DEUTSCHLAND NACH 9/11

PODCAST PEARL HARBURG – DEUTSCHLAND NACH 9/11
AB MONTAG, 7. SEPTEMBER 2026 · ARD SOUNDS & NDR INFO

TV DOKU DAS ERBE VON 9/11 – DEUTSCHLAND NACH DEN ANSCHLÄGEN
AM DIENSTAG, 8. SEPTEMBER 2026 · 23.30 UHR · NDR FERNSEHEN
AB DIENSTAG, 8. SEPTEMBER 2026 · ARD MEDIATHEK

ARD RADIOFEATURE NACH 9/11 – DEUTSCHLAND IM KRIEG
AB DONNERSTAG, 3. SEPTEMBER 2026 · ARD SOUNDS
AM SONNTAG, 6. SEPTEMBER 2026 · 11.04 UHR & 15.04 UHR · NDR INFO

Ein Jahr lang ist ein Rechercheteam des NDR der Frage nachgegangen, welche Folgen der 11. September 2001 für Deutschland hatte – und welche davon bis heute spürbar sind. Die Antworten fand das Team in Lebensgeschichten, die selten erzählt werden: in der eines Soldaten, der bis heute mit den Folgen seines Afghanistan-Einsatzes lebt. In der eines Hamburger Studenten aus Afghanistan, der nach den Anschlägen ins Visier geriet, obwohl er mit den Attentätern nichts zu tun hatte. Und in der Geschichte eines Sohnes, der seinen Vater nie kennenlernen konnte, weil dieser am 11. September im World Trade Center starb, noch bevor er selbst auf die Welt kam. Ein Storytelling-Podcast, eine Fernsehdokumentation und ein Radiofeature erzählen diese Geschichten mit jeweils eigenen Schwerpunkten – und zeigen, wie ein Ereignis vor 25 Jahren die Bundeswehr, die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik und den Blick auf muslimische Communities in Deutschland bis in die Gegenwart hinein verändert hat.

Die Doku

Das Erbe von 9/11 – Deutschland nach den Anschlägen

Am 8.9.2026, 23.30 Uhr, im NDR Fernsehen und in der ARD Mediathek

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben Folgen bis zum heutigen Tag. Für Andreas Rückewoldt haben sie das Leben völlig auf den Kopf gestellt. Als der Soldat die Bilder der brennenden Türme sieht, weiß er sofort: „Für mich war klar: Wir werden eingesetzt.“. Auch wenn er erst Jahre später am Hindukusch kämpft, erlebt er die Anschläge als die eigentliche „Zeitenwende“ in seinem Soldatenleben. Denn die Bundeswehr muss schmerzhaft lernen, was es heißt, eine Armee im Einsatz zu sein. Viele Soldaten erleiden schwere psychische Leiden, können die Erlebnisse nicht verarbeiten, finden nicht die nötige Unterstützung nach ihrer Rückkehr. Andreas Rückwoldt ist seit vielen Jahren schwer krank, er hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass gefallene Soldaten und Veteranen wie er nicht vergessen werden. Dass sein Sohn sich als Soldat ebenfalls für Auslandseinsätze meldet, beschäftigt ihn.

Obeid Said weiß seit dem 11. September nicht mehr, ob er sich in Deutschland sicher fühlen kann. Der gebürtige Afghane kommt in den 1980er-Jahren mit seiner Familie nach Deutschland, liebt die Freiheit, will sich bestmöglich in die deutsche Gesellschaft integrieren – und steht nach den Anschlägen plötzlich ins Visier Die Polizei steht vor seiner Tür, obwohl der Student nichts mit den Hamburger Todespiloten zu tun hat.

Andreas Lohmeyer von der Hamburger Polizei organisiert im Herbst 2001 die Rasterfahndung. Die Behörden fürchten, dass es neben den Todespiloten weitere islamistische Terrorzellen in Hamburg geben könnte. Ihm ist wichtig, dass die Ermittler sehr genau vorgehen: „Was auf keinen Fall passieren darf, dass wir in eine gesamtgesellschaftliche Situation kommen, in der ein Moslem unter Generalverdacht steht“, gibt er seinen Kollegen damals mit auf den Weg.


