Fame“ mitnehmen. Je älter ich werde, desto stärker erscheint mir dieser Film als unübertrefflicher Meilenstein. Das deutsche „Fame“ zu schreiben, das bleibt ein Lebenstraum.

Impressum

Herausgegeben von Presse und Kommunikation / Unternehmenskommunikation

Redaktion:
Bettina Brinker, NDR/Presse und Kommunikation

Mitarbeit:
Nicola Sorgenfrey, NDR

Interviews:
Nicola Millies

Rollenprofile:
Sven Sonne

Gestaltung:
Janis Röhlig, NDR/Presse und Kommunikation

Bildnachweis:
NDR/Boris Laewen
NDR/Stephan Rabold
NDR/privat (Sathyan Ramesh)

Fotos:
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Presseservice:
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