Ob sein Vater sich in seiner zweiten Heimat USA irgendwann zuhause gefühlt hätte, kann Nick Gorki nicht sagen, obwohl er die Frage gerne gestellt hätte. Aber Nick hat seinen deutschen Vater, Sebastian Gorki, nie kennengelernt. Sebastian Gorki aus dem Sauerland stirbt am 11. September 2001 im World Trade Center, Sebastians Freundin Paula ist mit Nick schwanger, kann sich in letzter Minute in Sicherheit bringen. Seitdem rätselt Nick Gorki, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er seinen Vater kennenlernen können. Mutter und Sohn verbindet eine enge Beziehung, gemeinsam haben sie versucht, den Verlust zu bewältigen. Doch eine Lücke bleibt für beide.

„Das Erbe von 9/11 – Deutschland nach den Anschlägen“ erzählt an Beispielen, wie die Anschläge bis heute nachwirken und welche gravierenden Konsequenzen sie für viele Menschen haben.

Autor: Lennart Banholzer
Redaktion: Clas Oliver Richter

INTERVIEW

mit Andreas Rückewoldt, Ex-Soldat

Was haben Sie gedacht, als Sie am 11. September 2001 die Bilder im Fernsehen gesehen haben?

Den 11. September 2001 habe ich bis heute ganz klar vor Augen. An diesem Tag betrat ich mit meinem Sohn, der gerade vier Wochen alt war und im Maxi-Cosi lag, die Wohnung von Bekannten. Im Fernsehen liefen die Bilder aus New York. Zunächst war ich völlig irritiert und dachte, das sei ein Trailer oder eine Szene aus einem neuen Blockbuster. Erst als meine Schwiegermutter anrief und sagte: ‚Mach den Fernseher an, die Türme stürzen ein‘, wurde mir das ganze Ausmaß bewusst. In diesem Moment hatte ich nur einen Gedanken: Das normale Leben, wie wir es kannten, ist vorbei. Mir war sofort klar, dass die Vereinigten Staaten alles daransetzen würden, die Verantwortlichen für diesen Anschlag zu finden und darauf zu reagieren.
Gleichzeitig war mir bewusst, dass sich dadurch auch für uns als Soldaten vieles verändern würde. Ich war überzeugt, dass die Bundeswehr künftig Kampfeinsätze übernehmen müsste. Für mich begann an diesem Tag eine neue Zeit.

Was war Ihr erster Eindruck als Sie 2010 als Soldat nach Afghanistan ins Feldlager Faisabad gekommen sind?

Mein erster Eindruck war sehr bedrückend. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als sich die Heckklappe des CH-53-Hubschraubers öffnete. Wir saßen angeschnallt im Laderaum, und der Verlader gab das Kommando: ‚Absitzen!‘ In diesem Augenblick schlug uns eine gewaltige Hitze entgegen. Gleichzeitig wirbelte der Rotor so viel Staub auf, dass innerhalb weniger Sekunden alles von einer dichten Staubwolke umgeben war. Diese Mischung aus extremer Hitze und Staub lässt sich kaum in Worte fassen. Bei Temperaturen von deutlich über 45 Grad war das körperlich sofort spürbar. Wir verließen den Hubschrauber zügig und sammelten uns am vorgesehenen Sammelpunkt. Nachdem wir den Staub von unserer Ausrüstung und der Kleidung abgeschlagen hatten, begann ich, mich umzusehen. Erst da wurde mir bewusst, wo wir eigentlich angekommen waren. Das Feldlager lag mitten in einem Talkessel, umgeben von hohen Bergen. Als Infanterist erkennt man eine solche Lage sofort als militärisch problematisch. Wir befanden uns in einer Position, die aus den umliegenden Höhen jederzeit eingesehen und bedroht werden konnte. Dieser erste Eindruck war für mich sehr ernüchternd und machte mir deutlich, unter welchen Bedingungen wir unseren Einsatz leisten würden.

 

Als Sie vor Ort waren, wurde das Feldlager von Demonstranten angegriffen. Wie haben Sie das erlebt?

Das war einer der bedrückendsten Tage meines Einsatzes. Auslöser der Unruhen war die Verbrennung eines Korans durch einen Priester in den USA. Diese Nachricht verbreitete sich damals wie ein Lauffeuer in Afghanistan und führte an vielen Orten zu massiven Protesten. Auch vor unserem Feldlager versammelten sich innerhalb kurzer Zeit mehrere tausend Menschen. Wir waren als Quick Reaction Force (QRF), also als schnelle Eingreiftruppe, in Alarmbereitschaft. Vor dem Lager eskalierte die Situation zunehmend. Es kam zu schweren Ausschreitungen und schließlich zu einem kurzen Feuergefecht mit der Schutzkompanie. Auch afghanische Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer auf die Menschenmenge. Dabei gab es Tote und Verletzte. Erst im Laufe des Tages beruhigte sich die Lage wieder etwas. Doch am Abend spitzte sich die Situation erneut zu. Ich hatte gerade meinen Container verlassen, als plötzlich eine gewaltige Explosion die Luft zerriss. Im ersten Moment war ich überzeugt, dass es sich um einen Artillerieeinschlag handelte. Überall war Staub, Rauch und Druckwelle – man konnte kaum noch etwas erkennen oder hören.
Später stellte sich heraus, dass das Lager mit mehreren RPGs, also Panzerabwehrgranaten, beschossen worden war. Eines der Geschosse schlug nur etwa fünf Meter vor mir in den Boden ein. Dass es nicht detonierte, war pures Glück. Ich lag am Boden, völlig eingehüllt in Staub, und wusste zunächst nicht, ob ich verletzt worden war. Erst als sich der Staub langsam legte, konnte ich einen Bodycheck durchführen und feststellen, dass ich unverletzt geblieben war. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie nah Leben und Tod in einem solchen Einsatz beieinanderliegen. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, dem Tod nur um Haaresbreite entkommen zu sein.

In was für einem Zustand sind Sie aus den Einsätzen zurückgekehrt?

Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, dass meine Erkrankung nicht erst durch Afghanistan entstanden ist. Ihre Wurzeln liegen bereits in meinen Einsätzen in den 1990er-Jahren. Trotzdem habe ich 19 Jahre gebraucht, um mir selbst einzugestehen, dass mit mir etwas nicht stimmt. In dieser Zeit ist meine Ehe zerbrochen. Ich entwickelte eine Alkoholabhängigkeit, und schließlich wurde bei mir eine einsatzbedingte Posttraumatische Belastungsstörung sowie eine schwere Depression diagnostiziert. Über viele Jahre haben mich diese Erkrankungen an die Grenzen meiner Belastbarkeit gebracht. Es gab Phasen, in denen ich daran gedacht habe, meinem Leben ein Ende zu setzen. Umgesetzt habe ich diese Gedanken nie. Einer der wichtigsten Gründe dafür waren meine Kinder. Ich fühlte mich ihnen gegenüber verantwortlich, auch wenn ich mich damals oft gefragt habe, ob ich überhaupt noch eine Bereicherung für meine Familie war. Rückblickend war mein Afghanistan-Einsatz 2010 für mich innerlich auch ein Abschied. Ich hatte damals das Gefühl, für meine Familie, meine Kinder, meine Partnerin, meine Eltern und meine Freunde nur noch eine Last zu sein. In meiner Verzweiflung hoffte ein Teil von mir sogar, dass mir die Entscheidung, selbst aus dem Leben zu gehen, im Einsatz abgenommen würde. Heute weiß ich, wie tief mich die Erkrankung damals bereits beherrschte. Sie hat meine Gedanken und mein Selbstbild vollständig verändert.

Der Podcast

Pearl Harburg – Deutschland nach 9/11

Ab 7.9.2026 – fünfteiliger Podcast bei ARD Sounds, auf NDR Info und überall, wo es Podcasts gibt

Der Terror von 9/11 hat die Welt verändert – und besonders auch Deutschland. Die Terrorakte rückten das Land bei der Verfolgung der Täter ins Zentrum der weltweiten Anstrengungen gegen den Islamismus: Drei Todespiloten kamen aus Hamburg, wo sie den Plan des islamistischen Netzwerks Al-Kaida vorbereitet hatten. Die Jagd auf die Verantwortlichen und auf Al-Kaida-Chef Bin Laden setzte die Sicherheitsbehörden in Hamburg und Berlin unter Druck und verschob deren Fokus grundlegend – mit den Attentaten begann die Konzentration auf islamistische Netzwerke.

Podcast-Host Konstanze Nastarowitz erlebte den 11. September als Kind. Es ist der erste Terroranschlag, an den sie sich bewusst, aber nur sehr verschwommen, erinnern kann. Stellvertretend für ihre Generation geht sie jetzt auf die Suche nach den Spuren des 11. Septembers und reist zurück in die Wochen nach 9/11, als aus dem Stadtteil südlich der Elbe „Pearl Harburg“ wurde – dort, wo die Terroristen gewohnt hatten. Hamburg bewegte Trauer und Mitgefühl, aber auch Angst: vor weiteren Anschlägen und vor einem beschädigten Image.

Der Podcast taucht ein in die Ermittlungen von damals und fragt nach Folgen bis heute. Nach 9/11 standen Muslime plötzlich unter Verdacht, nicht selten pauschal – in der Öffentlichkeit, aber auch bei den Sicherheitsbehörden. Stigmatisierung und Generalverdacht oder berechtigte Vorsorge? Gerade die Fahnder in Hamburg hatten damals Angst, erneut die nächsten Attentäter zu übersehen. Für viele Muslime markiert die Zeit nach 9/11 bis heute den Beginn von Verdächtigungen und Diskriminierungen, die nach jedem weiteren Anschlag neu belebt wurden.

Autoren: Konstanze Nastarowitz und Charlotte Horn mit Lennart Banholzer
Redaktion: Christoph Heinzle
Host: Konstanze Nastarowitz

Die Folgen

Folge 1: Wo warst du?

Wer am 11. September 2001 alt genug war, erinnert sich an seinen 9/11-Moment. Als die Bilder der brennenden Türme in New York und der Schrecken dieses gewaltigen Terroranschlags die ganze Welt erreichten. Und für manche Menschen hat dieser Tag eine besondere Bedeutung: für einen deutsch-afghanischen Pharmaziestudenten, dessen Heimatland bald mitverantwortlich gemacht wird. Für eine Frau, deren Bruder im World Trade Center gearbeitet hat. Für die US-Generalkonsulin an der Alster, die ungeahnt im Mittelpunkt steht. Und für einen LKA-Beamten, der plötzlich sehr viel zu tun hat. Alle leben in Hamburg, das jetzt in den Fokus rückt.

Folge 2: Plötzlich Hamburg

Die Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg gerät in den Mittelpunkt weltweiten Interesses. Drei Todespiloten kamen aus Hamburg, wo sie sich dem islamistischen Netzwerks Al-Kaida anschlossen, um den Terrorplan umzusetzen. Der LKA-Beamte Andreas Lohmeyer steckt plötzlich mitten in Terrorermittlungen. Und mitten in der kollektiven Trauer Hamburgs, die US-Generalkonsulin Susan Elbow besonders intensiv erlebt. Die Repräsentantin der erschütterten Nation erinnert sich an Einigkeit, Mitgefühl und Emotionen. Und an Hamburgs Versuch, das schlechte Image der „Stadt der Terrorpiloten“ wieder loszuwerden. Mitten in der Masse der Trauernden ist Sibylle Dircks, für die zur Gewissheit wird, dass ihr Bruder Christian im Nordturm des World Trade Centers umgekommen ist. Doch der rebellische deutsch-afghanische Schüler Behnam empfindet bei der kollektiven Trauer und Solidarität mit den USA auch ein gewisses Störgefühl.

Folge 3: Im Visier

Der deutsch-afghanische Pharmaziestudent Obeid Said bekommt kurz nach 9/11 Besuch von der Polizei. Er wird gefragt, ob er religiös sei, bete, einer Terrororganisation angehöre. Auch wenn dem nichts weiter folgt, ist Said verunsichert. Die Behörden werfen ihr Netz damals weit aus. Andreas Lohmeyer organisiert für Hamburg die Rasterfahndung, will damit weitere Anschläge verhindern. Die Maßnahmen stützen eine Stimmung: Muslime bestimmter Länder geraten unter Verdacht. Homaira Hakimi berät für den AStA der Universität Osnabrück Menschen, die sich zu Unrecht verdächtigt sehen. Und sie kennt selbst das Gefühl, zum Sündenbock gemacht zu werden – bis heute.

Folge 4: Angeklagt

Die junge Hamburger Anwältin Gül Pinar bekommt überraschend einen Riesenfall: Sie verteidigt den Terrorverdächtigen Mzoudi, der die Todespiloten unterstützt haben soll. Am Ende erreicht sie einen Freispruch für ihren Mandanten. Überraschend, weil der erste große Hamburger Prozess gegen Terrorhelfer Motassadeq mit der Höchststrafe von 15 Jahren endete. Gerichtsreporterin Elke Spanner erinnert sich an die internationale Aufmerksamkeit und die besondere Rolle der USA in diesem Prozess. Die Verfahren sind Teil der Aufarbeitung, die Hamburg auch Jahre nach 9/11 noch beschäftigen.

Folge 5: Hass und Heimat

Der junge, rebellische Behnam studiert – beeindruckt von 9/11 und den Folgen – Islamwissenschaft. Er will etwas gegen die Radikalisierung junger Muslime tun und geht zum Verfassungsschutz. Mit seinem deutschen Nachnamen Heidenreuter bleibt ihm manche Diskriminierung erspart, die etwa Homaira Hakimi und sein Cousin Obeid Said bis heute erleben müssen. Sie haben inzwischen einen Plan B für den Fall, dass sie angesichts von Rassismus und AfD-Aufstieg Deutschland wieder verlassen müssen. Podcast-Host Konstanze Nastarowitz findet in der Gedenkstätte in New York Christians Namen und spricht mit dessen Schwester Sibylle und Ex-Polizist Lohmeyer darüber, was 9/11 heute noch für sie bedeutet.

INTERVIEW

mit Konstanze Nastarowitz, Podcast-Host

Warum war es dir so wichtig, ausgerechnet diesen Podcast zu machen – über einen Tag, der so lange zurückliegt? Du warst damals selbst noch ein Kind.

Richtig, ich war sieben Jahre alt. Für mich war der 11. September bisher so ein sagenumwobener Tag, an den sich alle Erwachsenen ganz genau erinnern können – nur ich nicht. Ich habe nur eine verschwommene Kindheitserinnerung aus einer Turnhalle, einer Radionachricht und den betretenen Gesichtern meiner Eltern.
Mich hat dieses kollektive Erinnern der Erwachsenen fasziniert. So einen zeitgeschichtlichen Moment gibt es ja nur sehr selten; dass so viele Menschen noch ganz genau wissen, wo sie waren. Ich wollte verstehen, was daran so einschneidend für so viele Menschen war. Also sind wir als Recherche-Team losgezogen und haben versucht, nicht nur die Geschichte dieses Tages zu rekonstruieren, sondern zu verstehen, was mit diesem Tag angefangen hat und was wir davon in unserer deutschen Gesellschaft bis heute spüren. Jetzt, nach der Recherche, kann ich sagen, dass es stimmt, dass der 11. September die Welt auch für sehr viele Menschen in Deutschland in ein „Vorher“ und ein „Nachher“ geteilt hat. Uns hat fasziniert, dass dieses „Nachher“ für viele unserer Protagonistinnen und Protagonisten im Podcast tatsächlich bis ins Heute, bis ins Jahr 2026, geht.

Was meinst du damit? Was hat dich in der Recherche besonders überrascht?

Wie aktuell diese Recherche geworden ist. Wir haben in den ersten Monaten unglaublich viel telefoniert und dabei festgestellt, dass die Erinnerungen stark variieren. Es gibt viele Menschen, die in den Tagen und Wochen danach ganz viel Trauer, Unverständnis und auch Angst erinnern, auch in Deutschland. Aber wir haben auch mit vielen Menschen mit Einwanderungsgeschichte gesprochen, die nicht nur Trauer erinnern, sondern auch das Gefühl, ab diesem Tag anders und misstrauisch beäugt worden zu sein – von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, in der Nachbarschaft, an der Uni. Für sie hatte der 11. September nicht nur Auswirkungen auf ihr Sicherheitsgefühl als Bürgerinnen und Bürger in einer Großstadt. Nein, sie haben plötzlich gespürt, dass sie vielleicht doch nicht so sehr „dazugehören“, wie sie dachten. Dass sie verdächtigt werden. Nicht falsch verstehen: Natürlich gab es auch schon vor dem 11. September Rassismus. Aber dieser Tag und auch die Fahndung und das allgemeine Misstrauen danach haben einen spürbaren Keil in die deutsche Gesellschaft getrieben. So haben wir es zumindest in unseren Gesprächen für den Podcast immer wieder gehört. Und diesen Keil, den spüren viele Menschen auch heute noch. Es war also auch ein Ziel, mit dem Podcast diese Wahrnehmung eines kollektiven Erinnerns und der kollektiven Trauer in Deutschland ein wenig aufzubrechen und zu hinterfragen. Denn im Schatten dieser kollektiven Trauer sind viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte ins Visier geraten. Und spüren dieses Fremdheitsgefühl auch heute noch.

Der Podcast heißt „Pearl Harburg“ – ein Wortspiel, das aufhorchen lässt. Was hat es damit auf sich und welche Rolle spielt Hamburg in der Geschichte?

Ich fand den Fakt total faszinierend, dass da so ein riesiges schreckliches Weltereignis passiert und dieses Ereignis dann plötzlich vor den Füßen der Menschen in einer deutschen Großstadt landet. Und ausgerechnet in der Großstadt, in der ich lebe. Hamburg ist eben die Stadt, aus der einige der sogenannten „Todespiloten“ kamen, aus Hamburg-Harburg, um genau zu sein. Und dann fanden hier in Hamburg in der Folge auch noch zwei große „9/11 “-Terrorprozesse statt. Die Stadt trauerte damals also mit den Opfern und hatte gleichzeitig Angst um ihren guten Ruf in der Welt. Es gab sogar eine Hamburger Solidaritätsanzeige in der New York Times. Absurd, oder?
„Pearl Harburg“ ist ein Symbol dafür, wie der Stadtteil Harburg in Verruf geraten ist. Der Begriff ist eine Erfindung der Kolleginnen und Kollegen vom SPIEGEL. „Pearl Harbour“ wurde damals oft angeführt als ähnlich historisch signifikantes Ereignis wie der 11. September. Da liegt das Wortspiel „Pearl Harburg“ nahe – und macht im besten Falle neugierig und deutet auf diese Sonderrolle Hamburgs hin.

Podcast, TV-Doku, Radiofeature – ihr erzählt diese Geschichte gleich über drei Kanäle. Warum dieser Format-Mix und wen möchtet ihr damit erreichen?

Alle Produkte eint, dass sie nicht im Gestern stehen bleiben, sondern ergründen, was „9/11“ uns auch über das Heute erzählen kann. Damit wollen wir auch jüngere Zielgruppen erreichen, die den Tag – so wie ich – nur verschwommen erinnern oder gar nicht. Je nach Ausspielweg funktioniert das unterschiedlich und folgt der Logik der jeweiligen Plattform.
Beim Storytelling-Podcast „Pearl Harburg“ nehmen meine Ko-Autorin Charlotte Horn und ich unsere Hörerinnen und Hörer mit auf eine Spurensuche: Über fünf Folgen hinweg wollen wir gemeinsam mit meiner Generation und den jüngeren Generationen rekonstruieren, was der 11. September damals ausgelöst hat – von der Angst vor Terroranschlägen bis hin zu Rassismus. Unser erzählerischer Fokus liegt im Podcast auf Hamburg, wo auch der Großteil unserer Protagonistinnen und Protagonisten lebt. Wir wollten den 11. September auch vor dem Hintergrund dieses Ortes erzählen.
Die TV-Doku behandelt das Generationen-Thema nochmal etwas anders, anhand von Generationen-Paaren: Vater und Sohn (beides Soldaten) sowie Mutter und Sohn (beide Angehörige eines Opfers). In der TV-Doku blicken wir gerade auch durch die Augen unserer jüngeren Protagonistinnen und Protagonisten auf den 11. September, um zu verstehen, was bleibt.
Das Radiofeature wiederum setzt den Schwerpunkt auf die Bundeswehr und thematisiert Deutschlands Rolle im Afghanistan-Einsatz. Dieser Krieg ist ja eine weitere Folge des 11. September, dessen Auswirkungen in Truppe und Gesellschaft bis heute spürbar sind. Auf diese Weise konnten wir das Erbe des 11.Septembers multiperspektivisch erzählen – je nach Kanal, Plattform und Zielgruppe.

Das ARD radiofeature

Nach 9/11 – Deutschland im Krieg

Ab 3.9.2026 bei ARD Sounds, am 6.9., 11.04 Uhr und 15.04 Uhr, auf NDR Info

25 Jahre nach dem 11. September 2001 beleuchtet das Feature den Druck, unter dem die deutsche Außen- und Verteidigungspolitik nach den erschütternden Anschlägen stand, und Berlins Reaktion auf die Erwartungen aus Washington. Zeitzeugen aus Politik und Bundeswehr berichten, welche Folgen bis heute nachwirken und wie sich der Umgang mit Krieg und Militär seither verändert hat.

Ein ehemaliger KSK-Offizier erzählt erstmals die abenteuerliche Geschichte, wie er 2001 als erster Bundeswehrsoldat afghanischen Boden betrat. Zu Wort kommen außerdem der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping, die Ex-Generäle Wolfgang Schneiderhan und Harald Kujat sowie Vater und Sohn Rückewoldt – Afghanistanveteran und ein junger Soldat, der trotz Einsatzschädigung seines Vaters selbst zum Einsatz bereit ist. Die ehemaligen Bundestagsabgeordneten Christa Lörcher (SPD) und Angelika Beer (Bündnis 90/Die Grünen) schildern zudem, warum sie den Einsatzsbefehl damals kritisiert haben.

Autoren: Christoph Heinzle und Sugárka Sielaff mit Lennart Banholzer
Redaktion: Jasmin Klofta

Stabliste

TV-DOKU

Ein Film von
Lennart Banholzer

Mitarbeit
Christoph Heinzle, Charlotte Horn, Konstanze Nastarowitz

Kamera
Lennart Banholzer, Andreas Fritzsche, Carsten Janssen, Philipp Nöhr, Alexander Rott, Martin Warren

Schnitt
Jan Westphal

Produktionsleitung
Stefanie Röhrig

Grafik
Thorben Korpel

Musik
Frank Merfort

Tonmischung
Felix Wenzel

Bildtechnik
André Bacher

Distribution
Wiebke Neelsen

Redaktion
Clas Oliver Richter

PODCAST

Host und Autorin
Konstanze Nastarowitz

Co-Autorin
Charlotte Horn

Mitarbeit
Lennart Banholzer

Musik
Frank Merfort (Feature Music)

Ton & Technik
Jan Merget und Christian Alpen

Dramaturgische Beratung
Klaus Uhrig und Katja Paysen-Petersen

Regie
Lisa Krumme

Distribution
Nils Kinkel und Wiebke Neelsen

Redaktion
Christoph Heinzle

ARD RADIOFEATURE

ARD Radiofeature von
Christoph Heinzle und Sugárka Sielaff

Mitarbeit
Lennart Banholzer

Es sprechen
Christoph Heinzle, Michael Weber und Sonja Szylowicki

Ton & Technik
Marvin Leesch

Regie
Leo Schenkel

Redaktion
Jasmin Klofta

FÜR ALLE PRODUKTIONEN

Faktencheck
NDR Archiv – Team Faktencheck

Juristische Beratung
Philipp Steinhübl

Impressum

Herausgegeben von Presse und Kommunikation / Unternehmenskommunikation

Redaktion:
Patricia Da Costa, NDR/Presse und Kommunikation

Gestaltung:
Janis Röhlig, NDR/Presse und Kommunikation

Bildnachweis:
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NDR/Janis Röhlig (Konstanze Nastarowitz)

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